Es hatte so schön werden sollen. Im Jahr 2010 wollten die beiden exponiertesten Mitgliedsinstitute der „Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime“ (DLEH), das UNESCO-Modellprojekt Odenwaldschule und die Schule Schloss Salem als das deutsche Vorzeige-Internat, das Jubiläum ihres einhundertsten und neunzigsten Bestehens festlich begehen. Doch 2010 wurde zum „annus horribilis“ für die gesamte Branche. Was war geschehen?
"Schmutzige Spiele hinter glänzenden Fassaden"
Die Aufdeckung von Fällen sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Colleg, eines von Jesuiten geleiteten Tagesgymnasiums, brachte eine Lawine ins Rollen, die zunächst nur kirchliche Elite-Internate erfasste, dann aber auf die deutschen Internate insgesamt übergriff. Sehr schnell zogen die Landerziehungsheime als vermeintlich elitärste (weil teuerste) Einrichtungen einen Großteil der öffentlichen Aufmerksamkeit auf sich. „Focus online“ sprach von „schmutzigen Spielen hinter glänzenden Fassaden“.
Die PR-Katastrophe erwischte die Nobel-Internate just auf dem Höhepunkt eines regelrechten Medien-Hypes. Vor allem die Mitgliedsschulen der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, zu der Institute wie Salem, Neubeuern, Birklehof und Louisenlund gehören, waren zu Fluchtburgen des Bildungsbürgertums nach PISA, zum Idealbild der Ganztagsbetreuung und zur Alternative im Zeichen von G8 hochgeschrieben worden. Innenansichten von Hochpreis-Internaten überschwemmten förmlich die deutschen Wohnstuben: Als Spielorte von Soaps selbst im Kultur-Kanal „arte“, als Tatorte von Krimiserien oder als Reality-TV in den Nachmittags- und Vorabend-Formaten des „Unterschicht-Fernsehens“. Und kaum ein Reisebericht aus deutschen Landen, der nicht noch einen kleinen Abstecher wagte in eine am Wege liegende „Internatsschule Schloss XY“. Hemmungsloses Product-Placement in Reinkultur – selbst bei öffentlich-rechtlichen Sendern!
Zur Ikone des medialen Internatsbooms wurde zeitgleich mit J. K. Rowlings Schloss Hogwarts, der Ausbildungsstätte des ewigen Zauberlehrlings Harry Potter, die Schule Schloss Salem, von der ein Positionspapier der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zum Thema „Reformpädagogische Schulkonzepte (Untertitel: Motoren einer liberalen Erneuerung unserer Schulen)“ aus dem Jahr 2005 vollmundig kündete: „Würde man in Deutschland eine Umfrage machen, welche Schule die beste Deutschlands sei, würde Schloss Salem mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf einem der vorderen Plätze zu finden sein, hat es doch gemeinhin den Nimbus, die deutsche Eliteschule zu sein.“
Das journalistische Wohlwollen gegenüber Salem & Co. schien keine Grenzen zu kennen. Selbst Ende März 2010, als die Enthüllungen über die Verbrechen in etwa dreißig Internaten bereits hohe Wellen schlugen, glaubte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ noch einen neuen Run auf deutsche Internate zu verspüren. Ungeprüft verbreitete das Blatt die Behauptung, dass Privatinstitute, die „ihre Insassen in ruhiger Abgeschiedenheit sicher zum Abschluss“ geleiteten, sich „wie Pilze“ vermehrten (Heft 13/2010). Schlimmer noch: Die „Missbrauchsvorfälle in einigen deutschen Erziehungsinstituten“ wurden zu „Ausnahmeereignisse[n] in Ausnahmesituationen“ erklärt, die „für die Bildungslage in Deutschland ungleich weniger bedeutend“ seien als „die desolaten Zustände“ in den „überforderten Grund- und Hauptschulen der Republik“.
