
- Integration von Migranten ist keine Einbahnstraße. - Dieter Schütz / pixelio.de
Deutschland hat ein Integrationsproblem, auch wenn man Sarrazin nicht nachbeten möchte. Doch wie trägt man die Integration in Schulen hinein, wenn von der Lehrerseite aus kaum Verständnis für fremde Kulturen besteht? Eine neue Studie der Berliner Universität zeigt Wege auf.
Der Lehrer als Tourist: Hochzeitsreise und Oktoberfest
Anna B. ist Lehrerin an einer Berliner Schule und Freundin des Autors. Sie war vor drei Jahren in Ägypten, Hochzeitsreise, und weil sie die ägyptische Kultur so interessiert.
Wie es war? – "Wundervoll!" – Und die Menschen? – "Supernett! Wir haben ein Schweizer Ehepaar getroffen, das auch auf Hochzeitsreise war und sie gleich nach Berlin eingeladen." – Aber die Einheimischen? – Das befreundete Paar erwähnte einen netten Reiseführer, der englisch und auch ein wenig deutsch sprach, die höfliche Art in den Hotels, und so weiter. Richtige Ägypter scheinen sie nicht getroffen zu haben.
Waren Sie schon mal zur Zeit des Oktoberfestes auf Djerba (Tunesien)? Dort feiert man Oktoberfest, mit Schweinehaxe und echtem bayerischen Bier. Aber ein richtiges Couscous sucht man in den Hotels vergeblich. Dazu muss man ins Hinterland fahren oder, wenn möglich, sogar Djerba verlassen und einen der eher untouristischen Orte besuchen.
Kultur wird, wenn überhaupt noch, aufgespießt wie ein exotisches Insekt und kann dann in Vitrinen bewundert werden.
Indien: Neugier und Höflichkeit
Ganz anders erging es dem Autor, als er als junger Mann durch Indien reiste. Da wurde er in den Schulen herumgereicht und musste Rede und Antwort stehen. Fremde Kulturen, vor allem solch "erfolgreiche" wie die deutsche, galten als interessant.
Aus den Familien der Schüler erfolgten Einladungen. Mit viel Höflichkeit, aber auch Neugierde wurde der fremde Gast empfangen. Manchmal führte diese Neugierde zu Staunen, zu Befremden und oft auch zu Gelächter. Fremde Sitten haben den Vorteil, dass sie für beide Seiten komisch sein können, wenn beide Seiten sich nicht allzu ernst nehmen und den anderen respektieren.
Erfahrung in deutschen Schulen
Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Lehrerkollegien sein können. In der einen Schule wird in einem hohen Maß offen miteinander umgegangen und auch Integrationsprobleme intensiv diskutiert. In einer anderen Schule trifft man auf das Gegenteil: versagende Kommunikation unter den Kollegen, seltsame, um nicht zu sagen offen abwertende Aussagen über Schüler, Rassismus und Sexismus. "Der ist Ausländer, der kann sich gar nicht benehmen!" Dieser Spruch wurde im Freundeskreis des Autors heftigst diskutiert. Dabei ging es nicht darum, ob dieser Spruch wahr ist, sondern ob dieser Kollege angezeigt werden müsse.
Dabei ist Integration durchaus hervorragend möglich. An der Dathe-Oberschule in Berlin ist die Klassenzusammensetzung durchaus sehr heterogen, mit Türken, Japanern, Senegalesen, um nur einige Migrationshintergründe zu nennen. Nicht zuletzt trägt zu dieser positiven Erfahrung bei, dass die Lehrer sich für die Kulturen der Eltern interessieren. Integration in die deutsche Kultur ist keine Einbahnstraße; und Lehrer, deren Profession es auch ist, zu lernen, tun gut daran, solche fremden Kulturen kennen zu lernen. Es gehört zur Bildung mit dazu.
Migrantische Lehrkräfte
Umso wichtiger wird es sein, diese Erfahrung zu intensivieren. Und genau hier spielen Lehrkräfte mit einem Migrationshintergrund eine wichtige Rolle. Denn wer sich durch eine deutsche Universität gequält hat (und im Fall des Pädagogikstudiums kann man manchmal wirklich sagen: gequält), dem kann man eine gelungene Integration bescheinigen.
Das Lernen durch Vorbilder ist seit langem bekannt. In den siebziger Jahren war es Albert Bandura, der Forschungen zu diesen Themengebiet intensivierte. Wenn heute mehr migrantische Lehrer in Schulen gefordert werden, muss man eigentlich nur den Kopf schütteln. Denn die Forschung hätte dies schon wesentlich früher erkennen können.
