
- Die Kindheit liefert dem Erweachsenen Hinweise - Kneipp Verlag Wien
Die eigene Kindheit prägt den Menschen. Wo wir aufgewachsen sind und wie, welche Vorbilder wir erlebten und welchen Einflüssen wir ausgesetzt waren, das gräbt Spuren in unsere Seelen. Und auf einmal sind wir „erwachsen“ und sehen uns mit dem Ergebnis einer Entwicklung konfrontiert, die nicht immer zielführend war, weil sie viel zu oft fremden Interessen folgte, ja folgen musste: denen der Eltern, der Tante im Kindergarten, den Lehrern, dem Beruf.
Dr. Julia Umek ist Gesundheits- und Arbeitspsychologin. In ihrem Buch „Was sagt mir meine Kindheit – Die eigene Entwicklungsgeschichte erkennen und beeinflussen“ sucht und gibt sie Antworten auf die Frage, wie man sich der eigenen Biografie freundlich nähern kann, ihren Spuren, ihren Schattenseiten, ihren Verlusten, ihrem Glück. Umek will uns Hilfe geben für ein selbstbestimmtes Leben, das sich an dem orientiert, was uns unverwechselbar zur Verfügung steht: unsere persönliche Herkunft und Entwicklung.
Von der Zeugung zum Menschen
Umek wählt dabei einen zunächst ungewöhnlichen Weg, eine ungewohnte Perspektive. Radikal subjektiv schickt sie den Leser an den Beginn seines Lebens: zur Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Nun beginnt unsere erste Reise, die mit der Geburt in ein neues Stadium tritt: „Sie werden zur Gestalterin/zum Gestalter ihres Lebens“, schreibt Umek (und lässt sehr früh fürchten, dass sie sich einer zwanghaften Correctness bedienen will von männlich und weiblich; aber das geschieht, Gott sei Dank, dann doch nicht).
Auch die Autorin beginnt eine Reise, dem Buch sind seine zwei Stationen zu entnehmen:
- Die Reise beginnt
- Das Verhalten ändern.
Diese Zweiteilung überrascht und macht skeptisch: Aus dem Inhaltsverzeichnis leitet sich ab, dass Umek generell die „Reise“, also unser Leben, änderungswürdig erachtet. Ist dem tatsächlich so? Sind Menschen immer nur in gewisser Weise „defekt“? Sicherlich nicht, Umek will all jenen Hilfe geben, die sich in der eigenen Biografie verstrickt fühlen, denen die Luft zum Atmen fehlt, die sich am Ende einer Sackgasse sehen. Aus dieser Sackgasse soll ihr Buch helfen und zu einer selbstbestimmten „Routenplanung“ führen.
Umek streut immer wieder Fragen ein, die die Leser sich beantworten sollen. Das ist grundsätzlich klug, denn immer sind es die Fragen, die uns weiterführen; andererseits scheinen manche Fragen sehr trivial. „Hatten Sie positive Erlebnisse mit Ihren Eltern“ – lautet eine hier willkürlich herangezogene Frage, und Umek schreibt, warum sie so fragt: „Aus den beschriebenen Situationen können Sie erkennen, in welchem Bindungstyp Sie erzogen wurden.“ Und weiter: „Die Selbstreflexion, also sich selbst Geschichten über die eigene Kindheit zu erzählen, hilft, eventuelle Verletzungen der Seele zu entdecken und diese, ähnlich wie bei einer körperlichen Verletzung, zur Heilung zu bringen.“ Aha.
Das alles ist kein neuer Hut. Der Ansatz, sich der eigenen Biografie (gemeint ist: der eigenen Kindheit) liebevoll zu nähern, wurde bereits zum Lebensmotto der Alice Miller (1923 bis 2010), die mit ihren Büchern „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) und „Am Anfang war Erziehung“ (1980) Furore machte. Miller hat, wenn man so will, den Pfad bereitet, den Umek heute beschreitet. Wo liegen die Unterschiede?
Alice Miller und Julia Umek
Miller ist die warmherzige und unbeirrbare Schriftstellerin – bei Umek stolpert der Leser über Plattitüden: „Unser Gehirn ist ein einzigartiges, vielgestaltiges und plastisches Organ“, teilt die Schriftstellerin mit (S. 33). Oder: „Manches, woran wir uns erinnern, scheint uns verschwommen und unwirklich …“ Und als letztes Beispiel: „Unsere Seele, und somit auch unser Gehirn, ist auf Verhaltensweisen ausgerichtet, die unser Lustempfinden erhöhen und Schmerz vermeiden sollen.“ So unfair es im Einzelfall sein kann, mit Textauszügen zu argumentieren – im Fall von Umek und ihrem Buch „Was sagt mir meine Kindheit“ soll es einzig belegen, dass die Autorin nur einer Idee hinterherschreibt: der Idee, dass die Kindheit irgendwie prägend ist und im Erwachsenen wieder zu Bewusstsein gebracht werden kann für eine irgendwie geartete Heilung. Was Umek nicht tut, wovon sie meilenweit entfernt ist: empathisch zu schreiben.
Dass sie empathisch ist, sei nicht in Abrede gestellt. Aber die große Zahl platter Formulierungen nivelliert das Buch: Es reiht sich ein in die Ratgeber für sämtliche Lebenslagen, vor allem, weil Umek es nicht den Lesern überlässt, wie sie mit den Einsichten umgehen sollen. Nein, Umek drängt es auch noch zu Rat-„Schlägen“, die sie Resümee nennt: „Akzeptieren Sie, dass sich Mutter, Vater oder Bezugspersonen nicht ändern werden. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen so sind.“ Oder: „Menschen, die nicht Nein sagen können, haben Angst, abgelehnt bzw. nicht gemocht zu werden.“ Was, so stellt sich die Frage, soll man mit solchen Tipps anfangen?
Fazit
Umek hat ein Buch geschrieben, das sich an den Standards heutiger Ratgeber orientiert: ein Thema, das irgendwie jeden betrifft (die verlorene Kindheit), aufgepeppt mit Beispielen aus dem Alltag fremder Menschen (wie man es aus den Zeitschriften und Talk-Shows gewohnt ist), leicht verdauliche Tipps, zu denen quasi jeder jederzeit ja sagen kann. Ein Buch, das nicht wehtut. Ob es hilft, ob es helfen kann, muss jeder für sich selbst herausfinden. Umek lesen – und dann schnell wechseln zu Miller, könnte ein Rat lauten. Bei ihr, der Schweizer Psychoanalytikerin, wird die Kinderseele im Erwachsenen gestreichelt.
Bibliographische Hinweise
Umek, Dr. Julia. Was sagt mir meine Kindheit. Kneipp-Verlag, Wien. 160 Seiten, Hardcover. 1. Auflage 2011. ISBN: 978-3-7088-0477-4
