
- Emily Dickinson 1860 - Foto unbekannt
Zu ihren Lebzeiten wurden nur sieben Gedichte, und das auch noch gegen ihren Willen, veröffentlicht. Der engere Umkreis wusste, dass sie Gedichte schrieb, ihre Briefe waren gespickt von ihnen. Erst nach ihrem Tod entdeckte ihre jüngere Schwester Lavinia in einem verschlossenen Kasten viele hundert kleine Gedichte auf Einzelblätter in handgebundenen Heftchen zu durchschnittlich zwanzig Gedichten zusammengefasst.
Lebensekstase und Einsamkeit
Emily Dickinson wurde am 10. Dezember 1830 als Tochter eines angesehenen Rechtsanwalts in eine Familie geboren, die in der Kleinstadt Amherst in Massachusetts eine führende Rolle im geistigen Leben und bei der Gründung der Hochschule von Amherst spielte. In der Schule fiel sie durch ihren lebhaften und widerspenstigen Geist auf. Sie war als junges Mädchen noch durchaus weltzugewandt, kontaktfreudig und nahm regen Anteil an den Unterhaltungen in ihrer Kleinstadt. Doch mit dreißig Jahren begann sie sich zurückzuziehen und kommunizierte mit Besuchern nur noch durch eine halbgeöffnete Tür ein Stockwerk höher. Sie zog sich immer mehr in ihr Haus und ihren Garten zurück und verbrachte ihre Tage in stolzer Einsamkeit, später sogar nur in ihrem Zimmer, unterbrochen von Spaziergängen mit ihrem Hund. In der Natur fand sie den Projektionsraum ihrer intensiven Gefühlswelt, aber im Gegensatz zu der mystischen Naturinterpretation Emersons war ihr Naturerlebnis nüchterner, sachlicher und unheilvoller. Dabei konnte sie die Distanz zwischen sich und der Welt spielend leicht überwinden:
Vulkane gibt es in Sizilien
Und Südamerika
Ich glaube aber ein Vulkan
Liegt geographisch nah
Zu allen Zeiten steig ich gern
Die Lavatreppe rauf
Ein Krater den ich anschaun darf
Ist der Vesuv zu Haus
Es ist viel über den Rückzug gerätselt worden. Vielleicht fehlte es ihr an Kampfeskraft, um aus ihrer Frauenrolle in einer patriarchalisch geregelten Welt auszubrechen. Welche Möglichkeiten zur Entfaltung hätte es gegeben – Lehrerin, Erzieherin werden? Dann doch lieber die eigene Welt gestalten, dafür brauchte sie allerdings die Sicherheit ihres Heimes. Sie war durch häusliche Pflichten und die Pflege ihrer Mutter ohnehin an das Haus gebunden, später kam die instinktive Einsicht hinzu, dass ihr Übermaß an emotionaler Intensität in der Berührung mit der vielfältigen Außenwelt nur geschwächt werden würde, dass das, was sie sagen wollte, nicht zu übersetzen sei in den damaligen Publikationsformen.
In Briefen an ihren Mentor, den Schriftsteller Thomas Wentworth Higginson, drückt sie die Spannung aus, die zwischen der Intensität einfachen Erlebens und den Schmerz der damit verbundenen Einsamkeit besteht: "Das Leben ist für mich Ekstase – Gefühl des Daseins ist Glück genug. (...) Zu leben ist so aufrührend, es lässt nur wenig Raum für andere Beschäftigungen, obwohl Freunde, wenn möglich, ein noch schöneres Ereignis sind." Dieser Higginson beschrieb den einzigen Besuch bei der Dichterin, die ihm mit zwei Lilien in der Hand und fast atemlos die Tür geöffnet hatte, und die ihm später noch wie von "feurigem Dunst" umhüllt erschienen war. "Nie war ich mit jemandem zusammen, der meine Nervenkraft so erschöpfte. Ohne dass ich sie angerührt hätte, zehrte sie an mir. Ich bin froh, dass ich nicht in ihrer Nähe lebe", schrieb er an seine Frau.
