Legasthenie-Förderung im Elternhaus

Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Professionelle Legasthenietrainer befürworten Zusammenarbeit mit den Eltern. Förderung im Elternhaus empfiehlt sich täglich mit gezielten Übungen.

Frühzeitige Förderung wirkt in allen Therapieformen am effektivsten. So ist es auch bei legasthenen Kindern zu betrachten. Die Legasthenietrainerin Heike Kuhn-Bamberger kennt aus eigener Erfahrung die Sorgen der Eltern. Täglich wird sie in ihrer Praxis damit konfrontiert. Tapfer bleiben. Motivieren. Den Schwächen der Kinder entspannter gegenübertreten. Das ist alles leichter gesagt als getan. Das machte sich Suite101 zum Thema und interviewte dazu die dreifache Mutter Heike Kuhn-Bamberger.

Suite101: Wie können Eltern von zu Hause aus ihrem Kind helfen?

Heike Kuhn-Bamberger (nachfolgend HKB): Eltern sollten ihrem Kind erklären, dass es nicht „schuld“ an seiner Schwäche ist. Gleichzeitig sollte ihm Mut eingeflößt werden, sich den Aufgaben zu stellen. Motivation hilft zudem, wenn es erneute Rückschläge gibt.

Wenn zu Hause geübt wird, bringt es gar nichts, einfach die Übungszeit zu verlängern. Es ist nicht sinnvoll immer denselben Text abzuschreiben, sondern eher intensiv die Fehlerquellen zu bearbeiten. Zusätzlich braucht es Training in der Sinneswahrnehmung sowie der Aufmerksamkeit. Zudem müssen Wörter, die nicht ins Langzeitgedächtnis gelangen wollen, auf anschauliche Art erarbeitet werden. Das Kind soll Freude am Schreiben und Lesen entwickeln. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es sich auf das Lernen einlässt und Erfolge erzielt.

Suite101: Können Sie anhand von zwei Beispielen diverse Förderbedürfnisse schildern?

HKB: Tabea schreibt häufig die Buchstaben innerhalb eines Wortes durcheinander. Auch lässt sie Buchstaben oder Wörter aus oder fügt unnötigerweise welche ein. Ihr Problem ist, dass sie die Laute aus einem Wort nicht in der richtigen Reihenfolge heraushören kann. Für sie wären neben gezielten Schreibübungen unterstützend auch viele Spiele zur Lautunterscheidung und zum Erkennen des Anfangs-, Mittel- und Endlauts wichtig.

Linus hat große Leseprobleme, weil er jeden Buchstaben einzeln liest und die einzelnen Laute noch nicht verbinden kann. Für ihn kann es hilfreich sein, zunächst mit Silbenübungen und lautgetreuen Wörtern zu üben. Würden die Eltern mit dem Kind versuchen, die Texte aus dem Lesebuch ihrer Klassenstufe zu lesen, so würde er das Üben sicher bald verweigern. Stattdessen können die Eltern etwa mit Buchstaben- und Silbenkärtchen erst einmal das Zusammenlauten üben.

Suite101: Können Sie leichte Beispielübungen aus ihrer Praxis verraten?

HKB: Ja, das mache ich gerne. Sinnvoll im Legasthenietraining ist es auf jeden Fall, verschiedene Sinne einzusetzen. Das heißt, die Übungen sollten möglichst oft auch das Gehör- und den Tastsinn ansprechen. Abwechslung ist dabei wichtig. Vor allem bei jüngeren Schülern können spielerische Übungen wie die Folgenden sehr hilfreich sein:

  • Buchstaben oder Wörter mit dem Finger auf den Rücken „schreiben“ und erraten;
  • Lernwörter „mit der Nase an die Decke schreiben“;
  • Wörter in Sand schreiben oder aus verschiedenem Material formen;
  • Buchstabenkekse backen;
  • im Wechsel lesen, dabei verschiedene Schriftgrößen wählen;
  • Text wort- oder silbenweise im Wechsel schreiben und vieles mehr.

Was bei der einen Person hervorragend hilft, kann bei einer anderen völlig unnötig sein und zu Verdruss führen. Am besten lässt man sich von einem Lehrer oder Legasthenietrainer entsprechende Übungen zeigen.

Suite101: Ist es möglich, dass man auf professionelle Hilfe total verzichtet und selbst mit seinem Kind diverse Übungen praktiziert?

HKB: Prinzipiell ist das möglich. Ob es sinnvoll ist, hängt aber von verschiedenen Bedingungen ab. Häufig ist durch die vielen Misserfolge und den Stress, den eine Legasthenie mit sich bringen kann, die Lern- und Übungssituation zu Hause so angespannt, dass das Eltern-Kind-Verhältnis darunter anfängt zu leiden. Damit das Kind angstfrei und unbeschwert lernen kann – und nur so sind Erfolge möglich – ist aber gerade der bedingungslose Rückhalt in der Familie unverzichtbar wichtig. Viele Eltern erzählen mir, dass sie mit ihrer Tochter oder ihrem Sohn schon gar nicht mehr unbefangen umgehen können, da immer das ungute Gefühl aus den Übungszeiten oder Schuldiskussionen zwischen ihnen steht. Ist das der Fall, so sollten sie sich das eingestehen und zwar ohne schlechtes Gewissen! Für beide Parteien ist es dann besser, vorerst ein Training außerhalb der Familie in Anspruch zu nehmen.

Es gibt aber auch Familien, in denen eine tägliche Übungszeit ohne größere Probleme durchführbar ist. Wenn also sowohl das Kind als auch die Eltern bereit sind, das gemeinsam anzupacken, so spricht überhaupt nichts dagegen, auch wenn Eltern keine pädagogische oder therapeutische Ausbildung absolviert haben.

Suite101: Was sollten Eltern bedenken, wenn sie sich gegen professionelle Hilfe entscheiden?

HKB: Bevor man mit dem Trainingsprogramm beginnt, sollte man sich zuerst gut mit dem Thema Legasthenie vertraut machen, um einfühlsam auf die speziellen Bedürfnisse eingehen zu können. Auch muss man unbedingt abklären, ob es Probleme mit der Hör- oder Sehverarbeitung gibt, um mit entsprechenden Übungen helfen zu können. Entsprechende Spiele und Arbeitsblätter ersetzen natürlich nicht das Lesen- oder Schreibenlernen, bieten aber eine unglaublich gute Unterstützung, da sie ja die Ursache der Schwierigkeiten angehen.

Für den Symptombereich ist es wichtig, dass sich Eltern gut informieren, wie die einzelnen Lernschritte aufeinander aufbauen. Es muss unbedingt zuerst ein Fundament aus den Grundlagen gelegt werden. Es ist daher in manchen Fällen sinnvoll, dass sich Eltern zuerst von einem Legasthenietrainer oder Lehrer, der sich auskennt, beraten lassen, wie sie speziell bei ihrem Kind vorgehen können und danach selbst die Förderung in die Hand nehmen.

Weitere Informationen zu Heike Kuhn-Bamberger auf ihrer Website.

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