
- Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Heike Kuhn-Bamberger ist als Legasthenie-Trainerin Expertin in ihrem Beruf. Sie erstellt eigene Materialien für ihre Zöglinge und publizierte diese bereits im Fant Verlag in Form von nützlichen Arbeitsheften. Mit diversen Fortbildungen bringt sie sich immer wieder auf den neusten Stand. In diesem Interview hatte sich Suite101 mit ihr über die allgemeine pädagogische Arbeit im Schulalltag mit Legasthenikern unterhalten.
Suite101: Welche Defizite sehen Sie im schulischen Bereich, wenn es um die Feststellung von Legasthenie geht?
Heike Kuhn-Bamberger (nachfolgend HKB): Leider wird das Thema Legasthenie im Studium auf Lehramt immer noch nicht durchgängig behandelt. So gibt es ausgesprochen gut informierte Lehrer, die eine große Stütze für legasthene Schüler sind, aber auch dramatischerweise immer noch solche, die nicht rechtzeitig erkennen, wenn ein Schüler gezielte Förderung in diesem Bereich braucht. Daher gibt es auch noch schreckliche Fälle, wo intelligente legasthene Schüler als dumm angesehen werden und dann fälschlicherweise auf der Förderschule landen.
Suite101: Was würden Sie sich allgemein von den Lehrern an Primar- und Sekundarschulen wünschen?
HKB: Es wirkt sich meist ausgesprochen positiv aus, wenn der Schüler vom Lehrer weiß, dass er Interesse für ihn hat, dessen Probleme kennt und Verständnis dafür aufbringt. Gleichzeitig sollte deutlich werden, dass der Schüler dennoch lernen und sich besonders bemühen muss, auch wenn es schwer fällt. Sehr empfehlenswert wäre auch, Druck zu vermindern und positive Erlebnisse zu ermöglichen. Für manche LRS-Betroffene ist es sinnvoll, möglichst weit vorn im Klassenzimmer zu sitzen, damit der Lehrer sieht, wenn er noch Zeit braucht, zum Beispiel beim Diktat, beim Abschreiben von der Tafel. Zudem ist anzumerken, dass sich Unterstrichenes einprägt. Deswegen sollten Fehler nicht rot hervorgehoben werden. Besser wäre es, die richtige Schreibweise darüber zu notieren.
Suite101: Wie sollte ein Lehrer mit misslungenen Lernkontrollen gegenüber eines Legasthenikers umgehen?
HKB: Unter einer misslungenen Arbeit sollte zusätzlich noch ein kurzer Satz über den Lernfortschritt geschrieben werden. Die Note könnte unter Umständen deprimieren, aber der Vermerk, dass die Fehleranzahl sich um einiges minimiert hat, lässt Legasthenikerherzen höher schlagen.
Wenn ein Schüler in seiner Freizeit gezielt übt, macht er vermutlich kontinuierlich Fortschritte, die sich jedoch nicht so schnell in den Noten niederschlagen. Hier ist Lob im Alltag für jeden kleinen Fortschritt sowie Ermutigungen besonders wichtig. Oft ist das Selbstwertgefühl durch die Misserfolge sehr in Mitleidenschaft gezogen, so dass es dem Schüler gut tut, wenn der Lehrer auch einmal seine Stärken oder besonderen Begabungen hervorhebt.
Suite101: Wie soll ein Lehrer bei leseschwachen Schülern verfahren?
HKB: Lautes Vorlesen vor der Klasse sollte nach Möglichkeit nur auf Wunsch des leseschwachen Schülers stattfinden. Legasthene Schüler können beim lauten Vorlesen häufig nicht gleichzeitig den Inhalt erfassen. Zusätzliche, gezielte Leseübungen für zu Hause sind hier sinnvoller.
Suite101: Wie könnte von Seiten der Schule zusätzlich gefördert werden?
HKB: Lehrer sollten immer einen Plan haben, welche Grundlagen beim legasthenen Schüler als nächstes aufgebaut werden müssen, um sich dem Klassenniveau zu nähern. Um dem gesamten Klassenverband gerecht zu werden, können sie nicht immer auf Einzelne eingehen. Aber zwischendurch lässt sich spezielles Fördermaterial ausgeben, das Betroffene dann in der Schule oder zu Hause bearbeiten. Damit der Zeitaufwand nicht allzu groß wird, können andere Übungen abgekürzt oder weggelassen werden.
Suite101: Werden die Diktate der Betroffenen in der Schule zensiert?
HKB: Jedes Bundesland hat seinen eigenen Legasthenie-Erlass, in dem das geregelt wird. In den meisten Ländern können bis zur sechsten Klasse Rechtschreibnoten zurückhaltend gewichtet werden. Es ist nicht erlaubt, sie gar nicht zu zählen, da das Schreiben bei uns zu den wichtigen Fertigkeiten zählt. In den höheren Klassen gibt es Sonderregelungen meistens nur noch in besonders begründeten Ausnahmefällen, da man vermeiden möchte, dass Schüler sich bei automatischer Verlängerung der Sonderregel nicht mehr genug anstrengen.
Suite101: Mit welchem Material arbeiten Sie?
HKB: Ich habe einen Pool sehr unterschiedlicher Materialien, etwa das Fresch-Programm „Hören, Lauschen, Lernen“, den Kieler Rechtschreibaufbau und Leselehrgang, das Marburger Rechtschreibtraining und viele mehr. Dabei arbeite ich aber niemals mit einem Schüler ein Material von vorne bis hinten durch. Vielmehr stelle ich aus vielerlei Methoden das Material für jeden Schüler ganz individuell zusammen.
Im Lauf meiner inzwischen siebenjährigen Arbeit als Legasthenietrainerin habe ich immer mehr Übungsmaterialien selbst entworfen, weil mir viele bereits auf dem Markt vertretene Methoden einfach zu steif oder einseitig gestrickt sind. Mir ist wichtig, dass die Übungen motivierend und abwechslungsreich auf den Schüler wirken. Schließlich müssen legasthene Kinder einen großen Mehraufwand im Vergleich zu ihren Mitschülern leisten. Die Themen werden von verschiedenen Seiten aus beleuchtet, damit sie besser begreifbar und anschaulich werden und um Trainingsverdruss zu vermeiden. Die Aufgaben in meinen Übungsheften bauen Schritt für Schritt aufeinander auf. Es gibt viele Wiederholungsaufgaben, wobei die Schwierigkeit langsam gesteigert wird. Die Texte und Grafiken habe ich entsprechend der Hobbys und Interessen vieler Kinder und Jugendlicher ausgesucht. Die Übungsschwerpunkte entsprechen ganz den Fehlerschwerpunkten einer Großzahl der Schüler. Der Lösungsteil bietet die Möglichkeit zur Selbstkontrolle.
Suite101: Können auch Lehrer, Eltern und/oder andere ihrer Kollegen von ihren Produkten profitieren?
HKB: Ja, die Anweisungen und Erklärungen zu den Aufgaben sind jeweils so eindeutig formuliert, dass sie nicht nur für das professionelle Legasthenietraining, sondern auch zur Übung zu Hause oder im Förderunterricht geeignet sind. Meine Materialien sind im Fant Verlag erhältlich. Wenn Sie einzelne Materialien auf der Homepage des Fant Verlags anwählen, können Sie in aller Ruhe ausführliche Beschreibungen dazu lesen. Gerne helfe ich auch bei der Auswahl der passenden Übungen.
Weitere Informationen zu Heike Kuhn-Bamberger auf ihrer Website.
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