Er hat das Referendariat noch nicht richtig abgeschlossen, da flattern die ersten Angebote ins Haus. Martin S. hat Mathematik und Physik auf Lehramt in Berlin studiert. Sein Referendariat hat er auch in Berlin gemacht. Die Abschlussnote steht noch nicht fest. Trotzdem verspricht ihm ein privates Gymnasium 2.000 Euro Prämie, wenn er zusagt. Das Gymnasium scheint es sich leisten zu können.
Martin S. sieht das Angebot durchaus kritisch. "Ich wusste nicht, dass der Kampf um Fachlehrer solche Ausmaße erreicht hat." Angenommen hat er das Angebot trotzdem.
Sinkende Studierendenzahlen
Was erwartet die deutschen Schüler in den nächsten Jahren? Horst Schecker stellt in seiner Eröffnungsrede zur Tagung der Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik im Jahre 2009 fest: "Es gibt weitaus zu wenige Lehramtsstudierende der Physik und Chemie. Es wird zunehmend schwieriger, Doktoranden und selbst studentische Hilfskräfte für Forschungsprojekte zu gewinnen – und das angesichts einer steigenden Zahl an Drittmittelvorhaben in der Naturwissenschaftsdidaktik."
Geht der Trend weiter, so wird sich bis 2015 die Zahl der naturwissenschaftlichen Studienanfänger gegenüber 2003 halbieren.
Die Naturwissenschaft im Teufelskreis
Dabei ist der Lehrermangel in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht nur einfach ein Mangel. Die Fachlehrer sind in den Schulen überlastet, weil sie zu viele Aufgaben übernehmen müssen. Dadurch können sie oft trotz hoher Qualifikation ihre Kernaufgabe nicht mehr erfüllen. Diese besteht darin, die Schüler für ihre Fächer zu begeistern und das auf möglichst hohem Niveau. Fehlt aber diese Begeisterung, werden umso weniger Schüler den Weg in das naturwissenschaftliche Studium finden. Ein Teufelskreis entsteht, weil sich der Fachkräftemangel in die Zukunft fortsetzt.
Ein neues Phänomen?
Das Phänomen allerdings ist gar nicht so neu. Schon vor 20 Jahren war der naturwissenschaftliche Unterricht nicht am kontinuierlichen Kompetenzerwerb orientiert. Auch das war nicht ein Problem der Fachlehrer. Häufig war die Stundenaufteilung zwischen den Naturwissenschaften zerstückelt, so dass Schüler mal ein halbes Jahr Physik, dann ein halbes Jahr Chemie hatten.
Und es gibt noch eine Reihe anderer triftiger Probleme. Dazu gehören unattraktive oder fehlende Fachräume, eine nur in Expertengruppen geführte Diskussion über naturwissenschaftliche Förderung im Kindergarten (die sehr wohl möglich ist!) oder das Unwissen vieler Eltern, welche Kompetenzen überhaupt in den Naturwissenschaften relevant sind. Die meisten Eltern würden ihre Kinder gerne unterstützen, wissen aber nicht wie.
Gibt es Abhilfe?
Zu wenig. 2009 hat Dr. Axel Nünke, Leiter einer Privatschule für Erwachsenenbildung in Berlin, beschlossen, gegen diesen Notstand anzugehen. Nünke, selbst Vater von zwei Kindern, konstatiert, dass viele Fachkräfte brach liegen. So werden Ingenieurinnen nach der Schwangerschaftspause trotz hoher Qualifikationen ungerne eingestellt, obwohl sie jahrelange Erfahrungen aus Labor und Wirtschaft mitbringen. Auch viele ihrer älteren männlichen Kollegen bekommen nach einem Arbeitsplatzverlust selten noch einmal die Chance, andernorts in ihren Beruf einzusteigen. Dabei haben sie junge Kollegen eingearbeitet, studentische Kräfte betreut oder sogar über Schülerpraktika mit Schulen wissenschaftlich und pädagogisch kooperiert.
Diesen Menschen möchte Nünke eine Chance bieten. "Wir haben den Vorteil, dass unsere Absolventen nicht nur ein herausragendes Fachwissen, sondern auch die praktische und an Wirtschaftlichkeit orientierte Anwendung kennen und können. Gerade das macht sie für die Schulen so wertvoll. Und wir können uns auf die pädagogischen Kompetenzen konzentrieren. Wir wollen mehr Psychologie, mehr Didaktik, mehr Methodik.", beschreibt Dr. Nünke die Inhalte des AKLEB-Lehrganges. AKLEB steht für "Akademiker mit Lehrbefähigung".
Das Arbeitsamt mauert
Statt hier jedoch die Chance zu ergreifen und für eine rasche Umsetzung des Lehrgangs zu sorgen, mauert das Arbeitsamt. Zum größten Teil absolvieren arbeitslose Ingenieure AKLEB über Bildungsgutscheine. Das Arbeitsamt beharrt darauf, dass Bildungsgutscheine erst vergeben werden, wenn "Bedarf da sei".
"Dabei suchen viele Schulen händeringend Chemie- und Physiklehrer. Auch die Einführung in das objektorientierte Programmieren in den höheren Klassen muss wegen des Lehrermangels oft ausfallen. Wenn der augenscheinliche Fachkräftebedarf nicht gesehen wird, verstellt man den Schülern den Weg in attraktive, zukunftssichere Berufe", beschreibt Nünke die Misere.
Zur Zeit sind es die privaten Schulen, die die neuen Kollegen in den Lehreralltag aufnehmen und, zusammen mit den Dozenten von AKLEB, bis zu ihrer endgültigen Prüfung im Dezember begleiten. Ende September beginnt ein neuer Lehrgang.
"Wenn von oben keine konstruktiven Lösungen vorgeschlagen werden, boxen wir sie von unten durch!", sagt Dr. Nünke. Kulturstressoren, so nennt der Philosoph Peter Sloterdijk Menschen, die für einen hohen kulturellen Anspruch und ein hohes wissenschaftliches Niveau kämpfen.
Eine Initiative wie AKLEB wird den Lehrermangel nicht beheben. Sie bietet aber eine Perspektive, die sowohl für Ingenieure und Diplom-Wissenschaftler als auch für Schüler interessant ist.
Literatur:
Horst Schecker: Eröffnungsansprache. In Dietmar Höttecke (Hg.): Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens zwischen Phänomen und Systematik. Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in Dresden 2009. Berlin 2010, S. 2-5.
