
- Alter Ägypter im Coffeeshop - Sinan Mucur / pixelio.de
Fast ein halbes Jahr ist seit dem Tod des bekannten Metzgers Nabil vergangen. Wie in "Leben in Ägypten: Ein kleiner Tropfen Wasser..." beschrieben, wurden von der Familie keinerlei Beileidsbekundungen entgegen genommen. Auch die bei einem Begräbnis so wichtige Lesung des Korans blieb aus. All dies muss nachgeholt werden, sobald der Tod gerächt ist. Die Verantwortlichen saßen im Gefängnis und dies schien nicht möglich. Doch auch hier hatten die Demonstrationen vom 25. Januar 2011 ihre Auswirkungen: Die Organisatoren des Mordes an Nabil und auch der Täter selbst verließen wie Tausende anderer Gefangener das Gefängnis und waren seitdem auf freiem Fuß. Doch ihr Leben wurde hauptsächlich von der Flucht vor Nabils Familie bestimmt und ihre alte Arbeit dadurch unmöglich.
Auge um Auge, ... Die Möglichkeiten der Rache
Um wieder ein normales Leben führen zu können, stellten sie sich am Ende der Konfrontation mit Nabils ältestem Sohn, Amr. Diesem blieben drei ehrenhafte Möglichkeiten, den Tod seines Vaters zu rächen: die Blutrache, für die er die Täter töten muss, das Blutgeld, bei dem er einen angemessenen Betrag von den Tätern erhält oder ein Tag des Friedens, an dem er den Tätern vergibt. Die Blutrache hat zur Folge, dass das Töten auf unbestimmte Zeit weitergeht. Amr würde damit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in Schwierigkeiten nicht absehbaren Ausmaßes bringen.
Die Organisatoren des Mordes boten auch das Blutgeld als Möglichkeit an. Doch auch dies ist für die Familie, die finanziell abgesichert ist, keine angemessene Lösung. Eine Annahme würde dazu führen, dass die Familie des getöteten offiziell im Notariatsamt der Niederlegung des Verfahrens zustimmt.
Der Tag des Friedens jedoch schien eine befriedigende Lösung zu sein, denn die Organisatoren der Tat müssen in diesem Fall vor allen Menschen der Familie des Getöteten ihr Leichentuch überreichen. Sie bezeugen somit, dass sie keine Männer sind, sondern geringer als jedes Lebewesen. In einem arabischen Land, in dem Männer dem klassischen Bild eines Mannes entsprechen müssen, ist dies eine der schlimmsten Demütigungen, die den Verlust des Respekts aller Anwesenden zur Folge hat. Amr nimmt dies an. Für den Täter fordert er jedoch eine von einem Gericht festgelegte, gerechte Strafe.
Der Tag des Friedens
Am 8. April 2011 ist es dann soweit und die Übergabe der Leichentücher soll stattfinden. Nach dem freitäglichen Mittagsgebet versammeln sich immer mehr Menschen im Souk. Denn Amr hat beschlossen, dies vor aller Augen am Ort der Tat durchzuführen. Zu diesem Zweck ist ein Zelt aufgebaut worden, das 50 Meter lang und 20 Meter breit und mit Stuhlreihen bestückt ist. Die Sicherheitsvorkehrungen sind groß und der Innenbereich des Souks weiträumig abgesperrt. Militär, Polizei und Feuerwehr sind am Ort des Geschehens. Auch Amr und enge Familienangehörige sind nervös, denn keiner weiß, ob sich jeder an die Entscheidung halten wird. Es wird spekuliert, ob eine der Familien versuchen wird, Mitglieder der anderen zu töten oder ein Kampf entstehen könnte. Einige tragen versteckt Waffen bei sich.
Eine halbe Stunde vor Beginn ist das Gebiet überfüllt und wie schon bei Nabils Beisetzung säumen Tausende das Gebiet. Im Zelt selbst befinden sich neben den Familien der Gouverneur des Roten Meeres, ranghöchste Polizeiangehörige und Mitglieder des Geheimdienstes sowie Militär, Sheikhs, Priester und Richter. Auf der aufgebauten Bühne sitzen die Söhne Nabils und hochrangige Politiker und Sheikhs. Aus Sicherheitsgründen wird das Zelt rundherum geschlossen und nur ein Eingang offen gelassen. Die Menge reagiert aufgebracht, denn jeder konnte den Tod Nabils sehen, so soll auch jeder die Rache sehen können. Frauen werden aus Sicherheitsgründen aus dem Zelt geleitet. Nachdem mit dem Lesen des Korans begonnen wurde, kommen die beiden Organisatoren der Tat mit ihren Leichentüchern in das Zelt und überreichen sie den Söhnen Nabils. Die Menge beschimpft sie und die Aufregung steigt. Amr verzeiht ihnen offiziell vor allen Menschen, die Tat ist gesühnt. Auch die versammelte Menge beruhigt sich. Im Anschluß verkündet die Familie Nabils, dass sie nun Beileidsbekundungen entgegennehmen und am Abend mit der Lesung des Korans begonnen wird.
Blutrache, Blutgeld oder das Gericht
Der Tod Nabils und seine Beisetzung sind nach dem Tag des Friedens und der Lesung des Korans offiziell abgeschlossen. Jedoch ist der eigentliche Täter noch auf freiem Fuß. Auch wenn Amr erklärt, dass das Gericht über dessen Strafe entscheiden würde, kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass nicht doch noch Blutrache gefordert wird. Die beiden Organisatoren werden versuchen, ihr altes Leben in Frieden wieder aufzunehmen. Ob die Menschen im Souk ihnen jedoch auch vergeben und ihre Läden wieder besuchen werden, bleibt abzuwarten.
Bildnachweis: Sinan Mucur / pixelio.de