Diese Lebensintensität findet ihr Ventil in einer wahren Flut von Briefen, von denen nur ein Bruchteil erhalten sind und in denen sich eine geradezu unersättliche Anhänglichkeit und fürsorgliche Anteilnahme für ihre vertrauten Freunde und Verwandte entlädt. Sie konnte ohne Großstadt, Empfänge und Gesellschaften sein, aber nicht einen Tag ohne Kontakt mit ihren liebsten Freunden.
Gedichte von komplizierter Leichtigkeit
Emily Dickinson weist keine besondere Belesenheit auf und knüpft an keine Tradition an, noch konnte ihre individuelle Schreibweise irgendwelche Nachahmer finden. Die Bibel und Shakespeare waren allgemeines Bildungsgut, hinzu kommt noch die Kenntnis von Emerson, George Eliot, George Sand, Robert und Elisabeth Barrett Browning und Dichtern der englischen Romantik. Ihre Verse zeichnen sich durch nüchterne Schlichtheit aus und spiegeln den praktischen, lakonischen und sparsamen Geist der neuenglischen Volksdichtung und von Kirchenliedern. Die Einfachheit der Form ermöglicht aber keineswegs ein leichtes Verständnis. Die Gedichte sind knapp und erklären nichts, keine ausschmückenden Bilder, Metaphern oder Beschreibungen, dagegen oft Bekenntnisse in schroffen Aussagen, in Paradoxien und harten Akzentuierungen lakonisch formuliert. Der Leser muss sich jedes Gedicht neu erarbeiten, er findet wenig Bekanntes vor, muss sich den Sinn langsam zusammensetzen und sieht sich in eine Welt von stolzer Einsamkeit versetzt. Die Natur spielt eine zentrale Rolle, Vögel und Pflanzen und selbst abstrakte Begriffe werden personifiziert und mit erlebten Gefühlen aufgeladen, wobei die Mischung von Humor und Trauer den Grundton angibt.
Ihre späteren Gedichte sind voll von Assonanzen, unreinen Reimen und reimlosen Zeilen, Gedankensprüngen, unfertigen Sätzen und allen Merkmalen einer undisziplinierten Umgangssprache. Das alles dient ihr dazu, das was sie sagen will, in einer möglichst expressiven, deutlichen Weise auszudrücken. Damit verstieß sie gegen alle zu ihrer Zeit üblichen strengen Regeln der Dichtkunst, ein zusätzlicher Grund, dass sie es nicht wagte, zu veröffentlichen. Zwei Generationen später war es gerade die Freiheit in der Form, die den Reiz ihrer Gedichte ausmachte und bis heute noch ausübt.
Das Werk von Emily Dickinson stellt eine Bruchstelle dar zwischen der engen puritanischen Welt und der geistigen Liberalisierung durch den Transzendentalismus eines Ralph Waldo Emersons sowie dem Konflikt mit einem erstarrten Bibelglauben, der für die Fragen von Leben und Tod nur das Mittel des Gebets zur Verfügung stellte und den ganz eigenen Fragen der Dichterin nach dem Sinn und der Endlichkeit der menschlichen Existenz keinen Raum bot. Emily Dickinson hatte sich als einzige aus Amherst dem Einfluss einer zu ihrer Zeit grassierenden religiösen Erweckungsbewegung verweigert, an dem alle ihre Verwandten und Freundinnen teilnahmen.
Quellen:
- Emily Dickinson: "Gedichte, Englisch und Deutsch". Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. Carl Hanser Verlag München Wien 2006, gebundene Ausgabe, 560 Seiten
- Grünthal, Lola: "Guten Morgen, Mitternacht. Gedichte und Briefe." Ausgewählt und übertragen von der Herausgeberin. Diogenes Zürich, 1997, gebundene Ausgabe
- Hagenbüchle, Roland: "Emily Dickinson. Wagnis der Selbstbegegnung", Stauffenburg Verlag Brigitte Narr, Tübingen 1988, gebundene Ausgabe, 343 Seiten
- Emily Dickinson: "Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen". Ausgewählt und übersetzt von Uda Strätling, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, gebundene Ausgabe, 432 Seiten
