Sowohl in den Massenmedien als auch in wissenschaftlichen Publikationen ist häufig davon die Rede, dass die Lebensumstände in der modernen High-Tech-Gesellschaft, wie sie mit dem Siegeszug der Informationstechnologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist, zu einer grundlegenden „narzisstischen Prägung“ des Menschen und damit zum Anbrechen eines „Zeitalters des Narzissmus“ geführt haben.
Begründet wird diese These damit, dass die moderne High-Tech-Gesellschaft zum einen durch eine umfassende Individualisierung, die Auflösung traditioneller Bindungen und Milieus, und zum anderen durch einen mitunter gnadenlosen Konkurrenzkampf gekennzeichnet ist. Wichtige Themen sind hier der Zwang zur Selbstvermarktung, die Vereinzelung, wenn nicht gar Vereinsamung der Menschen an Computer-Arbeitsplätzen und in „Ich-AGs“ sowie der durch die Massenmedien angeheizte „Kampf jeder/jede gegen jeden/jede“ in Casting-Shows.
„Positiver“ und „negativer" Narzissmus
Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen einem „positiven Narzissmus“ und einem „negativen Narzissmus“. Mit „positivem Narzissmus“ ist eine positive Einstellung des Menschen zu sich selbst gemeint, die ein stabiles Selbstwertgefühl bewirkt und erhält. „Positiver Narzissmus“ ist ein gesunder Bestandteil einer harmonischen Persönlichkeit und Voraussetzung für die Beziehungen zu anderen Menschen und zur Welt.
Ein „negativer Narzissmus“ basiert dagegen auf einem mangelnden Selbstwertgefühl und hat zur Folge, dass die Betroffenen vorwiegend sich selbst zugewandt sind und „lieben, nur um geliebt zu werden“. Oft neigen negativ narzisstische Menschen auch dazu, andere abzuwerten, um das eigene Ego aufzuwerten.
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung
Beim „negativen Narzissmus“ ist wiederum zu unterscheiden zwischen dem Narzissmus als Wesensart in der modernen High-Tech-Gesellschaft, und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Man kann diese Zusammenhänge auch so beschreiben, dass viele in der heutigen Gesellschaft äußerst erfolgreiche Menschen Persönlichkeitszüge aufweisen, die als narzisstisch angesehen werden können, dass diese Persönlichkeitszüge aber erst dann die Form einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung annehmen, wenn sie dauerhaft unflexibel und unangepasst sind sowie in bedeutsamer Weise funktionelle Beeinträchtigungen oder subjektives Leiden verursachen.
Pathologische Narzissten sind Menschen mit einem – bei vordergründiger Betrachtung – ausgeprägten Selbstbewusstsein bis hin zur Selbstüberschätzung, durch die allerdings in Wirklichkeit die grundlegende und dauerhafte Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und damit die massive Ich-Schwäche kompensiert werden soll, an der die Betroffenen leiden. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind also primär gekennzeichnet durch ein überbordendes Gefühl von eigener Macht, Stärke und Überlegenheit, durch das ein brüchiges Selbstwertgefühl abgestützt werden soll und das somit eine Überlebens-Strategie darstellt.
Mit dieser spezifischen Ich-Schwäche des pathologischen Narzissten eng verbunden ist eine unreife Abwehrorganisation, bei der Spaltungsmechanismen vorherrschen. So kommen beim pathologischen Narzissten selbstherrliches Auftreten und Minderwertigkeitsgefühle nebeneinander vor. Diese Spaltungsmechanismen werden noch verstärkt durch primitive Formen von Idealisierung und Identifikation, nämlich projektive Idealisierung und projektive Identifikation, bei denen entweder „gute“ oder „böse“ Anteile der eigenen Person auf andere Menschen projiziert, diese somit idealisiert oder verteufelt werden.
Hinzu kommen beim pathologischen Narzissten tiefe Gefühle von Neid und von innerer Leere und Langeweile, ein eklatanter Mangel an Einfühlungsvermögen in Verbindung mit emotionaler Kälte und ein unstillbares Bedürfnis nach Bewunderung, gepaart mit einer ausgeprägten Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und damit Kränkbarkeit, sowie eine ausbeuterische Grundhaltung anderen Menschen gegenüber.
Das heißt: Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nehmen für sich das Recht in Anspruch, über andere Menschen ohne jegliche Schuldgefühle zu verfügen, sie zu beherrschen und auszubeuten. Und sobald diese Menschen ihre Bedeutung für die pathologischen Narzissten eingebüßt haben, erscheinen sie ihnen nur noch wie leblose Schatten oder Marionetten. Pathologische Narzissten sind folglich Menschen ohne Herzenswärme, obwohl sie sehr charmant sein können.
Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung
Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind nicht selten Kinder von ebenfalls narzisstisch gestörten Eltern, die einerseits das Bedürfnis ihres Kindes nach Annahme und Bestätigung frustriert und andererseits besondere Begabungen des Kindes gefördert haben. Das heißt: Diese Eltern haben dem Kind einerseits Anerkennung versagt und ihm andererseits, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu erhöhen, von Anfang an suggeriert, es sei in der Lage, ohne größere Anstrengungen alles nur Wünschenswerte im Leben zu erreichen. Das Kind ist folglich seitens der Eltern einem "Wechselbad der Gefühle", also einem ständigen Wechsel zwischen Bewunderung und Ablehnung, ausgesetzt worden. Und aus einer solchen ambivalenten Kindheitserfahrung ist letztlich eine ambivalente Beziehung zu anderen Menschen schlechthin geworden.
Fazit
Als Liebe des Menschen zu sich selbst ist der Narzissmus Basis einer gesunden psychischen Entwicklung und damit eine grundlegende, positiv zu bewertende Eigenschaft der menschlichen Persönlichkeit. Ferner könnte man die starke Ausprägung des Narzissmus als Wesensart in der individualisierten Gesellschaft der Gegenwart auch als - gesunde - Gegenreaktion gegen den Primat des Kollektivs und die Auswüchse der autoritären Erziehung in früheren Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung interpretieren.
Andererseits besteht hier die Gefahr, dass man das eine Extrem gegen das andere eintauscht, dass es also zu einer Pervertierung des Narzissmus in Form einer egoistischen Selbstverliebtheit kommt und damit zwangsläufig auch zu einem gehäuften Auftreten narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. Wie gravierend die Folgewirkungen einer solchen Entwicklung sein können, hat jüngst die globale Wirtschafts- und Finanzkrise gezeigt, die durch Bankmanager verursacht worden ist, die ihre Fähigkeiten und Einflussmöglichkeiten offensichtlich maßlos überschätzt hatten.
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