Er war Autodidakt und Multitalent, Visionär und Macher, bewundert und umstritten: Der Schweizer Charles-Edouard Jeanneret, der als Le Corbusier (1887-1965) in die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts einging. Mit seinen Bauten, Büchern und mit seinem gesamten Erscheinungsbild mit Fliege und schwarzer dickrandiger Brille prägte er die Vorstellung, die wir bis heute von moderner Architektur haben. Bis heute übt sein Werk, das auch immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt war, einen beträchtlichen Einfluss auf Architektur und Städtebau aus.
Le Corbusier in Berlin
Die Ausstellung im Martin Gropius Bau in Berlin erweitert den Blick auf den Architekten und Künstler und greift dafür Leitthemen heraus: seine Faszination für die moderne Großstadt, seine Affinität zum Mediterranen und zum Orient, seine Hinwendung zu organischen Formen in den dreißiger Jahren und auch sein Interesse an neuen Technologien und Medien.
Gemälde, Skulpturen, Möbel, Pläne, Zeichnungen, Architekturmodelle, Erstausgaben von Büchern sowie Kleinobjekte aus der privaten Sammlung des Architekten sind zu sehen.
Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin
9. Juli -5. Oktober 2009
Aktuell bis heute
Bis heute ist Le Corbusier eine der prägenden Figuren in der Architektur der Moderne. Seine Arbeiten erstrecken sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts, als der unbekannte Schweizer mit dem bürgerlichen Namen Charles-Edouard Jeanneret noch in seinem Geburtsort La Chaux-de-Fonds als Uhrenziseleur tätig war, bis in die jüngste Gegenwart. Erst im Jahr 2006 wurde seine Kirche im französischen Firminy fertiggestellt, über deren planerischen Vollendung er Mitte der 1960er Jahre verstarb.
Zeitgenössische Architekten beziehen sich heute in ihren aktuellen Entwürfen auf den großen Meister, wie etwa der holländische Architekt Rem Kohlhaas oder das Schweizer Duo Herzog & De Meuron.
Global Player
Le Corbusier war auch ein gekonnter Stratege in der Eigenvermarktung und Selbststilisierung – schwarze Kleidung mit Fliege und schwarzer dickrandiger Brille wurden zu seinem Markenzeichen und bald schon von der ganzen Zunft kopiert. sein Werk wurde auch deshalb legendär, weil er immer wieder darüber schrieb, 40 Bücher stammen von ihm selbst. Damit initiierte er auch die Öffentlichkeitsarbeit der Architekturbüros, die heute als selbstverständlich gilt.
Er war auch einer der ersten Architekten die weltweit agierten: Vortragsreisen in den Vereinigten Staaten und Südamerika gehörten ebenso dazu wie die Planung ganzer Städte auf dem Reißbrett: im indischen Chandigarh legte er ein ganzes Regierungsviertel neu an und Algier erfand er städtebaulich neu.
Es begann in Berlin
Was bisher kaum bekannt war: Die Karriere des Schweizer Architekten, der in der Nähe von Genf auswuchs und 1917 nach Paris übersiedelte, begann in Berlin. Sein früher Kontakt mit Deutschland kam dadurch zustande, dass er 1910 ein Stipendium erhielt, um die deutsche Kunstgewerbebewegung und den Werkbund zu studieren. Er arbeitete sechs Monate im Büro von Peter Behrens und traf mit fast allen wichtigen Vertretern des deutschen Werkbundes zusammen.
Am Ende seines Berlin-Aufenthaltes entstand seine erste Publikation, das die deutsche Kunstgewerbebewegung thematisiert. Vor allem aber wurde er hier ästhetisch geprägt – die Farbe weiß und die geraden Linien finden sich fortan in seinen Villenbauten. Es wurde auch der Grundstein zu den berühmen späteren „Wohnmaschinen“ gelegt, von denen 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung ein Exemplar in Berlin errichtet wurde. Das Projekt endete allerdings im Streit, denn Le Corbusier warf den Planern in Berlin vor, seinen Entwurf entgegen seinen Vorstellungen verändert zu haben. Dennoch beteiligte er sich 1957/58 an einem weiteren Projekt in Berlin, am Internationalen städtebaulichen Ideenwettbewerb.
Als französischsprachiger Schweizer fühlte sich Le Corbusier jedoch immer eindeutig zur französischen Seite hingezogen.
Pariser Visionen
Einen schlagartig hohen Bekanntheitsgrad – wenn auch nicht unbedingt im positiven Sinne – brachte ihm 1925 sein spektakulärer städtebaulicher Entwurf „Plan Voisin“ für die Stadt Paris ein, bei dem er die Pariser Innenstadt mit 80 Hochhäusern bebauen wollte, durchquert von einer mehrspurigen Autotrasse. In Paris war man entsetzt über den radikalen und menschenverachtenden Entwurf des Rationalisten Die utopische Qualität dieser extremen Konzepte wird erst in seinen späteren Bauten ablesbar.
Bühne für Ideen
Die Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit ist eines der zentralen Themen in Le Corbusiers Werk. Die Auseinandersetzung mit dem privaten Raum und Innenraum war für den Architekten auch eine öffentliche Angelegenheit. Seine Raumkonzeptionen zogen den Außenraum mit ein, lösten den Gegensatz von Außen und Innen auf und griffen auf Verweise fremder Kulturen und Zeiten zurück, die seine Interieurs zu Kompositionen machten. Seine Entwürfe hatten auch immer exemplarischen Anspruch und orientierten sich an der Idee, grundsätzliche Probleme der Baukunst und Wohnkultur im Maschinenzeitalter modellhaft zu lösen.
Der vielseitige Protagonist
Le Corbusier war seiner zeit immer einen kleinen Schritt voraus, wie zum Beispiel der Multimedia-Pavillon für Philips auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel demonstriert. Die Wände sind zum Schwingen gebracht, zu steilen Spitzen hochgetrieben. Im Inneren klingt und singt es. Eine kleinere Version ist in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen und zu begehen.
Neben seiner Technikbegeisterung war Le Corbusier aber durchaus auch naturverbunden. Er selbst verstand sich als Universalkünstler, als Baumeister, Maler und Bildhauer zugleich. In seinen Gemälden und Skulpturen dominieren vornehmlich organische Formen, die Inspiration von Picasso und Fernand Léger lässt sich deutlich in seiner freien Kunst ablesen.
Le Corbusier war außerdem ein leidenschaftlicher Sammler von Kunsthandwerk und organischem Material wie Muscheln oder Wurzelwerk von dem er sich Anregungen holte und die im architektonischen Spätwerk erkennbar sind.