Der "Dialog" als Basis der Integration
Fasst man die Sachlage kühl, dann besteht die Integration aus den vielen kleinen Ritualen, die Menschen ausbilden, wenn sie miteinander leben; man erinnere: alte Ehepaare.
Solche Rituale bilden sich durch Dialoge, durch Umgang miteinander heraus. Menschen aus fremden Kulturen bringen andere Rituale mit. Trotzdem sind sie in der Lage, diese nach und nach aufzugeben und sich neue anzueignen. Dieser Prozess jedoch ist nicht immer einfach. Er erfordert ein Bewusstwerden von eigenen Ritualen, eine Erfordernis, die Menschen, die immer nur in ihrer eigenen Kultur gelebt haben, nicht nachvollziehen können.
Wie Integration versagt
Menschen mit migrantischem Hintergrund können durchaus daran scheitern, die richtigen Rituale zu lernen. Und Einheimische versagen auf der anderen Seite diese Integration, indem sie gar nicht wissen, welche Leistungen Migranten erbringen müssen.
Integration kann gar nicht durch Ad-hoc-Lösungen und durch Verordnung von oben passieren. Das deutlichste Zeichen dafür ist, dass Rassismus in den Teilen Deutschlands am höchsten ist, in denen es am wenigsten Ausländer gibt. Und umgekehrt ist die Integration dort am gefährdetsten, wo der Anteil an "Einheimischen" am geringsten ist.
Integration – mit allen Mitteln
Ist die Ghettoisierung eines Viertels weit fortgeschritten, muss man diese Integration auch erzwingen, mit allen Maßnahmen, die von Seiten des Staates aus abgedeckt sind. Nichtsdestotrotz sollte man auch hier immer im Blick behalten, dass es zunächst um den Dialog geht. Auch polizeiliche Maßnahmen dürfen nicht monologisch durchgeführt werden.
Das Einbinden von Lehrern mit migrantischem Hintergrund ist ein weiteres Mittel, die Integration in Deutschland wieder bedeutsam zu machen. Dabei sollte man aber nicht nur diese Lehrer in "Ghettoschulen" einsetzen, sondern gerade auch in Schulen mit überwiegend deutscher Schülerschaft. Integration ist, wie gesagt, keine Einbahnstraße.
Viola Georgi: Studie der Freien Universität Berlin zu Lehrern mit Migrationshintergrund
Im Frühjahr 2011 wird Viola Georgi, Professorin und Leiterin des Arbeitsbereiches Interkulturelle Erziehungswissenschaft, das Ergebnis einer Studie vorlegen, die Lehrer mit migrantischem Hintergrund nach ihren Erfahrungen befragt hat.
Einige wichtige Ergebnisse liegen aber jetzt schon vor. So ist der bewusste Umgang mit sprachlicher und kultureller Differenz und kultureller Heterogeneität wohl ein wichtiger Bestandteil von nicht-deutschstämmigen Lehrern für ihre Professionalität. Zudem berichten sie von einem starken Familienzusammenhalt, der trotzdem Wert auf eine (deutsche) Bildung legt. Und diese Lehrer selbst verpflichten ihre Schüler in der Schule zum Deutschsprechen, nutzen aber ihre Herkunftssprache, wenn sie in der Freizeit mit ihren Schülern reden, oder wenn deren Eltern anwesend sind.
"Change agents"
Gerade die Migranten mit einem großen Erfolg bei ihrer Integration können so zu Motoren und Initiatoren für eine weitergefasste Integration werden. Weil sie gleichsam beide Kulturen verstehen, die unterschiedlichen Rituale und in unterschiedlichen Sprachen kennen, können sie vermitteln. Neudeutsch gesagt: sie werden zu "change agents", zu "Wandlungshandelnden".
Manchmal genügt es aber auch, wenn Lehrer sich Mühe geben, den einen oder anderen Brocken Türkisch oder Arabisch zu sprechen. "Seit wann sprichst du türkisch?" – "Seit gestern." – "Kannst du nicht, Alder?" – "Nur zwei Wörter." – "Soll ich dir noch eins beibringen?" – "Wenn du mich siezt, gerne." Und dann hat der (deutsche) Lehrer einige Wörter für Gemüsesorten auf Türkisch gelernt. Die deutschen Schüler haben übrigens mit gelernt.
