Legenden des Great Barrier Reef

Das Naturphänomen vor der Ostküste Australiens und seine Mythen

Queenslands Küsten –Traumhaft in jeder Hinsicht... - S.Thomas
Queenslands Küsten –Traumhaft in jeder Hinsicht... - S.Thomas
Australien ist weit, weit weg und zudem weitestgehend unbekanntes Terrain. Doch immer wieder tauchen in Europa Meldungen vom Leben und Sterben Down Under auf.

Australien ist voller Gegensätze, und doch aus Menschensicht einer der leersten Kontinente der Welt. Dabei aber so durchsetzt von einzigartigen Landschaften, letalen Naturphänomenen und Lebewesen, dass man sich als Mensch winzig vorkommen muss. Auch angesichts des größten und wahrscheinlich bekanntesten Naturwunders, dem Great Barrier Reef: Essenz des australischen Tourismus zwischen Sonnenbrille, Schwimmflossen und Surfshorts.

Great Barrier Reef, das größte Lebewesen der Erde?

Ein Lebensraum braucht ebenso Zeit und konstante Bedingungen zum Wachsen wie ein Individuum. Das Great Barrier Reef, manchmal als größtes Lebewesen der Welt bezeichnet, brauchte mehrere Millionen Jahre, um seine heutigen beeindruckenden Ausmaße von 347.800 km² Fläche bei einer Nord-Süd-Ausdehnung von rund 2.300 Kilometern zu erreichen. Doch genau genommen ist es kein Individuum, sondern setzt sich aus einer Vielzahl von Einzelriffen und Riffsystemen (je nach Kategorisierung 2.000 bis 3.000 an der Zahl) zusammen, die ihrerseits aus Milliarden von Einzel-Lebewesen wie Riffpolypen, Schwämmen und weiteren Kleinstlebewesen bestehen. Die unterschiedlichen Riffe sind biologisch und ökologisch schon alleine deshalb zu trennen, da deren Entstehungsgeschichte und Lebensbedingungen keineswegs dieselben sind. Trotzdem ist das Ökosystem vor der nördlichen Ostküste Australiens eine rekordverdächtige Lebensform.

Weltwunder? UNESCO Weltkulturerbe vor der Küste Queenslands

1981 hat die UNESCO das Great Barrier Riff vor der Küste Queensland als Weltkulturerbe anerkannt. Wunderbar? Sogenannte Weltwunder geschehen immer wieder, doch selten in solchem Ausmaß und unter Wasser. Viel mehr als ein Wunder ist die natürliche Vielfalt der Lebewesen, die ihre ökologischen Nischen in und um das Riffsystem eingenommen haben: Mit über 400 bekannten Korallenarten die größte Diversität dieser Art weltweit; mehr als 1.500 registrierte Fischarten; die seltenen, hier Dugong genannten Seekühe; eine unvergleichliche Vielzahl an Meeresschildkröten; 4.000 Arten der Weichtiergattung; eine überreiche Mikro-Fauna; und nicht zuletzt der eine oder andere Buckelwal. Wunderbar vielleicht, aber nicht mehr oder weniger ein Wunder als andere Biotope unserer Natur, der tropische Regenwald etwa oder die Tiefsee der Ozeane.

Nuklear-Sprengköpfe und militärische Manöver: Paradies unter Waffen?

Ob der berüchtigte State Premier Queenslands Sir Joh(annes) Bjelke-Petersen es ernst meinte, als er während seiner fast zwanzigjährigen Amtszeit vorschlug, Teile des Great Barrier Reefs mit Hilfe von kleinen Nuklear-Sprengköpfen zu beseitigen, um die Passage von Handelschiffen zu ermöglichen, muss wohl offen bleiben. Sir Joh starb 2005. Sicher ist hingegen, dass sich amerikanische und australische Truppenverbände regelmäßig zu militärischen Manövern innerhalb des paradiesischen Great Barrier Reef Marine Park verabreden – zuletzt zum größten jemals in Friedenszeiten abgehaltenen Marinemanöver, der Operation Talisman Sabre 07 im Juni 2007. Ob die insgesamt gut 26.000 Soldaten dabei nur Karten spielten und zotige Witze rissen, darf indes bezweifelt werden.

Tödliches Riff durch Australiens giftige Tierwelt?

Australiens Tierwelt ist die ungenießbarste der Erde, so hört man oft. Egal ob Schlange (Taipan), Spinne (Redback), Qualle (Box Jellyfish), Tintenfisch (Blue-ringed Octopus) oder Flossenträger (Stonefish): Die giftigsten Arten haben sich Down Under entwickelt. Doch auch ungiftige Zähne warten an jedem Ufer, glaubt man den reißerischen Medienberichten, die es bis nach Europa schaffen. Das Salzwasser-Krokodil beispielsweise ist tatsächlich ein von den Einheimischen mit großem Respekt gemiedener, aggressiver Räuber. Doch im Meer lauern noch andere Gefahren.

Besonders Riffhaie genießen einen zweifelhaften Ruf, doch wie bei den meisten Raubtieren passt der Mensch nicht gerade in ihr Beuteschema. Alter Pfadfinder-Trick: in Ruhe lassen – hilft in den meisten Fällen. Das Great Barrier Reef zieht neben den vielen Tauchtouristen auch Badegäste an, die sich an den traumhaften Stränden der verstreuten Riffinseln vergnügen. Dabei ist der Mensch im Wasser um das Riff oft sicherer aufgehoben als an den Küstenstränden, die häufiger wegen vielfältiger maritimer Gefahren gesperrt werden müssen – doch nicht immer...

Schrecken der Meere für Taucher – die reale Vorlage für »Open Water«

Das Great Barrier Reef bietet Traumbedingungen für den Tauchtourismus und bringt Queensland und der australischen Wirtschaft jährlich Milliardenbeträge ein. Aber nicht nur die fortschreitenden Umweltbelastungen trüben den Blick auf die einzigartige Unterwasserwelt, sondern auch die reale Tragödie der US-Amerikaner Eileen und Thomas Lonergan, deren Riff-Ausflug 1998 ein legenden-umwobenes Ende nahm. Die beiden erfahrenen Taucher wurden durch extrem unglückliche Umstände von der Besatzung ihres Ausflugsbootes auf offenem Gewässer zurückgelassen, ihr Fehlen aber erst Tage später bemerkt. Die folgenden Suchaktionen blieben ohne Ergebnis, Teile der Tauchausrüstung wurden erst Wochen später an Land gespült. Ist das verlorene Ehepaar wirklich von Haien verspeist worden? Oder doch ohne seine beim Schwimmen hinderliche Taucherausrüstung in Unterwasser-Strömungen ertrunken? Oder gar in der Hitze der Sonne auf der Wasseroberfläche verdurstet?

Zweifellos ein gefundenes Fressen für die Attraktionslust Hollywoods, die aus der realen Vorlage der tragischen Begebenheiten einen gewohnt reißerischen und kommerziell erfolgreichen Thriller namens »Open Water« machte. Dabei verdeutlichen eigentümliche Reaktionen auf den Film, wie durcheinander die Wahrnehmung von Realität und Fiction geraten kann. Letztlich aber ist und bleibt Tauchen ein nicht ganz ungefährlicher Sport, doch die Gefahren sind allzu oft menschengemacht. Das Great Barrier Reef hingegen ist nur eine wunderschöne maritime Landschaft am anderen Ende der Welt, no worries.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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