
- Tanzperformance mit Sarah Grether - Elvira Lauscher
Der gebürtige Ulmer Musiker, Komponist und künstlerische Leiter des Festivals, Jürgen Grözinger, will mit Musik Menschen „sinnlich erreichen, ohne die intellektuelle Seite außer Acht zu lassen“. Und das macht er mit dem Festival „Neue Musik im Stadthaus“ seit 16 Jahren und ist dabei ein Grenzgänger zwischen sogenannter E- und U-Musik. Auch am Samstag spannte er einen großen Bogen von der Romantik über die experimentelle Musik bis zum „kammermusikalischen Pop“, wie er selbst den dritten Teil des Abends bezeichnete. Und er nahm die Besucher mit auf eine Reise der äußeren und inneren Bilder und Klänge.
Dreitägiges Festival im Kulturhaus Schloss Großlaupheim und im Ulmer Stadthaus
Doch es war nicht selbstverständlich, dass das Festival auch in diesem Jahr stattfinden konnte – trotz der guten Reputation und regionaler und überregionaler Anerkennung. In Zeiten der immer knapper werdenden öffentlichen Zuschüsse waren auch die finanziellen Mittel, die dem Ulmer Stadthaus für das Festival zur Verfügung standen, nicht mehr vorhanden. Ein Förderverein und viele Sponsoren halfen, diesen musikalischen und kulturellen Glanzpunkt in Ulm weiter zu erhalten. Und so konnten auch in diesem Jahr drei Tage Kunst auf außergewöhnlich hohem Niveau und zu einem fairen Preis (Festivalpass 35,- / 28,- Euro, Tagespreis 17,- / 12,- Euro) gezeigt werden. „Last echo of feeling“ wurde zuerst am Freitag, den 15. April 2011 im Kulturhaus Schloss Großlaupheim und am Samstag im Ulmer Stadthaus aufgeführt. Am Sonntagvormittag gab es zudem eine Matinee und am Abend den Programmpunkt „Last echo of romantics“, unter anderem mit dem Film „Nacht und Träume“ von Samuel Beckett, dessen Literatur das gesamte Festival durchzog.
Last echo of feeling – ein dreiteiliges Abendprogramm voller Sinnlichkeit
„Wohin ginge ich, wenn ich gehen könnte, was wäre ich, wenn ich sein könnte, was sagte ich, wenn ich eine Stimme hätte, wer spricht so und nennt sich ich?“ Mit diesem Zitat von Samuel Beckett aus dem Buch „Erzählungen und Texte um Nichts“ begann der erste Teil des Abends, die Introduction, und nahm die Besucher mit auf eine Stadtwanderung der besonderen Art. Alex Nowitz, Artist-in-Residence am STEIM in Amsterdam und Komponist von Vokal- und Kammermusik, zeigte ein Live-Sampling und modifizierte Sprache und Geräusche mit Live-Elektronik zu einem Gesamtkunstwerk. Ein professionelles Spiel mit Atem, mit Mundgeräuschen, Pfeifen, Quietschen und Rasseln nahm den Zuhörer mit auf diese akustische Stadtwanderung, die mal laut, mal leise, immer aber experimentell und mutig war. Mal ein Innehalten unter einem Baum, in dem Vögel ihr eigenes Konzert unbeeindruckt vom Lärm der Stadt gaben, mal aber auch unerträglich laut mit Störgeräuschen wie aus einem falsch eingestellten Radiosender. Nowitz, der die selbst produzierten Laute aufnahm und immer wieder neu vermischte und gegeneinander und miteinander spielen ließ, agierte dabei nicht nur mimisch sondern auch körperlich beim Sampeln mit. Vielleicht eine Spur zu lang geraten, aber dennoch ein beeindruckender Einstieg in eine Wanderung mit Sprache und Klang.
Texte von Samuel Beckett als literarische Reiseführer
Das Beckett-Zitat „Last echo of feelings“, das dem Festival seinen Namen gab, führte durch den Abend und spannte zwischen den einzelnen musikalischen Teilen einen literarischen Bogen mit hervorragend herausgepickten Textstellen aus den Werken Becketts. Der Schauspieler Rüdiger Kuhlbrodt rezitierte diese in ruhigem und unpathetischem Tonfall. Die romantische Wanderung Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“ wurde von dem Ensemble der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein und der Sängerin Yuka Yanagihara und Alex Nowitz vorgetragen. Yuka Yanagihara, die das erste Mal beim Festival dabei war, überzeugte nicht nur durch das Timbre ihrer Stimme und deren Ausdruckskraft, sie hatte dazu auch eine solch erfrischende und lebensbejahende Ausstrahlung, dass sie selbst wie der Frühling wirkte bei der Interpretation des Schubert-Textes „Der Frühling will kommen / Der Frühling, meine Freud’“. Auch in Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, überzeugte die stimmliche Neuentdeckung im Stadthaus ebenso wie in der von Morton Feldman vertonten Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke „Only“, die von der Japanerin ohne instrumentale Begleitung mit viel stimmlicher Wärme interpretiert wurde.
Vom romantischen Wanderer bis zu Feldmans Musik ohne Absicht
Der amerikanische Komponist Morton Feldman war im zweiten Teil des Abend gleich mit drei Stücken vertreten. Neben „Only“ wurden auch „Viola in my Life II“ und „Palais de Mari“ gespielt. Ersteres ein Stück für Soloviola und Ensemble, letzteres für Klavier, interpretiert von Antonis Anissegos. Ein absichtsloses Stück, ein Stück der Ruhe und der absoluten Reduzierung, das mit Melodiefragmenten und Pausen spielte und viel Platz für eigene Interpretationen und innere Reisen ließ.
Lounge mit „Fragments of feeling“ von Jürgen Grözinger und Erik Satie
Nach einer kurzen Umbaupause war der Epilogue, eine Art Lounge, angesagt. Jürgen Grözinger, der als Percussionist und Schlagzeuger den Abend musikalisch bereicherte, zeigte sich in dem Stück „Fragments of Feeling“ auch als Komponist. Optisch interpretiert wurde diese kammermusikalische Salonmusik von dem Tanzquartett „Salon K Berlin“. Das ewige Spiel von Liebe zwischen Mann und Frau mit all ihren Facetten wurde spannungsgeladen und in ausdrucksstarkem Tanz präsentiert. Die gebürtige Amerikanerin Sarah Grether, die auch ihre gesanglichen Qualitäten präsentierte, überzeugte durch eine Mischung aus kühler Unnahbarkeit und hingabestarker ästhetischer Weiblichkeit. Tänzerische Perfektion gepaart mit beeindruckender Körperbeherrschung und Hingabe. Jürgen Grözinger bewies mit der Integration von Tanz und moderner Beatbox-Akustik durch den Ulmer Johannes Weißschnur ein sicheres Gespür für ein beeindruckendes Gesamtarrangement. Ein ganz besonderer Abend, der auch den Festival-Besucher nicht ohne ein ganz persönliches Echo der Gefühle entließ.
