Lebensspuren - Spurensuche, ein Buch für die Wahrheit

Buch Layout - Willi Wortmann
Buch Layout - Willi Wortmann
Anhand der Biographien zahlreicher ehemaliger Erkelenzer Bürger erhält der Leser Aufschluss über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

„Lebensspuren - Spurensuche“ so lautet der Titel eines Buchs von Hubert Rütten, das leider bislang keine ISBN hat. Herausgeber ist der Heimatverein Erkelenzer Lande e.V., dessen Anliegen es ist, den jüdischen Menschen des Bezirks mit diesem Buch ein Stück Geschichte und Gesicht zurückzugeben. Zahlreiche bebilderte Kurzbiographien ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger verdeutlichen die präzise Recherche und Quellenforschung, die Hubert Rütten als Historiker und Autor bewältigt hat. Die Schicksale der Betroffenen stehen im Kontext mit vielen anderen historischen Details, die jüdisches Leben in Deutschland bis ins Mittelalter hinein beleuchten. Der Fokus der von Hubert Rütten zusammengetragenen Fakten liegt dabei auf dem Mechanismus, mit dem die radikalen Nationalsozialisten aus gedeihlichem, tolerantem Zusammenleben eine verwüstete Gesellschaft machten. Der Autor bewegt sich entlang der Zeitachse vom vorher zum nachher. Auf einem jüdischen Friedhof bekam Hubert Rütten anlässlich einer Gedenkfeier zur sogenannten Pogromnacht die Idee zum Buch.

Deutsche Geschichte "im Kleinen wie im Großen"

Anhand der von Hubert Rütten zusammengetragenen Fakten bekommt der Leser einen präzisen Eindruck nationalsozialistischer Politik und dem einhergehenden praktizierten Antisemitismus. Am Schicksal der betroffenen Menschen des Landkreises Erkelenz erfährt der Leser die Auswirkungen, die eine Lücke im heutigen Deutschland hinterlässt.

Deutsche Juden vor der Willkürherrschaft

Ein Buch als ein Puzzlestück, welches hilft, Zeit transparent zu machen - wie die vielen anderen Bücher, Dokumente und Details, die zusammengesetzt ein Bild ergeben. Hubert Rütten hat sich auf die Region rund um Erkelenz beschränkt. Anderen Quellen ergänzen das Bild, wie sich in den Jahrhunderten der Stellenwert von Religion veränderte. Vor allem im protestantischen Preußen konvertierten Juden. Nicht wenige deutsche Juden identifizierten sich mehr mit ihrem Deutschtum, als mit ihrer jüdischen Abstammung. Deutsche Juden hatten nicht nur im ersten Weltkrieg ihre patriotische Gesinnung gezeigt, vom wissenschaftlichen und kulturellem Leben ganz zu schweigen. Im Jargon des NS-Regimes waren Begriffe wie Viertel- und Halbjude bei dem geforderten Arier-Nachweis von Bedeutung.

Schleichende Radikalisierung

Die Ziele der von Kreisen der Wirtschaft unterstützten Nationalsozialisten bezüglich der sogenannten „Judenfrage“ verdeutlichten sich nach dem Inkrafttreten des sogenannten "Ermächtigungsgesetz". Schon am darauf folgenden Morgen wurde mancher Nazigegner, wie in Köln dokumentiert, an der eigenen Wohnungstür erschossen. Hatten die Nazis zunächst sogar mit jüdischen Vertretern verhandelt, Menschen gegen Waren, wurde eine Ausreise für die jüdische Bevölkerung ab Ende 1939 unmöglich. Zunächst hatten die Nazis die Juden inhaftiert, dann wieder freigelassen mit der Auflage, das Land zu verlassen, wie man dem Buch entnehmen kann. Bis dann mit Beginn des Krieges der Terror gegen die eigene Bevölkerung, vornweg die Juden, vollends ihren Lauf nahm. So kann man es auch im Buch von Hubert Rütten lesen, den Raum Erkelenz betreffend.

Was für Schicksale

Bezeichnend ist das Schicksal des Geschäftsmannes Julius Hermanns: Mitte April 1939 wurde Julius Hermanns aus dem KZ entlassen, mit der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen. Am 13. Mai fuhr Hermanns, im Besitz eines Visums für Kuba, von Hamburg aus mit 930 anderen jüdischen Flüchtlingen aus Europa nach Havanna. Am 27. Mai erreichte das Schiff Kuba, dort erklärte die Regierung die ausgestellten Visa für ungültig und verweigerte die Einreise. Auch im benachbarten Florida lehnte die amerikanische Regierung die Aufnahme der Flüchtlinge ab. Das Schiff kehrte nach Europa zurück, wo Hermanns zunächst in Frankreich Aufnahme fand. Mit Beginn des Krieges wurde er als feindlicher Ausländer verhaftet und in Südfrankreich interniert. Am 11. August 1942 wurde Julius Hermanns zum Lager Drancy bei Paris gebracht, von wo aus er drei Tage später nach Auschwitz deportiert wurde. Der Todestag von Julius Hermanns ist nicht vermerkt.

Deutschland bleibt die Heimat

Der Bruch deutsch-jüdischer Geschichte findet im Buch „Spurensuche-Lebensspuren“ oftmals seinen besonderen Ausdruck wenn es heißt : „verschollen in Izbica“. Nur selten finden sich Biographien, die über das Ende der nazistischen Terrorherrschaft hinausgehen. Eine davon ist die Lebensgeschichte von Alex Salm, der sich nach seiner Zeit als KZ-Häftling wieder in seiner Heimatstadt niederließ.

Quelle:

  • Hubert Rütten: Lebensspuren-Spurensuche - Jüdisches Leben im ehemaligen Landkreis Erkelenz. Schriften des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V. Nr. 22. Erkelenz 2008
Bild- und Textautor, Jo Scholten

Hermann Josef Scholten - Freier Journalist, Bild- und Textautor. Arbeiten aus der Produktion sind bislang unter anderen in GEO, stern, Merian, Playboy, Kölner ...

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