Als Pharmazeut, Arzt, Philosoph, Theologe und Priester ist der Autor prädestiniert, den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen und alle Dimensionen menschlichen Seins zu integrieren. Er bedenkt einerseits die biographische Entwicklung des Menschen, die kritischen Wendepunkte und wozu der Mensch letztlich von seinem Ursprung her berufen ist. Der Autor will die existenziellen Fragen des Lebens mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen zusammenbringen.

Von innen her

Leben ist weit mehr als Biologie, und doch kann man in der Biologie schon einiges erkennen – wenn man gewillt ist, über das Banale hinauszufragen. Leben beginnt, wenn Eizelle und Samenzelle zusammenkommen, alles Weitere geht „von selbst“. Die Entwicklung ist zielgerichtet und lässt sich nicht aufhalten, außer man tötet es. Leben entwickelt sich nach einem inneren Formprinzip, das Aristoteles Seele nannte. Leben entwickelt sich von innen her. Umgekehrt kann der Mensch, der nicht im Banalen stecken bleibt, in seinem Inneren auf diesen Urgrund stoßen. In seinem tiefsten Seelengrund trifft der Mensch auf das Absolute. Der immer nach Begründung suchende Mensch kommt schließlich auf einen letzten Grund, und diesen nennen alle Gott, wie Thomas von Aquin formulierte.

Leben kann nicht funktionieren, wenn es nicht seine Bestimmung erreicht, wenn es sich nicht ständig weiter entwickelt, wenn der Mensch sich nicht selbst übersteigt auf diesen letzten Grund hin. Leben kann nicht gelingen ohne die religiöse Dimension. Um dies zu vermitteln, müssten wir eine neue Sprache finden, um den Menschen heute verständlich zu machen, worum es geht. Das Christentum hat die gesamte europäische Kultur geprägt, doch heute ist, wie Beck auch zugibt, in so genannten „atheistischen Kreisen „oft mehr Leben als in manchen Bereichen der Kirche“. Und Atheismus wird oft provoziert durch falsche Gottesbilder. Theologen müssen auf die Fragen der heutigen Zeit hören „und nicht Antworten auf längst vergangene Fragen geben“.

Leben als das Ganze

Das christliche Gottesbild ist ein „personales“ (wobei Person heute schon etwas anders bedeutet als im Griechischen, in das man die biblische Sprache zu übersetzen versuchte) und ein dialogisches. Die Trinität ist in sich ein Beziehungsgeschehen. Erstaunlich, dass man dieses Dialogische auch in der Welt beobachten kann. Dachte man früher, alle Information stecke in den Genen, weiß man heute, dass sie im gesamten Organismus ist. Information ist mehrdimensional. Gene müssen an- und abgeschaltet werden, und diese Schaltprozesse werden von der Um- und Innenwelt gesteuert (Epigenetik). Letztlich hat auch unser Denken und Fühlen, unsere Einstellung und unsere religiöse Einstellung über das Gehirn Einfluss auf die Gene. Leben ist ein ständiger Dialog und nicht einseitig bestimmt durch Gene.

Wechselwirkung und Dialog ist das Prinzip von allem. Beck: „Das Ganze dieser Einzelinformationen ist mehr als die Summe seiner Teile und das Ganze einer Zelle oder eines Organismus liegt dem Einzelnen voraus und zugrunde.“ Haben die Genetiker noch bis vor kurzem geglaubt, dass die Gene das Leben steuern, weiß man heute, dass dazu viel mehr gehört. Evelyn Fox Keller spricht von einem dynamischen Konzept eines verteilten Programms und meint, „dass der Begriff des Gens gar nicht mehr verwendbar ist, weil er eine Starrheit suggeriert, die so nicht gegeben ist“.

Es ist das zugrunde liegende Ganze, das sich entfaltet. Die Mehrdimensionalität des Lebens ist es, die sich der Naturwissenschaft noch immer entzieht. „Man müsste mehr vom Ganzen zum Einzelnen denken und nicht umgekehrt“, fordert der Autor. Er plädiert für eine komplementäre Betrachtung von Natur- und Geisteswissenschaften. Das Messbare der Materie müsste mit dem Nicht-Messbaren des Geistigen zusammen gedacht werden.

