
- kreatives schreiben - Pia Helfferich
Wer einen Marathon komplett absolviert, erhält ein T-Shirt mit der Aufschrift Finisher. Nun wäre es naheliegend, T-Shirts auch mit Romanabsolvent oder End-Schriftsteller zu drucken ... doch, halt, vielleicht gibt es die nicht, weil das die falsche Idee ist. Um einen Schreibmarathon durchzustehen, und nichts anderes ist das Schreiben eines Romans oder eines ähnlich seitenstarken Projekts, ist es wichtig, vor allem auf den Prozess zu schauen und nicht auf das Ergebnis. Natürlich soll der Text so gut wie möglich werden, aber am wichtigsten ist es, den Schreibprozess zu mögen und zu genießen und ihn nicht zu etwas werden zu lassen, wo man durch muss, um dann endlich ein gedrucktes Buch mit dem richtigen Namen auf dem Cover in Händen zu halten. Schielt man ausschließlich auf den fertigen Roman, dann wird das Schreiben umso stärker zu einer lästigen Pflichtübung und das wirkt sich auch auf die Qualität des Textes aus.
Der Motivation auf die Sprünge helfen
Um Motivationslöcher und Sinnfragen zu überstehen, gibt es eine Reihe kleinerer Tricks. Zum Beispiel kann man sich in schwierigen Momenten darauf besinnen, wie es war, als man das Schreiben begann und auf der Welle der Begeisterung ritt. Was war damals das Schöne am Schreiben, was hat diese Begeisterung ausgelöst? Vielleicht liest man noch mal die alten Texte oder man schreibt mal wieder diese Art von Texten, wenn man mit einer speziellen Form wie Tagebuch, Briefe oder Gedichte begonnen hat.
Für manche Autoren ist es auch hilfreich nebenher kürzere Texte zu schreiben, um öfters etwas beenden zu können. Kurzgeschichten, Gedichte, Artikel können diese Funktion übernehmen. Andere Autoren lenkt dies zu sehr vom Roman ab.
Den Text zu planen, ihn in kleine Abschnitte einzuteilen und diese dann auf einer Liste abhaken zu können ist in meinen Augen der wichtigste Tipp. Je kleinteiliger sie den Roman einteilen können, umso besser, aber egal ob es Szenen oder Kapitel sind, die sie auflisten, nicht ist befriedigender, als die einzelnen Schritte als erledigt auf Ihrer Liste durchstreichen zu können. Das sind die kleinen Erfolgserlebnisse, die man braucht, um die komplette Arbeit durchzuhalten. Denn wenn man montalelang schreibt, jedoch kein Ziel erreicht, dann führt das zu dem Gefühl, nie das letzte Kapitel zu erreichen, und man gibt frustriert auf.
Zeitmanagement
Die Frage, wie lange man braucht, um die erste Romanfassung zu schreiben, ist einfach zu beantworten: Man braucht so lange, wie man sich Zeit lässt. Ihre Erfahrung reicht aus, um einschätzen können, wie lange sie brauchen, um eine Seite zu schreiben bzw wie viele Seiten sie in einer Stunde schaffen. Wie viele Stunden pro Woche können Sie für den Roman reservieren? Planen Sie auf jeden Fall Zeitpuffer und Pausen ein, Stress war noch nie als kreativitätsförderndes Mittel bekannt. Nun können Sie ausrechnen, wie lange Sie für die Rohfassung Ihres Romanpojekts veranschlagen müssen.
Es gibt übrigens kein normales oder durchschnittliches Pensum für Schriftsteller. Daniel Kehlmann schreibt eine Seite pro Tag, andere nehmen sich fünf Seiten vor, manche zehn. Das hängt einerseits von der Zeit ab, die man erübrigen kann, andererseits von der Sorgfalt, die man in diese Seite investiert. Das Beispiel zeigt aber auch, wie machbar es ist, einen Roman zu schreiben. Nur eine einzige Seite am Tag und man hat ein Jahr später ein dickes Manuskript vor sich liegen!
Auf der Welle der Faszination reiten
Um einen langwierigen Schreibprozess möglichst schmerzfrei zu überstehen, ist auch die richtige Haltung zum Text wichtig. Machen Sie sich immer wieder klar, warum Sie diesen Roman schreiben. Was fasziniert Sie daran? Warum ist es wichtig für Sie? Was wollen Sie damit erreichen?
Zur richtigen Haltung gehört aber auch, ein nicht zu kompliziertes Anspruchsdenken zu haben. Versuchen Sie möglichst schnell die erste Fassung zu beenden, überarbeitet werden muss sie doch sowieso. Verlieren Sie sich nicht in perfektionistischen Kämpfen mit sich selbst, schließlich ist der Perfektionismus der schlimmste Feind des Autors.
Unterstützung von außen
Krisen und Zweifel gehören früher oder später zu jedem Schreibprozess. Am besten akzeptiert man sie als notwendiges Übel und bereitet sich darauf vor, sie durchzustehen. Um noch auf einmal auf den Vergleich mit einem Marathon zurückzukommen: Besorgen Sie sich eine Jubelgruppe, die sie mit Anfeuerungsrufen ein paar Schritte lang begleitet und auch noch ein elektrolytehaltiges Getränk reicht, wenn sie Ihre Erschöpfung sieht. Autoren brauchen Mitmenschen, die ihre Anstrengung richtig einschätzen und ihre Arbeit mögen, vielleicht sogar bewundern. Den Text brauchen sie dafür gar nicht zu kennen, allein die heldenhafte Tat, 250 oder 800 Seiten zu beschriften sollte gewürdigt werden. Wenn Autoren weinend neben dem Schreibtisch zusammen brechen, brauchen sie nicht den Satz “Warum tust du dir das auch an?”, sie brauchen Menschen, die sie daran erinnern, warum sie dieses Buch schreiben, dass sie so eine Krise beim letzten Mal auch gemeistert haben und die sie an den Triumph der letzten Seite erinnern, die kommen wird. Nicht immer sind Verwandte und Freunde zu dieser Unterstützung fähig, oft helfen Schreibgruppen besser, weil deren Mitglieder die Situation aus eigener Erfahrung kennen.
Doch wie immer kann auch die Literatur helfen: Briefe und Tagebücher von Schriftstellern berichten von deren Schreibkrisen und auch Autorenbiografien können das richtige Buch sein, um neue Motivation und Inspiration zu schöpfen, oder Schreibratgeber. Darin findet man so schöne Stellen wie diesen Satz von Bonni Goldberg, der aus "Raum zum Schreiben" stammt:
"Solange Sie schreiben, können Sie nicht scheitern! Es gibt kein Versagen! Sie können nur Lernen."
