Dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stunde. Doch daraus zu folgern, dass diejenigen, denen die Stunde schlägt, unglücklich sein müssen, wäre ziemlich übertrieben. Menschen von heute können sich ein Leben ohne Uhr nicht vorstellen. Ihr Tag ist minutiös ge- oder verplant. Sie tun sich schwer mit der Vorstellung, wie ihre mittelalterlichen Vorfahren ohne den Zeitmesser leben konnten. Folglich aber Zeitdruck und dadurch verursachten Stress nicht kannten. 'Time is money!', mit dieser Aussage konnten frühere Generationen nichts anfangen. Nur stellt sich für heutige Menschen die Frage, was es bringt, wenn sie sich von der Zeit beherrschen und durchs Leben hetzen lassen. Gewiss nicht ein Mehr an Lebensqualität.

Jahrtausende hindurch gab es für Menschen nur zwei Maßstäbe für die Zeit: die Jahreszeiten – Frühling bis Winter - und die Tageszeiten. Man richtete sich nach Naturerscheinungen der jeweiligen Jahreszeit, wie Sonnenauf- und -untergang und nach der Länge der Tage. Die Zeit zwischen Sonnenaufgang, Mittag und Sonnenuntergang schätzte man anhand des Sonnenstandes ab und richtete danach seine Arbeit aus. Vielleicht spricht man heute deshalb gern von der angeblich "guten alten Zeit“, weil Menschen den Zeitbegriff im heutigen Sinne überhaupt nicht kannten.

Drei Varianten der mittelalterlichen Zeitmessung

Das Mittelalter kannte zunächst nur drei verschieden funktionierende Zeitmesser: die Wasseruhr, die Sanduhr und die Sonnenuhr. Was die Stunde geschlagen hatte, konnte erstmals am Hof Karls des Großen abgelesen werden, allerdings nur für einen erlauchten Personenkreis. Die Uhr in seiner Hofpfalz war aus Messing und kunstfertig zusammengebaut. Es handelte sich um eine Wasseruhr, die den Verlauf von zwölf Stunden anzeigte, wobei zwölf Kügelchen herabfielen und eine darunter angebrachte Zymbel zum Erklingen brachten. Die Sonnenuhr taugte nur bedingt als Zeitmesser. Vornehmlich dann, wenn die Sonne auch schien, was im nördlichen Europa nicht immer der Fall war. Die Sanduhr war hingegen leicht zu handhaben. Nur musste sie - je nach Größe - alle halbe oder ganze Stunde umgekippt werden, um von Neuem Anlauf zu nehmen.

Ganz selten wurden auch Kerzen als eine Art Uhr benutzt. Allerdings war diese Art der Zeitmessung doch recht unzuverlässig, wenn man bedenkt, wie schnell eine Kerze bei Luftzug abbrennt. Aber auf die Minute kam es den Menschen weiß Gott nicht an. Hauptsache man hatte eine ungefähre Vorstellung , wieviel an Zeit verstrichen war. Die Arbeiter auf dem Feld benutzten verschiedene Blumen als Uhr. Öffneten oder schlossen sich diese, wussten sie die ungefähre Zeit. So beim Bocksbart, der sich zur Mittagsstunde schließt. Dass man sich mit so simplen Zeitmessern zufriedengab, zeigt, dass Zeit als solche keinerlei Wert besaß. Zeit war für die Menschen wie ihr eigenes Leben, beides war von Gott gegeben, und über beides verfügte er allein.

Das Spätmittelalter wartet mit der Räderuhr auf

Das späte Mittelalter rüstete sich für eine neue Epoche: der Neuzeit. Vielleicht wäre es seiner Umwälzungen nicht fähig gewesen, wäre nicht gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Räderuhr erfunden worden. Viele Historiker erachten die Geburtsstunde der ersten Räderuhr für die damalige Zeit genauso wichtig wie die Dampfmaschine für das Zeitalter der Industrialisierung. Ohne Uhr gibt es keine Präzision und ohne Präzision keine exakte Berechnung und damit kein Fundament für die Wissenschaft. Räderuhren konnten sich anfangs nur wohlhabende Städte leisten. Es waren so genannte Türmeruhren, die aber allmählich für immer mehr Orte erschwinglich wurden. Die Uhren waren entweder am Kirchturm oder hoch oben am Rathausgiebel angebracht, jedoch noch ohne Zeiger. Dafür gab es den Beruf des Tümers, der neben der Hauptaufgabe, die Stadt vor Gefahren warnen, die Stunden bekannt geben musste. Hierzu erhielt er alle volle Stunde ein Weckzeichen vom Räderwerk im Turm, wonach er die Anzahl der Stunden mittels Schlag an die Glocke bekannt gab.

Zeit vergeuden wird plötzlich zur Sünde

Einige Jahrzehnte später erhielten die Uhren einen von außen einsichtbaren Stundenzeiger. Und als man sprichwörtlich immer mehr mit der Zeit lebte, auch einen Minutenzeiger. Für die Menschen des ausgehenden Mittelalters war diese Errungenschaft wie ein Wunder: Plötzlich konnte man die Zeit exakt ablesen und tappte nicht mehr im Dunkeln und Ungefähren. Hahnenschrei und Sonnenauf- und -untergang gehörten der Vergangenheit an. Andererseits war damit der unbefangene Umgang mit der Zeit dahin. In der Renaissance schlugen bereits von allen Türmen die unerbittlichen Glocken der Uhren und brachten eine andere Einstellung zur Zeit mit sich. Zeit wurde plötzlich ein wertvolles Gut, das man nicht einfach so vertun durfte. Zeit zu vergeuden war mit einem Mal zur Sünde geworden. Es schien, als sei es immer kurz vor zwölf, und für das, was danach passierte, zu spät. Andererseits wurde den Menschen mehr denn je deutlich, wie vergänglich Zeit ist, und jede Minute brachte sie dem Tod näher.

Quellenangabe: Arno Borst: Die Welt des Mittelalters – Nikol Verlag