Das ist schon eine befremdliche Form der Aufrechnung, die zudem fahrlässig ausblendet, dass die Einrichtungen, die da angeblich massenhaft aus dem Boden schießen, von der Buchautorin Julia Friedrichs („Gestatten: Elite“) noch kurz zuvor als „Rütli-Schulen für Reiche“ entlarvt worden waren, während die als „Terrorschule“ bundesweit bekannt gewordene Hauptschule in der Rütli-Straße von Berlin-Neukölln sich zu einer Art Leuchtturmprojekt der pädagogischen Sanierung entwickelt hat. Zusammen mit einer Realschule, einer Grundschule und zwei Kindergärten bildet sie mittlerweile die „Gemeinschaftsschule Neukölln“, eine pädagogische Oase mitten im hauptstädtischen Problembezirk.
Imagewandel – eine Erfindung des PR-Journalismus
Das Beispiel zeigt, was sich da an Stelle exklusiver Internate im Unterholz des PR-Journalismus „wie Pilze“ vermehrt hat: Es ist die Gattung des „Schreiberlings“, dessen Wortakrobatik einen Imagewechsel der Internate vortäuschen soll. Der in vielen einschlägigen Publikationen immer wieder nachweisbare Trick: Man wirft boomende Privatschulen und private Internate (die nicht im selben Maße boomen!), Landerziehungsheime mit vielen Problemkindern und staatliche Hochbegabteninternate mit exzellenter Schülerauswahl einfach in einen Topf. Daraus werden dann steigende Internatsnachfrage, ein Imagewandel, eine neue Zielgruppe bildungsbewusster Eltern mit leistungsbereiten Kindern. Zwei Zitate aus der Illustrierten „Stern“ (Carina Kamps: „Jenseits von Eton“, stern.de vom 28. Juni 2008) zum Beleg:
- "Die Eltern wollen ihre Kinder individuell fördern lassen. Im staatlichen Schulwesen ist das ihrer Meinung nach oft nicht möglich", sagt Roman Friemel, der beim Verband Deutscher Privatschulen für Internate zuständig ist.
- "Früher wurden Schüler wegen schlechter Noten und auffälligen Verhaltens aufs Internat geschickt", sagt Friemel, "heute verstärkt wegen guter Leistungen."
Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang, dass selbst extreme Normabweichungen ihres Nachwuchses von vielen Eltern aus der Mittelschicht nicht mehr als solche registriert werden. Hierdurch wiederum entsteht eine Dauerkonfrontation gegenüber schulischen Autoritäten, da diese „überzeugten Eltern“ die öffentlichen Lehranstalten in der Pflicht sehen, auf die Eigenheiten ihrer Sprösslinge „individuell“ einzugehen. So entsteht aus Erziehungs- und Schulproblemen Einzelner die vermeintlich kollektive „Unzufriedenheit mit der öffentlichen Schule“. Und diese findet dann – allerdings oft erst nach juristischen Auseinandersetzungen und Prozessniederlagen (90 Prozent der Elternklagen gegen Lehrer und Schulverwaltung scheitern!) – ihren Niederschlag in einer verstärkten Nachfrage nach Privatschulen und Internaten. Das mediale Bashing öffentlicher Schulen, das sich zumeist auf gleich lautende Fehlinterpretationen der Bezahlschul-Branche stützt, bewertet dies dann als „Abstimmung des Bildungsbürgertums mit den Füßen“.
Die elterliche Konfliktbereitschaft korrespondiert im Übrigen eng mit der Höhe des elterlichen Einkommens, was der Attraktivität teurer Internatsschulen ungemein förderlich ist. Um aber Problemkinder konfliktfreudiger Eltern in vermeintlich „guten“ (weil sozial exklusiven) Internaten unterzubringen, bedarf es der oben beschriebenen Sprachregelungen und Tarnmotive. Diese werden der geschätzten Kundschaft natürlich auch von den Profiteuren auf der Anbieterseite gern in den Mund gelegt, obwohl die es besser wissen. Doch würde es dem eigenen Image schaden, wenn man sich zu einer Wahrheit bekennen würde, die der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in seinem letzten Buch „Unterm Strich“ folgendermaßen auf den Punkt bringt:
„Ich bin in all den Jahren als Minister manchmal Maklern, Investmentbankern und Jungunternehmern begegnet, die von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk waren. […] Nicht selten tauchen in ihrem Schlepptau schwer erziehbare, weil völlig verwöhnte Kinder auf, die dann auf Internate mit der Begründung geschickt werden, dass die öffentlichen Schulen in Deutschland zu schlecht seien.“
Rückkehr zur ernüchternden Realität
Vor dem Hintergrund des durch die Missbrauchsfälle ramponierten Ansehens aller Einrichtungen, die die Medien noch immer unreflektiert als „Eliteinternate“ bezeichnen, findet man nun langsam zur ernüchternden Realität zurück. Ausgerechnet der neue Vorstand der Schule Schloss Salem, der hoch respektable, weil kenntnisreich und unbestechlich urteilende Robert Leicht, erinnert daran, dass die Geschichte der Landerziehungsheime im Allgemeinen und der Schule Schloss Salem im Besonderen über die vielen Jahrzehnte eine „Krisen-“ und „in wesentlichen Phasen sogar reine Überlebensgeschichte“ gewesen sei (Robert Leicht in DIE ZEIT Nr. 18 vom 29. April 2010).
