Leibniz: Glaube und Einsicht als Fundament der Religion

Für Leibniz bildet die materiale Vernunft zusammen mit dem Glauben die Grundlage der Religion.

Gottfried Wilhelm Leibniz will, ähnlich wie Pascal, Philosophie und Religion mit stetigem Bezug auf die neuen Wissenschaften denken. Anders aber als Newton zum Beispiel will er die Natur so lange durch die Gesetze der Mechanik versuchen zu erklären, wie dies möglich ist. Erst wenn es um sogenannte aktive Kräfte geht, ist für ihn eine Erklärungsgrenze erreicht. Hat Newton diese Kräfte noch Gott zugeschrieben, nimmt Leibniz diese in seinen Substanzbegriff auf. Er nennt sie Monaden. Sie sind die aktiven Teile der Substanzen.

Die natürliche Religion

Für Leibniz ist die Ähnlichkeit von Gott und Mensch metaphysisch fundiert. Die Religion besteht aus einer komplexen Struktur aus Aktivität, Intellektualität und Affektivität. Sie ist bezogen auf das Gemeinwohl. Ihre Rolle ist die Verherrlichung Gottes. Er schreibt: "... Gott hat zu keinem anderen Ende die vernünftigen Kreaturen geschaffen, als dass sie zu seinem Spiegel dienten, darinnen seine unendliche Harmonie auf unendliche Weise etwas vervielfältiget würde". Das heißt, man liebt das, was der Liebe wert ist. Und das, was der Liebe wert ist, erkennen die Menschen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Gott. Ziel der Religion ist deshalb, in der Verehrung Gottes als Vollkommenheit das Glück zu finden. Diese Verehrung ist aber keine blinde Verehrung, weil der Mensch aufgrund der Vollkommenheit Gottes Vertrauen zu ihm hat. Er schreibt: "Moses hatte bereits die schönen Gedanken von der Größe und Güte Gottes mitgeteilt, mit denen viele zivilisierte Völker heute übereinstimmen ...". Jesus Christus hat erreicht, dass diese sogenannte natürliche Religion zum Gesetz geworden ist. Er hat die Religion der Weisen zur Religion der Völker gemacht und Mohammed hat sie, so Leibniz, sogar in die entlegensten Gebiete getragen.

Religion und Freiheit

Die Erkenntnis von Gottes Vollkommenheit, die Liebe zu ihm sowie die Grundsätze der Frömmigkeit, gehören für Leibniz zusammen. Das Ziel der Religion kann daher beschrieben werden als Versuch, eben dies den Menschen einzuprägen. Unverträglich damit ist natürlich jegliche Form von despotischer Gewalt, auch wenn sie als göttliche Gewalt aufgefasst wird. Er begründet seine Ansicht durch die Harmonie in der Ordnung der Monaden, die nicht willkürlich wirken würden. Für ihn ist dies vor allem wichtig in Bezug auf die Freiheit des Menschen. Freiheit besitzt für Leibniz religiöse Bedeutung. Sie ist zwangsfrei und sie entbehrt absoluter Notwendigkeit. Sie beruht auf den Gesetzen, die Gott der Natur mitgegeben hat, und die einen Mittelweg zwischen Willkür und Zwang darstellen. Freie Handlungen sind für Leibniz völlig spontan. Sie werden nur durch das Wollen geleitet. Das wiederum betitelt er als eine Tendenz eher auf das zu zustreben, was man gut findet, und sich von dem zu entfernen, was man schlecht findet. Dennoch hat man die Freiheit der Wahl. Zerstören würde dies das Schicksal, das einen Gegenpart zur Freiheit darstellt. Was nützt jegliche Freiheit, wenn die Resultate von Handlungen vorherbestimmt sind?

Vernunft und Glaube

Das Vertrauen zu Gott resultiert für Leibniz aus dem Verhältnis von Glauben und Vernunft, also aus dem, was Gott den Menschen gibt und dem, was allen Menschen zugänglich ist. Leibniz unterscheidet aber zwei Arten von Vernunft. Es gibt die materiale und die formale Vernunft. Letztere bezieht sich auf beweisbare Wahrheiten. Wichtig hier ist die sinnliche Wahrnehmung. Die materiale Vernunft ist ein Mittelding aus der formalen Vernunft und dem Glauben. Sie bezieht sich auf Wahrheiten, zu denen man durch Einsicht gelangt. Sie ist unabhängig von den Sinnen. Der Glaube bezieht sich auf Wahrheiten, die von Gott offenbart wurden. Dass der Mensch Gott verehrt und, dass er ihm vertraut, resultiert nach Leibniz also aus einem gesunden Verhältnis aus Glauben und der materialen Vernunft. Wahrheiten, zu denen man per Einsicht gelangt, bilden zusammen mit dem Glauben an Gottes Offenbarung das Fundament für die Religion.

Quelle:

Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosophische Schriften, Suhrkamp Verlag, Berlin 1996, 2245 Seiten, 68,00 Euro

Bettina Ickelsheimer, Bettina Ickelsheimer

Bettina Ickelsheimer - Kurzvita: Bettina Ickelsheimer wurde 1973 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1994 studierte sie Philosophie, ...

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