
- Cover - schreiber&leser
Christian Lacroix alias Lax war zu Beginn seiner Karriere bekannt für seinen klassischen Realismus. Doch dann begann in ihm ein Prozess der grafischen Bewusstwerdung, in dessen Folge er einen individuellen Strich pflegte und die Farbe als erzählerisches Stilmittel entdeckte. Ab Die Frau aus dem Delta (comicplus+) verwendete er seinen neuen Stil, der ihn aus der Heerschar an handwerklich soliden, aber auch austauschbaren Illustratoren herausragen lies. Mit Sarane (schreiber&leser) liegt nun eine Graphic Novel im Stil des Oscar-pämierten Films Der englische Patient.
Die lebhafte Erinnerung einer Frau
Die gealterte Sarane entdeckt bei einer Spazierfahrt einen Mann, der sie an ihr früheres Leben zurückdenken lässt. Übermann von den herbeiflutenden Erinnerungen, erzählt sie ihrer Chauffeurin ihre schicksalshafte Geschichte als junge Frau in der nordafrikanischen Wüste. Sie war die gelangweilte Ehefrau eines gut betuchten, aber öden Leutnants, den sie mitten in der Wüste sitzen ließ.
Sie hat ihren Mann seitdem nie wieder gesehen. Nun glaubt sie einen Mann aus dieser Episode erkannt zu haben. Die inzwischen neugierige Chauffeurin fragt sich, ob es sich dabei um ihren ihr Ex-Mann oder um einen Gefangenen aus der Wüste handelt? Denn Sarane hatte sich einer Tuareg-Truppe angeschlossen, nachdem sie mit ihrem Fluchtwagen einen Unfall hatte, wodurch sie ihren zweiten Mann kennenlernte. Und dort wurde ein "westlich" aussehender Mann gefangengenommen.
Zwischen den Zeiten
Lax springt in seiner Erzählung immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Wie in dem Film beziehungsweise in dem Roman Der englische Patient werden durch die Rückblicke tragische, aber auch schöne Erinnerungen aus der nordafrikansichen Wüste lebendig. Daneben standen auch die Romane Wüste von Jean-Marie Gustave Le Clezio und Himmel über der Wüste von Paul Bowles sowie der Film Fort Saganne Pate für Sarane.
Der Autor scheint von alten Menschen fasziniert zu sein, die er immer wieder zeichnet. Ihre Erinnerung und das Spannungsverhältnis aus Phantasie und Erlebtes sind das Leitmotiv in Sarane. Die Erzählung fesselt von Beginn an durch die interessante Erzählweise und die abenteuerlichen Rückblicke.
Kräftiges Türkis auf Wüstensand
Wie eingangs bereits erwähnt führt Lax einen individuellen Strich. Was seine Illustrationen aber vom Durchschnitt unterscheidet sind die fabelhaften Farben. Wenn die leuchtenden türkis-blauen Gewänder der Tuareg über den staubigen Wüstensand wehen merkt man sofort, dass Lax bei der Kolorierung seiner aufs wesentlichste beschränkten Zeichnungen mit äußerster Sorgfalt vorgeht.
Bei der Kolorierung hat sich Lax vom schottischen Maler David Roberts inspirieren lassen, der viel im Orient reiste.Sarane ist im Gegensatz zu Der englische Patient weniger ein Melodrama; vielmehr ist es ein fesselnder Comicroman mit eindrucksvollen Bildern. Die Graphic Novel enthält als Bonusmaterial ein aufschlussreiches Gespräch/Interview mit dem Autor.
Wertung: 4,5 von 5
Lax: Sarane. schreiber&leser, 2011. Softcover, 72 Seiten. Euro 16,80.
