Leipzig zeigt japanische Holzschnittkunst

Vergangene Herrlichkeit aus der Zeit vor Öffnung des Landes

Japanische Holzschnittkunst hat bedeutende Auswirkungen auf die europäische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts gehabt.

Anfang 2010 wird im Leipziger Grassi-Museum der zweite Bereich der Ständigen Ausstellung „Asiatische Kunst. Impulse für Europa“ eröffnet. In einer Sonderausstellung zeigt dieses Museum für Angewandte Kunst schon zuvor eine faszinierende Facette asiatischer Kunst: Druckkunst aus Japan, die eine besondere Bedeutung und Wirkungsgeschichte für die europäische und insgesamt westliche Kunst des späten 19. und 20. Jahrhunderts und die moderne japanische Bildproduktion hat.

Neben Holzschnitten in Schwarzdrucken, kolorierten Bildern und Mehrfarbdrucken, Druckstöcken und dazu gehörenden Zustandsdrucken werden Holzschnittbücher, Einzelblätter aus Büchern, Färbeschablonen für den Stoffdruck sowie Rollbilder in Tuschmalerei gezeigt. Diese Objekte aus dem eigenem Bestand stehen beispielhaft für die enorme Wirkung japanischer Kunst in Europa und Amerika nach der Öffnung des zuvor über zweihundert Jahre abgeschirmten Inselreichs im Jahre 1854.

Die Kunst ging mit der Öffnung unter

Malerei und Kalligrafie, die die Entwicklung des Druckens beeinflusst haben demonstrieren Rollbilder Hinzu kommt Auswahl europäischer Grafik und Buchkunst, die die unmittelbare Wirkung japanischer Vorbilder im 19. und 20. Jahrhundert belegt

Die Objekte gehören zur Kunst des Ukiyo-e: „Bilder der vergänglichen, fließenden Welt“ in Holzschnitten. Der beste Kenner und Sammler dieser Kunst Richard Lange nannte sie die „japanischste aller japanischen Kunstformen“. Deren Wurzeln sind chinesisch. In der frühen japanischer Poesie wurden sie melancholisch-pessimistisch gedeutet und mit buddhistischer Philosophie verwoben So erfuhr der Begriff des Ukiyo-e vor allem seit dem 17. Jahrhundert einen Bedeutungswandel. Nicht mehr nur irdisch-vergänglich empfand man die Welt, sondern vor allem als Ort heiteren Daseins voller Lebensgenuss und modischer Vergnügungen. Die Kunst des Ukiyo-e war von Beginn an eine volkstümliche Kunst. Imim Gegensatz zur höfischen Kunst waren ihre zentralen Themen die alltäglichen Dinge: das Leben der Menschen, ihre Vergnügungen, ihre Feste, ihre häusliche und landschaftliche Umgebung. Ein besonderes, liebevoll-verehrendes wie auch ironisch-travestierendes Augenmerk der japanischen Holzschnittmeister gehört dabei der Welt des Theaters und der Vergnügungsviertel, den Schauspielern und Kurtisanen. Zum Besten japanischer Holzschnittkunst überhaupt gehören die Darstellungen weiblicher Schönheit, von denen in der Sonderausstellung beeindruckende Bilder zu sehen sind.

Nur kurze Zeit zu sehen

Aus konservatorischen Gründen ist die Sonderschau „Japanische Druckkunst vor Manga“ nur kurz. Unter der Vielzahl von Naturbildern finden sich genau beobachtete oder kühn stilisierte Wiedergaben von Tieren und Pflanzen, aber auch die großen Landschaftsbilder Katsushika Hokusais (1760 - 1849). Seine Arbeiten verkörpern nicht nur den letzten großen Höhepunkt des Ukiyo-e, sondern auch – mit 33 Blättern aus seiner wohl berühmtesten Serie Sechsunddreißig Ansichten des Fuji - einen Glanzpunkt der Ausstellung.

Zu entdecken sind außerdem großartige Menschen- und Tierdarstellungen, mythisch-literarische Bilder, Geister und Götter, Teezeremoniell und Teehaus, das Riesenkind Kintaro und die schöne Kellnerin Okita – eine authentische Person von legendärem Ruhm. Die Ausstellung ermöglicht den Blick in eine heitere, dem Genuss zugewandte und von der Vergänglichkeit wissende Welt voller Geschichten und Farben.

Der sich vor dem Besucher ausbreitende Bilderkosmos graziler Linien ruht auf einer langen und hoch entwickelten künstlerischen Tradition, deren Besonderheit im aufeinander folgenden Zusammenwirken verschiedener Beteiligter liegt: Dem Holzschnittzeichner, dem Plattenschneider, dem Drucker, gefolgt vom Verleger.

Endeo-Periode

Die präsentierten Objekte entstanden während der Edo-Periode (1603 – 1868) und der Meiji-Periode (1868 – 1912). Beide Perioden schließen die Zeit der Selbstisolierung Japans vom ersten Drittel des 17. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Mit der Öffnung Japans ging die Kunst des Ukiyo-e verloren. Ihre Wirkung aber reicht weiter, bis hin zu den Bildwelten von Manga und Anime.

Laufzeit der Sonderausstellung: 21.11. 2009 – 31.1.2010

Öffnungszeiten: Di – So, Feiertage 10–18 Uhr, montags und am 24.12. und 31.12. geschlossen

Horst Schinzel, Valentina Jermakova

Horst Schinzel - Ich bin seit mehr als fünfzig Jahren journalistisch und publizistisch tätig. In den Siebziger Jahren habe ich einen Kleinverlag ...

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