
- Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind eine Legasthenie-Förderung benötigt, fallen viele in den ersten Minuten zunächst in ein tiefes Loch. Noch ein Kostenpunkt! Mein armes Kind! Kann man das nicht anders lösen? Die in Radolfzell lebende dreifache Mutter und Legasthenietrainerin Heike Kuhn-Bamberger ist damit täglich konfrontiert. In den Erstgesprächen nimmt sie sich besonders viel Zeit, damit die Erziehungsberechtigten wirklich all ihre Sorgen erst einmal loswerden und verarbeiten können. Suite101 nutzte die Chance und interviewte sie zu der Thematik, um auch all die anderen Mütter und Väter aufzuklären.
Suite101: Wie sind im Schnitt die Kosten dieser Legasthenietherapie?
Heike Kuhn-Bamberger (nachfolgend HKB): Hier gibt es keinen festgelegten Stundensatz. Der Kostenrahmen bewegt sich etwa zwischen 20 und 60 Euro für eine Stunde Einzelförderung.
Suite101: Ist es möglich, dass Familien mit weniger Budget Unterstützung vom Staat erhalten können? Wenn ja, an wen müssen sie sich wenden?
HKB: In den meisten Fällen werden die Legastheniestunden privat bezahlt, da es nur unter bestimmten Umständen möglich ist, eine Kostenerstattung zu bekommen und es bis zur Bewilligung oft ein sehr mühsamer Weg ist. Am ehesten ist es möglich, eine Kostenübernahme über die so genannte Eingliederungshilfe zu bekommen. Nach § 35a des Sozialgesetzbuches – kurz: SGB – sind die Jugendämter für Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche zuständig. Da Personen mit Legasthenie sehr häufig von seelischer "Behinderung" bedroht sind, gehören sie in manchen Fällen zu diesem Kreis.
Aufwendungen für eine außerschulische Legasthenie-Therapie können beim Finanzamt als außergewöhnliche Belastung geltend gemacht werden. Voraussetzung dafür ist ein amtsärztliches Gutachten.
Suite101: Wer sollte eigentlich die Diagnose zur Legasthenie stellen?
HKB: Grundsätzlich sind die Lehrer dazu angehalten, Lernstandberichte regelmäßig zu erstellen und bei Verdacht auf LRS etwa durch Förderlehrer oder die schulpsychologische Beratungsstelle eine genaue Diagnose stellen zu lassen. Häufig wenden sich aber auch die Eltern selbst an die Legasthenietrainer oder Förderinstitute, um sich ein genaues Bild zu verschaffen.
Suite101: Werden Kinder durch die Diagnose nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt?
HKB: Man muss tatsächlich aufpassen, dass durch die Diagnose die Kinder nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Dem kann man meiner Meinung nach schon bei der Diagnosestellung vorbeugen. Jeder gute Diagnostiker wird zusammen mit Eltern und Kind ein ausführliches Beratungsgespräch führen und darin auch festhalten, dass es nicht bedeutet, dass das Kind nun sein Leben lang lese-/rechtschreibschwach bleiben wird, sondern dass die Legasthenie bei entsprechender Hilfe auch überwunden werden kann. Ebenfalls wird er betonen, dass die Diagnose nicht die Bescheinigung dafür ist, sich frustriert zurückzulehnen und nun nicht mehr gezielt zu üben, weil man ja legasthen ist. Ganz das Gegenteil sollte der Fall sein: Ein ausführlicher Diagnosebericht kann helfen, das Kind zu verstehen. Er hilft auch, mit dem Übungsprogramm genau da anzufangen, wo es eben nötig ist. Insgesamt kann es eine große Entlastung und Hilfe darstellen.
Suite101: Muss ich als Elternteil damit rechnen, dass mein Kind auch fälschlicherweise eine LRS bescheinigt bekommt?
HKB: Sie haben Recht, die Diagnose LRS – Lese-/Rechtschreibschwäche – wird leider zu oft gestellt. Unglücklicherweise habe ich auch schon von vielen Fällen erfahren, wo Kinder eine LRS bescheinigt bekamen und dies dann als Entschuldigung dafür sahen, wenn sie nicht mehr weiter ihre Lese- oder Rechtschreibleistungen trainierten. Daher sollten Eltern darauf achten, dass die Diagnoseperson wirklich auf das Gebiet LRS spezialisiert ist. Es reicht nicht aus, wenn ein Institut am Anfang nur einen Rechtschreibtest durchführt ohne die genauen Ursachen für die Schwierigkeiten zu hinterfragen. Diagnostiker müssen auf jeden Fall ausführliche Erklärungen geben, damit keine Missverständnisse auftreten.
Suite101: Gibt es auch Eltern, die sich komplett gegen eine Förderung sträuben?
HKB: Ich habe tatsächlich schon von Eltern gehört, die der Meinung waren, Förderung bringe sowieso nichts, weil sie gehört haben, eine Legasthenie sei eine lebenslange Beeinträchtigung. Bei der Diagnose sollte daher deutlich werden, dass Legasthenie zwar bereits in den Genen angelegt ist, aber dass es möglich ist, die Schwäche zu überwinden. Ob dies vollständig gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Zum einen kommt es darauf an, wie stark die Legasthenie ausgeprägt ist, zum anderen darauf, ob rechtzeitig und gezielt geholfen wird. Große Verbesserung lässt sich aber auf jeden Fall erzielen, wenn der Betroffene es wünscht.
Suite101: Mit welchen Worten können Sie die Eltern der Betroffenen am besten trösten?
HKB: Mir liegt es sehr am Herzen, dass Menschen mit Legasthenie nicht nur ihre Schwäche sehen, sondern auch all ihre besonderen Begabungen, die sie auf jeden Fall haben. Legastheniker haben meist einen guten Überblick über Gesamtaufgaben und finden oft auf kreative Weise zu hervorragenden Lösungen. Sie vermögen ganzheitlich zu denken, sind einfallsreich, verfügen über eine gute Intuition und finden schnell Problemlösungen. Kreativität kann im schulischen Bereich ein Nachteil sein, beim Entwickeln von Problemlösungen in vielen Berufen und Alltagssituationen jedoch auch ein riesiger Vorteil.
Suite101: Wie sehen diese Vorteile aus?
HKB: Künstlerische und kreative Berufe und Tätigkeiten wie Erfinder und Mathematiker sind sehr häufig. So schwer es Legastheniker oft in der Schulzeit haben, so erfolgreich sind sie oft im Beruf, wenn sie nicht vorher resignieren. Als Firmeneigentümer arbeiten später weit mehr Prozent Legastheniker als ihr Anteil an der Bevölkerung ist. Viele von ihnen weisen zahlreiche Qualitäten auf, die für ein Unternehmen besonders wichtig sind. Dies sind Stärken in der verbalen Kommunikation, eine hohe Bereitschaft, Aufgaben zu delegieren und die Fähigkeit, Schwierigkeiten kreativ zu lösen. Die Hürden im Schulleben scheinen eine harte, aber sehr erfolgreiche Lehrzeit für den Erfolg zu sein: Die verschiedensten Schwierigkeiten in der Schulzeit fördern Einfallsreichtum, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, Widerständen zu trotzen und kreative Lösungen zu finden. Schon als Kinder lernen Betroffene, Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Das kommt ihnen später zugute.
Weitere Informationen zu Heike Kuhn-Bamberger auf ihrer Website.
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