
- Buchcover - Bilger Verlag
Der schweizerisch-australische Autor Simon Froehling (32) hat im bilgerverlag einen Roman veröffentlicht, der HIV, AIDS und Liebe in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, und der aus mehrerlei Gründen heraus außergewöhnlich ist. Froehling ist überzeugt davon: "Happy people have no stories!", weshalb er sich an diesen nach wie vor schwierigen Literaturstoff herangewagt hat. Das Ergebnis - dies vorneweg - ist überaus gelungen, was auch daran liegt, dass Froehling herausgestellt hat, dass HIV und AIDS sich als Krankheit gewandelt haben - vom Todesurteil zur chronischen Erkrankung.
Ein Liebesroman, in dem HIV und AIDS eine Hauptrolle spielen
Die Handlung des Buches: Patrick und Jirka sind zwei schwule Männer, die eine Nacht miteinander verbringen. Danach stiehlt sich Patrick davon, kehrt dann aber doch über Umwege zu Jirka zurück und erfährt, dass dieser HIV-positiv ist. Es ist ein großer Verdienst von Froehling, dass sich fortan die Handlung völlig anders entwickelt, als man es erahnen könnte. Es geht in diesem Roman nämlich nicht darum, dass Patrick nun in allererster LInie von einer Todesangst zerfressen wird und infolge dessen verzweifelt die Frage danach stellt, ob er den HI-Virus nun auch in sich trägt. Und es entwickelt sich hieraus auch kein Kammerspiel für zwei schwule Männer dahingehend, wer denn nun welche Schuld an irgendwas trägt und wie das Leben weitergehen könnte. Nein, Froehling hat einen Liebesroman vorgelegt, das verrät schon der Blick auf das Cover dieses schön gestalteten Buchs. Es geht also in diesem Roman nicht um Schuld und Schuldzuweisungen, sondern um Verlust und tief empfundene Liebe.
Simon Froehling beschreibt die Schönheit des HIV-Kranken
En passant definiert Froehling dabei auch die Begrifflichkeit des Schönen neu und führt dem Leser vor Augen, "wie schön der Körper eines HIV-Positiven sein kann." Das ist mutig. Das ist frech. Das ist ungeheuerlich. Das ist auf jeden Fall neu. Überhaupt bedient sich der Autor einer Sprache, die keine leichte Kost ist. Teilweise kommt sie merkwürdig distanziert daher, wozu es auch passt, dass er Dialoge sparsam nur einsetzt. Diese Dialoge wiederum wechseln sich ab mit Beobachtungen und Rückblenden, die noch an anderer Stelle beleuchtet werden sollen. So mag man sich vorstellen, was wohl passiert, wenn der Partner sagt: "Du, ich bin HIV-positiv!" Weinkrämpfe. Verzweiflung. Wut. Eine naive Lieschen-Müller-Perspektive eben. Zumindest dann, wenn man Froehling folgen mag. Nein, in diesem Roman verweigert Froehling dem Leser den Showdown mit großen Gefühlsausbrüchen, und lässt statt dessen Patrick analytisch und fernab jeglicher Dramatik die im ersten Semester eines Journalismus-Studiums vermittelten W-Fragen durch den Kopf gehen: Wer? Wo? Was? Wann? Warum? und Wie?
Eine wunderbare Bildsprache, mit deren Hilfe AIDS ein anderes, ein konkretes Gesicht bekommt
Das ist schwer erträglich und irgendwie auch ein wenig unglaubwürdig. Kaum aber hat man sich an diese Distanziertheit gewöhnt, schwenkt Froehlings Sprache ins Drastische um, wird der Liebesroman dann doch zum Drama, etwa als Patrick Jirka unterstellt, sich diese Krankheit vielleicht ausgesucht zu haben, weil diese "zu dir passt." Eine Krankheit, die sich Patrick übrigens so vorstellt: "Ich stelle mir das Virus als fiesen kleinen Leuchtballen vor, der blinkend und gefrässig durch deine Blutbahnen kreist (...)." Ohne das Virus verniedlichen zu wollen - diese Bildsprache ist schlicht wunderbar.
In diesem Roman ringen zwei Männer um ihre Liebe, wobei sich Distanz und Nähe immer wieder abwechseln. Patrick fragt sich nicht so sehr, ob er das Virus wohl auch in sich hat, sondern er forscht, was es wohl für ihre Liebe bedeuten könnte, wenn er ihn eben nicht in sich tragen sollte. Patrick scheint sich dabei in einer Melange von Illusionen und Ausweglosigkeit gar zu fragen, ob er Jirka nicht trotz, sondern wegen seiner Krankheit liebt. So gelingt es Froehling, AIDS ein anderes Gesicht zu verleihen und den Umgang mit der Immunschwächekrankheit aus einem anderen, einem ungewöhnlichen Blickwinkel heraus zu beleuchten. Es geht also um die Liebe von Patrick und Jirka, und welche Rolle das HI-Virus in dieser Liebe einnimmt. Patrick will Jirka nahe sein und fragt sich, ob das überhaupt möglich ist, wenn der eine krank ist und der andere nicht. Ein Schlüsselsatz scheint für den Rezensenten der zu sein, als Froehling beschreibt, wie sich die beiden Männer an einem ungewöhnlichen Ort beim Yoga gegenübersitzen: "Zwei Gestalten, vervielfältigt in den beiden raumhohen und saalbreiten Wandspiegeln, schauten sich an und sahen dahinter sich selbst und dahinter den anderen und nochmals sich selbst und den anderen und nochmals, bis sie zerschellten in der Unendlichkeit." Auch dies ein wunderbarer Satz!
Simon Froehling befindet sich mit seinem Buch in der Tradition des Hervé Guibert
Wo viel Licht ist, taucht auch mancher Schatten auf. Völlig unnötig, gar nervend sind manche Rückblenden, die Froehling in diesem Roman immer und immer wieder eingebaut hat, wobei manches gar Zäsuren sind, der eigentlichen Handlung völlig abträglich. Ja, sie stören schlichtweg, die Beschreibungen etwa von Situationen oder Personen, die alles in allem im weiteren Verlauf des Buchs eine nur untergeordnete oder gar keine Rolle mehr spielen. Doch bleibt es bei alledem dabei, dass Froehlings Buch ein ausgezeichnetes ist, weil er es wie weiland der große französische Romancier Hervé Guibert geschafft hat, hier eben keine Szeneliteratur vorzulegen. Es geht zwar um zwei schwule Männer, und man könnte Lange Nächte Tag gar als Coming-Out-Roman oder aber als Coming-Age-Roman betrachten, doch dieses Buch kann auch die heterosexuelle Frau und der heterosexuelle Mann, wenn man so will jeder also, lesen, der sich für diese Thematik interessiert.