Sich selbst übersteigen

Christlich gesprochen ist das Ur-Wort in Jesus Christus Mensch geworden und hat uns einerseits gezeigt, wie Gott ist, andererseits, wie Menschsein in Vollendung aussieht. Dabei hat auch er als Mensch eine Entwicklung durchgemacht. Es kommt, wie bei jedem Menschen, in der Pubertät zu einer Ablösung von den Eltern. Beck demonstriert das an der Erzählung vom 12-jährigen Jesus im Tempel. Er ging seinen Eltern durch und sie machen ihm, als sie ihn im Tempel finden, Vorwürfe. Auf die Jesus gar nicht eingeht, sondern sagt: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ Er löst sich aus der Abhängigkeit von den Eltern – und begibt sich in die Abhängigkeit von Gott (das hebräische Wort für „Vater“ bedeutet auch „Ursprung“).

Innerweltliche Abhängigkeiten machen unfrei, die „Abhängigkeit“ von Gott macht frei, weil sie zur eigenen Bestimmung führt. Die Lebensaufgabe der Pubertät ist es, zum Ursprung zu finden. Heraus aus dem Gehorsam den Eltern gegenüber, hinein in den Gehorsam dem göttlichen Vater gegenüber, die Rückkehr zum Ursprung. Es ist der Überstieg aus dem Relativen zum Absoluten, der Schritt aus der äußeren Autorität hin zur inneren Autorität, zum Innersten des Menschen, wo sein Ursprung „wohnt“. „Du bist mir innerlicher, als ich es mir bin“, sagt Augustinus.

Die eigene Bestimmung finden

In der Mitte seines Lebens lässt Jesus keine Midlife-Crisis aufkommen, sondern ist ganz auf den Willen des Vaters eingestimmt. Als Maria ihn bei der Hochzeit zu Kanaan bittet, doch etwas zu tun, sagt er schroff: „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Er hört auf nichts Vergängliches mehr, blamiert sie aber nicht und verwandelt das Wasser in Wein.

Die Entfaltung des Lebens sollte dazu führen, die ureigenste Bestimmung zu finden. Das Klammern an Endliches ist dabei eine Behinderung. Der Mensch als geistiges Wesen kann mit Endlichem nicht zufrieden sein, er ist auf Absolutes ausgerichtet. Nur von Dort her – christlich gesprochen, von Gott her, kann er seinen Eigenstand finden.

Religion sollte von falschen Abhängigkeiten befreien

Das Christentum ist die Religion der äußeren (Auszug aus Ägypten) und inneren Befreiung, Religion soll den Menschen befreien aus falschen Abhängigkeiten. Das Christentum ist eine Religion des Wachstums (viele Gleichnisse drehen sich darum), der Entfaltung (Gleichnis von den Talenten, der Mensch soll mehr aus sich machen), des Lebens (zur Fülle des Lebens) und des Großmachens (Auferstehung) des Menschen. Sören Kierkegaard kommt in „Krankheit zum Tode“ zu dem Schluss, „dass der Grund, warum der Mensch eigentlich am Christentum Ärgernis nimmt, darin liegt, dass es zu hoch ist, … weil es den Menschen zu etwas Außerordentlichen machen will“.

Der Mensch ist geradezu charakterisiert durch seine Zerrissenheit. Er kämpft eine Leben lang zwischen dem, was er tun soll und was er auch als richtig erkennt – und dem, was er dann tatsächlich tut. Der Mensch scheitert immer wieder daran, den Willen des Vaters zu tun, was ihn frei machen würde. „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, nennt Goethe diesen Konflikt. Und auch in Jesus Christus sind diese zwei Willen, der göttliche und der menschliche. Nur hat er sich nie abgesondert vom Willen des Vaters (des Ursprungs).

Innere Stimmigkeit

Im nicht im Einklang mit sich selbst und mit Gott sein, hat schon Ignatios von Loyola in der Unterscheidung der Geister ein relativ einfaches Kriterium herausgestellt: die innere Stimmigkeit. Das richtige getan zu haben, fühlt sich gut an. Christlich gesprochen ist es das Hören auf die innere Stimme. Dieses Hören muss geübt werden, weil man diese Stimme des Absoluten aus den Stimmen des Überichs (Eltern, Lehrer…) und der Stimme des Egos heraushören muss. Dies hat Ignatius schon lange vor der Psychologie in seinen Exerzitien systematisch betrieben.

Sich selbst finden und das Absolute, Ganze, Gott zu finden ist ein und dasselbe. Sozusagen der konkrete Weg zwischen Egoismus und Fundamentalismus. Das Angerührtsein von außen und oben ist ein Angerührtsein von innen, aus der eigenen innersten Mitte. „Die innerste Mitte ist jener Raum, wo der Mensch sich übersteigt auf das Absolute hin und wo sein Seelengrund von Gott berührt werden kann.“

Matthias Beck: „Leben – Wie geht das? Die Bedeutung der spirituellen Dimension an den Wendepunkten des Lebens“, Styria Premium, 2012