Nach Jahren des allgemeinen Wohlwollens bläst den Landerziehungsheimen nun wieder ein rauherer Wind ins Gesicht. Schon gibt es Anzeichen für „Strukturbrüche“ innerhalb der Gesellschaft, die ein Umschlagen des Meinungsklimas zu Ungunsten von Luxus-Internaten bewirken könnten. Das gilt auch für die Nachfrageentwicklung.
Noch in der Wirtschaftskrise von 2009 und während des Skandal-Jahrs 2010 hatten die LEH-Repräsentanten geprahlt, dass die Internats-Nachfrage kaum gelitten habe. Mittlerweile räumt selbst ihr Flagschiff Schloss Salem einen Rückgang der Belegung – „wie überall“ – ein. Zusätzliche Nachfrage soll jetzt unter den neuen Eliten generiert werden, die sich in Osteuropa herausbildeten.
Ganz allgemein scheint sich die Bewunderung für die Zauberwelt der Luxusinternate allmählich zu verflüchtigen. Damit sinkt auch der Stern der Landerziehungsheime. Die Warnungen vor einer Refeudalisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft unter dem Vorwand der Eliteförderung werden dringender. Und endlich darf auch wieder die Frage gestellt werden, ob die Politik das Sonderungsverbot des Grundgesetzes, das die Genehmigung privater Schulen davon abhängig macht, dass sie allen Schülern unabhängig vom Einkommen der Eltern zugänglich sind, überhaupt noch ernst nimmt. Nirgends wurde dies deutlicher als anlässlich der fünften Reckahner Bildungsgespräche zum Thema "Welche Exzellenzförderung braucht Bildung?" im Frühsommer 2010.
So warnte Prof. Dr. Klaus Jürgen Tillmann, Bildungsforscher und ehemaliger Leiter der Bielefelder Laborschule, vor „Exklusionstendenzen“, wie sie sich unter anderem in der Gründung von Elitekindergärten und privaten Grundschulen zeige. "Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die neue Debatte über Elite und Exzellenz vor allem darauf ausgerichtet ist, soziale Separierung im Bildungssystem weiter zu befördern. Einer solchen Argumentation, die Begabtenförderung sagt, aber soziale Spreizung meint, sollten wir nicht auf den Leim gehen."
Da geriet der Ex-Leiter der Schule Schloss Salem, Dr. Bernhard Bueb, kräftig in die Defensive. Und seine Beteuerungen, das von ihm dreißig Jahre lang geführte Institut sei „keine Eliteschule" und habe lediglich den Anspruch erhoben, Kinder und Jugendliche zu einer Verantwortungselite im Sinne des Gemeinwohls zu erziehen, forderte nur neue Kritik heraus. Warum, so die ketzerische Frage von Peter Daschner, Direktor des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung, müsse Erziehung zur Verantwortung nach dem Salemer Modell überhaupt „kaserniert“ stattfinden und „in Abgrenzung zu denen, mit denen Verantwortung geteilt oder für die Verantwortung übernommen werden solle?
Auch im allgemeinen Schulwesen würden zudem genügend Anstrengungen gemacht, Begabungen zu erkennen und allen Kindern das „richtige Futter“ zu bieten.
