Lebensmodell Patchworkfamilie

Gemeinschaft - Rike/Pixelio
Gemeinschaft - Rike/Pixelio
Die "Regelfamilie" - es gibt sie noch, aber sie wird mehr und mehr von anderen Modellen abgelöst. Eines davon ist die Patchworkfamilie.

Es gibt keine genauen Statistiken darüber, wieviel Patchworkfamilien es inzwischen in Deutschland gibt. Jede Siebte, jede Fünfte, jede Dritte? Tatsache ist, dass die "Regelfamilie" schon lange nicht mehr die Norm ist. Paare trennen sich, Mütter oder Väter ziehen ihre Kinder allein groß. Irgendwann finden sie vielleicht einen neuen Partner, gründen eine neue Familie. Man redet dann von einer Patchworkfamilie. Es gibt verschiedene Formen der Patchworkfamilie. Ein Partner bringt Kinder mit, der andere ist ohne Kinder. Beide Partner bringen eigene Kinder mit. Eine weitere Variante ist die, dass zu den bereits mitgebrachten Kindern noch gemeinsame hinzu kommen. Eine Patchworkfamilie kann eine ziemlich bunte Sache sein, da ist es hilfreich, einige Dinge zu beachten.

Wie sage ich es meinem Kinde?

Die Partner haben sich gefunden, schweben auf "Wolke 7", haben ihre Kinder inzwischen mit einbezogen. Alles läuft gut, der Freund der Mutter ist ein netter Kerl oder die Freundin des Vaters liest so schöne Geschichten vor. Die Eltern entschließen sich, den nächsten Schritt zu wagen. Sie möchten zusammen ziehen. Sie planen, sind happy, freuen sich. So schlimm kann es ja nicht werden, alle verstehen sich gut.

Nun müssen Sie es nur noch Ihren Kindern sagen. Und damit sollten sie achtsam umgehen. Es ist ein wichtiger Schritt im Leben Ihrer Kinder. Für Sie persönlich scheint alles klar zu sein, Ihre Kinder haben aber die Trennung ihrer Eltern vielleicht noch nicht verschmerzen können. Oder sie sind gerade in ihrem neuen Lebensmuster angekommen, zwischen ihren Eltern zu pendeln. Führen Sie die Kinder behutsam ein. Wenn es möglich ist, planen Sie im Vorfeld Übernachtungen bei dem einen oder anderen, damit die Kinder Alltagssituationen leben und sich mehr an die Gemeinschaft gewöhnen können.

Das Funktionieren dieser Variante hängt jedoch sehr vom Alter der Kinder ab. Ältere Kinder, 12- bis 13-jährige, wissen manchmal im Haus oder der Wohnung Ihres Partners nichts mit sich anzufangen. Sie brauchen ihr Zimmer, ihre Dinge, mit denen sie sich täglich beschäftigen. In diesem Alter haben die Kids nicht immer Lust auf einen "Wochenendumzug" zu Ihrem Partner. Vielleicht kann Ihr Partner dann zu ihnen kommen, aber hat er auch Kinder, ist auch das nicht immer möglich. Bei kleineren Kindern ist dieser Schritt leichter.

Klappt es nicht so gut mit den Einführungsübernachtungen, sind Sie trotzdem irgendwann an dem Punkt, an dem Sie mit der Sprache raus müssen. Führen Sie die Kinder behutsam ein. Sie könnten langsam mit dem Thema beginnen und "abklopfen" wie Ihre Kinder reagieren. Spüren Sie Widerstand, vertagen Sie das Gespräch auf den nächsten Tag. Geben Sie Ihren Kindern Raum, Ihre getroffene Entscheidung zu verarbeiten.

Negative Reaktionen der Kinder - was nun?

Es kann natürlich vorkommen, dass Ihre Kinder mit dieser Entscheidung nicht auf dem gleichen emotionalen Hoch schweben wie Sie. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Für sie bedeutet dieser Schritt eine große Veränderung. Sofort entstehen Ängste. Kleinere Kinder haben Angst, weil sie ihr Kinderzimmer aufgeben sollen, größere Kinder, weil sie glauen, es wird nun noch jemanden geben, der ihnen Vorschriften macht. Darauf haben sie keine Lust. Wie oft werden Sie noch Zeit mit ihrer Mutter oder ihrem Vater verbringen können, welche Dinge werden sie teilen müssen...

Eifersucht, Wut, Trauer... all das können Gefühle sein, mit denen Ihre Kinder umgehen müssen. Geben Sie Ihnen Zeit, geben Sie ihnen die Möglichkeit, all diese Gefühle zu zeigen. Nehmen Sie ihre Kinder in den Arm. Sie müssen keine Lösung für ihren Schmerz bereit haben, und Sie brauchen die Situation nicht beschönigen. Wenn die Kinder ihre Gefühle leben können, besteht eine große Chance, dass sie am Ende merken, dass es vielleicht auch Vorteile hat und gar nicht so schlimm ist.

Geduld, Geduld, Geduld

Der große Tag ist da, sie ziehen zusammen. Im Idealfall haben sich die Gemüter beruhigt. Die Umstellung bedeutet für jeden in der neuen Familie eine große Veränderung. Bisher war alles blanke Theorie. Jetzt müssen sich alle in der Praxis üben. Müssen Gewohnheiten aufgeben oder verändern, müssen sich neu finden. Verschiedene Gemüter prallen aufeinander, müssen einen Weg finden, miteinander umzugehen, müssen den Alltag meistern, Kompromisse eingehen.

Das kann dauern. Haben Sie Geduld und nicht zu viele Erwartungen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es Jahre dauern kann, bis alle das Gefühl haben, "angekommen" zu sein.

Wenn die Illusionen schwinden

In einer Patchworkfamilie sind die Erwachsenen die Einzigen, die sich lieben! Alle anderen arrangieren sich mit der Situation, müssen Wege finden, sich zu positionieren. Jedes Kind reagiert anders, da ist es nicht immer leicht, das Level der Liebe zu halten. Oft zweifeln Sie vielleicht, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Ihr schlechtes Gewissen drückt, weil Sie Ihren Kindern diese Situation "aufgedrückt" haben.

Geben Sie nicht auf! Entwickeln Sie Rituale, verbringen Sie gemeinsame Zeit zusammen, aber unternehmen Sie auch in Ihrer alten Familienkonstellation Dinge miteinander. Vergessen Sie nie, dass es auch in der Regelfamilie viele Konflikte gibt und das Manches, was Sie erleben, gar nicht so außergewöhnlich ist. Ihre Kinder gehen den Weg mit Ihnen.

Sie haben es geschafft, sich in Ihrem neuen Familienmodell zu formatieren. Das bedeutet, andere Familienmitglieder mit anderen Hintergründen zu akzeptieren, anzunehmen und einen Weg zu finden, Verschiedenartigkeit unter einem Dach zu leben. Die Arbeit hat sich gelohnt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder in Patchworkfamilien oft eine höhere soziale Kompetenz aufweisen, weil sie gelernt haben, genau diese Individualität eines jeden Menschens anzuerkennen.

Weitere Tips zum Leben in einer Patchworkfamilie erhalten Sie in dem Buch "Bonuseltern" von Jesper Juul. Ein schöner Gedanke, aus Stiefeltern und Stiefkindern Bonuseltern und Bonuskinder zu machen. Dem Mythos der "bösen Stiefmutter" wird dadurch endlich abgeschworen.

Tine Möller, Tine Möller

Tine Möller - Während meines Fernstudiums zur Drehbuchautorin entdeckte ich nicht nur die Freude am Schreiben. Die Erkenntnis, dass Mut zur ...

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