
- Blick auf das Haus - ©Bernh.Haußmann
Man sagt über Edwin Lutyens, er sei der größte britische Architekt des 20.Jahrhunderts gewesen. Im Jahr 1898 bekam er von Guillaume Mallet den Auftrag, für ihn in Varengeville-sur-Mer in der Haute Normandie, ein Haus zu bauen. Edward Lutyens war gerade mal 29 Jahre alt und stand am Anfang seiner Karriere und Monsieur Mallet muss ein Mensch mit großem Weitblick gewesen sein.
In jedem Fall war Guillaume Mallet ein Mensch mit einer Vision: er träumte davon, ein Arts and Crafts Refugium zu schaffen umgeben von einem schönen Garten – was ihm in der wunderbarsten Weise gelang und mehr: es sollte das einzige seiner Art und einzigartig in Frankreich werden und bleiben.
Guillaume Mallet und seine Vision
Guillaume Mallet (1859 – 1945) stammte aus dem hugenottischen Geldadel. Schon in jungen Jahren begeisterte er sich für die damals mit der Arts und Crafts Bewegung einhergehende englische Gartenkunst. Im Jahr 1897 verliebte er sich in ein Grundstück in Varengeville-sur-Mer, das damals reine Natur war – ein sanft hügeliges zum Meer hin abfallendes, von majestätischen Kiefern bewachsenes Gelände, das an den dramatisch steilen Klippen endet und von oben den Blick auf das Meer gewährt. Hier wollte er sein Haus bauen und seiner Gartenleidenschaft frönen.
Varengeville-sur-Mer
Die Wahl des Ortes war gewiss nicht ganz zufällig: Varengeville-sur-Mer, auf den weißen Klippen der Côte d'Alabatre gelegen, lebt von den Kontrasten zwischen der dramatischen Klippenküste und der lieblichen Sommerfrische des Ortes. Schon immer von Künstlern geschätzt und geliebt, hatten ihn die Impressionisten für sich entdeckt, Monet schuf hier einige seiner berühmtesten Bilder. Zu Zeiten Mallets muss es hier von Künstlern und Kunstliebhabern nur so gewimmelt haben. Von seiner Ausstrahlung hat der Ort seit damals nichts eingebüßt und bis heute leben hier zahlreiche Künstler, die von der Landschaft fasziniert sind. Der Zugang zum Strand ist nur an einigen Stellen über steile Treppen möglich, sodass sich Massentourismus nicht breit machen kann.
Das Haus
Wie Mallet auf den jungen Architekten Edwin Lutyens (1869 – 1944) kam, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass er sich für den hervorragendsten Vertreter der britischen Fin de Siecle Architektur entschied (Edwin_Lutyens). Lutyens baute ihm ein Haus im Stil der damals in England sehr populären Arts und Crafts Bewegung, ein einerseits schlichtes Haus von andererseits beachtlichen Dimensionen mit sehr interessanten Fensterdetails. Die großen Fenster der Rückfront gehen hinaus in Richtung Meer. Wenngleich William Morris, der berühmte Vater der Arts and Crafts Bewegung, nicht unmittelbar an der Gestaltung des Hauses beteiligt war, so steuerte er doch einige Dekors bei – in Form z.B. von Stoffen, die noch heute im Haus zu finden sind.
Gertrude Jekyll’s Einfluss auf den Garten von Le Bois des Moutiers
Vielleicht fiel die Wahl auf Edwin Lutyens nicht zuletzt wegen seiner gemeinsamen Arbeit mit Gertrude Jekyll (1843 – 1932) (Gertrude Jekyll), der Grande Dame der Gartengestaltung. Diese fruchtbare Allianz muss Monsieur Mallet gereizt haben, denn in erster Linie ging es ihm um die Gestaltung des 12 Hektar großen Gartens/Parks. Zwar legte Gertrude Jekyll nicht selber Hand an, aber sie lieferte die Planung und machte Vorschläge zur Bepflanzung, ebenso wie später die berühmte Gartengestalterin Vita Sackville-West einen Teil des Gartens mitgestalten sollte. Monsieur Mallet ließ es sich nicht nehmen, den Garten tatsächlich selbst anzulegen und er erwies sich als begnadeter Amateur auf diesem Gebiet. Beinahe 40 Jahre lang arbeitete er seinen Traum.
Garten und Park
Im oberen Teil des Gartens an der Vorderseite des Hauses sind verschiedene ‚Gartenräume’ angelegt, zum Teil umgeben von geschnittenen Hecken, gegliedert von Wegen und bewachsenen Pergoladurchgängen – alles überwiegend in Blau und Weiß – ganz im Stil von Gertrude Jeckyll.
Je weiter man sich vom Haus Richtung Meer entfernt, desto ‚natürlicher’ wird die Bepflanzung und wird zum Landschaftspark. Mallet konnte hier die vorgefundene Vegetation mit Pflanzen aus dem Himalaya, Japan, China und Chile bereichern und kombinieren, weil er einen für diese Gegend ungewöhnlich säurehaltigen Boden vorfand. Der Waldpark mit seinen Amberbäumen, blaue Zedern, Kiefern, roten Eichen, riesigen Rhododendren, Azaleen, Magnolien, Kamelien, Schneebällen und einer Vielzahl verschiedener Bodendecker ist so angelegt, dass sich immer wieder Durchblicke zum Meer auftun (die mittlerweile leider im Laufe der Zeit zum Teil zugewachsen sind) und er zu jeder Jahreszeit andere Highlights aufweist. So wird die Beschilderung des Spaziergangs durch die gesamte Anlage übers Jahr ständig verändert und den jahreszeitlichen Höhepunkten angepasst.
Haus und Garten bis heute
1940 okkupierten die Nazis das Haus und der Garten wurde vermint. Es kostete Mallet’s Sohn André und dessen Frau Mary Jahre, Garten und Park wieder herzustellen – 1955 hatten sie es geschafft. Sie bereicherten den Originalentwurf mit seltenen Pflanzen und mit der weltweit größten Hortensien Sammlung. Robert Mallet schrieb und veröffentlichte 1996 ein Buch über diese Jahre mit dem Titel ‚Renaissance D'un Parc: Le Reveil De La Beaute’.
Mitte der 60er Jahre nach dem Tod von André Mallet stand der Park abermals vor dem Aus. 1970 entschied die Familie, ihn für die Öffentlichkeit zu öffnen – ein Glücksfall für uns und die Gartenliebhaber aus aller Welt. Mary Mallet lebt bis heute in dem Haus, ebenso Ihre Schwiegertochter Claire, deren Sohn Antoine sich heute um Erhalt und Pflege des Gartens kümmert (mit Hilfe von nur drei ständig beschäftigten Gärtnern).
Le Bois des Moutiers ist nach wie vor ein ganz besonderer Ort, der von der Leidenschaft einer ganzen Familie über Generationen hinweg zeugt - ein Muss für jeden Gartenliebhaber.
Le Bois des Moutiers, Route de l’église, 76119 Varengeville-sur-Mer
Tel. 0235851002
Kontakt: M.Antoine Bouchayer-Mallet
Geöffnet vom 15. März bis zum 15. November
