Leinenweber und Leinenlegge in Versmold

Leinenproduktion, Leinenbewertung und Leinenhandel in Westfalen

Webstube - Foto Büsemeyer
Webstube - Foto Büsemeyer
Jahrhunderte lang war die Leinenweberei in Westfalen überlebenswichtig. So genannte Leinenleggen sorgten für die Bewertung der Leinenqualität.

Versmold lebt in vielfacher Hinsicht von der Fleisch- und Wurstwarenindustrie und den mit ihr verbundenen Produktionsbereichen und Dienstleistungen. In historischer Zeit jedoch und noch bis ins Kaiserreich hinein, waren die Eingesessenen vor allem auf die Verarbeitung und den Vertrieb von Flachs und Hanf zu Leinen angewiesen.

Karge Böden und Ackerweberei

Erster Grund hierfür war, dass außer Hanf und etwas Getreide auf den Versmolder Böden kaum etwas anderes gedieh. Im Jahre 1745 berichtete der Mindener Kriegs- und Domänenrath Culemann in seiner Geographischen Beschreibung der Grafschaft Ravensberg über Versmold: „Das Terrain ist purer Sand, inzwischen zu Erzielung des Getreydes und Hanffs sehr bequem. Die vornehmste Nahrung besteht in der Fabrique des Löwendlinnens und dem Spinnen. Die Unterthanen und Einwohner sind sehr fleißige Leute, starck von Constitution und Leibes-Statur und incliniren sehr zum Handel“.

Leinenweberei sorgt für Bevölkerungsvermehrung

Vor allem die armen Heuerleute, die als landwirtschaftliche Kleinstpächter auf den Nebengebäuden der alten Höfe lebten, waren auf das Leinengewerbe angewiesen. Seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hatten sie sich im Kirchspiel überhaupt nur ansiedeln können, weil neben Landwirtschaft und Landhandwerk auch Garnspinnerei und Leinenproduktion einige Arbeit boten. Auf den Höfen arbeitete man mehr nebenher an Spinnrad und Webstuhl, um zusätzlich etwas zu verdienen. Den kleinen Köttern und Heuerlingen aber bot die Tätigkeit im Umfeld der Leinenerzeugung überhaupt erst die Chance, eine Familie und einen eigenständigen Haushalt zu gründen. Hier packte die ganze Familie vom 5jährigen Kind bis zum Greis mit an, um das schiere Überleben zu sichern. Wenn dann endlich ein Stück Leinen fertig gewebt war, musste es der staatlichen Leinenschauanstalt vorgelegt und dort bewertet werden.

Leinenlegge, Leinenkontrolle und Kaufmannschaft

Schon seit dem Jahre 1652 gab es in Bielefeld eine Leinenschauanstalt, kurz „Legge“ genannt. Ursprünglich mussten die Versmolder Weber also weite Wege auf sich nehmen, wenn sie ihr Leinenwaren verkaufen wollten. Und wenn sie dann endlich in Bielefeld angekommen waren, blieb ihnen oft gar nichts anderes übrig, als zu beinahe jedem Preis zu verkaufen, denn sonst hätten sie ihre Leinensachen wieder mit zurück transportieren müssen. Aber sie brauchten ja die wenigen Groschen und Taler, die ihnen das Leinengewerbe einbrachte. Rasch jedoch fanden sich nun in Versmold interessierte Kaufleute, die den Heuerlingen das Leinen abnahmen; der Händler Sieveking am Kirchplatz, der zugleich auch Bürgermeister des Weichbildes Versmold war, gehörte dazu. Seit 1720 trat eine weitere Kaufmannsfamilie auf den Plan, die „Delius“, die bald Sievekings Nachfolge antraten. Für die Heuerleute war das Verhältnis zu den Kaufleuten zwiespältig. Man brauchte sie, um die Leinenstücke verkaufen zu können. Aber die örtlichen Kaufleute zahlten natürlich eher schlecht. Sie spekulierten darauf, dass ihnen die Weber die Leinenstücke schon billig verkaufen würden, um den Weg zur Legge nach Bielefeld einsparen zu können. So kauften sie in großem Stil in Versmold ein, um dann ihrerseits mit großen Partien zur Legge nach Bielefeld oder auch nach Osnabrück zu wandern und dort einen guten Preis zu erzielen.

Gründung der Versmolder Leinenlegge

Gleich in mehreren Edikten versuchte der Große Kurfürst seit 1678, auch in seinen ländlichen Weichbildern und Kleinstädte eigene Leggen einzurichten. Dabei verfolgte er durchaus ein Eigeninteresse. Viele Weber und auch manche Kaufleute versuchten mittlerweile, das Leinen an der staatlichen Legge zu Bielefeld vorbei in den Handel zu bringen. Sie scheuten die weiten Wege und natürlich auch die Kosten der Leinenschau selbst. So ließ der Brandenburgische Staat auch in Versmold eine Legge einrichten. Auf der einen Seite galt es, Kontrolle über die Warenqualität auszuüben und auf der anderen Seite wollte der Staat auch von den Gebühren der Leinenschau profitieren.

Leinenschau und Leinenhandel

Bald waren zwei, drei Leggetage pro Woche in Versmold angesetzt, und ein vereidigter Leggemeister prüfte und klassifizierte die ihm dort vorgelegten Waren. Auf einem langen Messtisch rollten seine Gehilfen die von den Heuerleuten herangeschafften Waren aus und bewerteten sie nach Länge und Breite, Dichte, Gleichmäßigkeit und Stärke des Materials. Besonders achteten sie darauf, dass das Leinen nicht etwa künstlich gebleicht, sondern eben auf natürliche Weise vom Sonnenlicht veredelt worden war. War die Ware in Ordnung, erhielt sie einen Leggestempel; damit war sie auch exportfähig und erzielte entsprechend gute Preise. Denn längst schon gab es Überseekaufleute wie etwa die weit verzweigte Familie Delius in Versmold, die mit Cousins und Onkeln verschiedener Grade in verschiedenen europäischen Hafenstädten zusammen arbeiteten. Aber auch die Borgholzhauser Legge war Ausgangspunkt für einen internationalen Leinenhandel, der über die Kaufmannsfamilie Thorbecke bis in die Niederlande abgewickelt wurde.

Bedeutung des Leggewesens

Naturgemäß steigerte die Legge den Standard der Leinenerzeugnisse. Allerdings kam es in Versmold wie auch an allen übrigen Leggeorten rasch dazu, dass je eine Kaufmannsfamilie vor Ort bald ein faktisches Monopol über den Handel mit Leinen erhielt. Zugleich errangen sie administrative Macht vor Ort und übten bald umfassend Herrschaft aus. Für die Heuerleute wiederum verteuerte sich die Produktion zwar, aber zugleich verbesserten sich Warenqualität und Absatz; im gleichen Maße stieg allerdings ihre Abhängigkeit von der Kaufmannschaft.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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