
- Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Carl Hanser Verlag
Der junge österreichische Autor Clemens J. Setz wurde mit dem Buchpreis 2011 der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seine Sammlung von Erzählungen ausgezeichnet. Diese erschien unter dem Titel „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“. Die Jury unter Vorsitz der Literaturkritikerin Verena Auffermann begründete die Entscheidung folgendermaßen: „Den Ausschlag gaben die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte.“
Clemens J. Setz: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes"
Wovon handelt dieses Buch? Von versagenden Eltern, von unechten Paaren, die eigentlich illusionslose Einzelgänger und selbstmitleidige Außenseiter sind, die sich in andere Menschen nicht einfühlen können, zum Sadismus neigen und keinerlei Lebenssinn mehr finden. Das für die Auswahl aus der Nominierungsliste verantwortliche Gremium bezeichnete das Buch von Clemens J. Setz in der ausführlichen Begründung als "bewusst artifizielle, hochverspiegelte Prosa". Setz porträtiere „eine Menschheit im Wartezustand, ohne Leitbilder und Ideale, losgelöste Astronauten im Raumschiff Erde, auf der Abschussrampe, aber ohne Ziel“.
Die Leser wählten Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick"
Könnte nicht der harmlose, Literatur "nur" konsumierende Leser daraus schließen, dass die Auswahl dieses sprachlich und stilistisch hochgelobten, inhaltlich recht apokalyptischen, ja deprimierenden Buches von der Zeitkoinzidenz der Natur- und Atomkatastrophen in Japan beeinflusst wurde? Was auch immer an diesem Gedanken bestechend sein mag, so ließ die Jury jedenfalls das Votum aus Leser- und Branchenkreisen vollkommen außer Acht. Die Leser hatten in den Wochen vor Messebeginn in Leipzig in einer Internetabstimmung mehrheitlich Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ (Rowohlt) zum besten der nominierten Bücher gewählt.
Auch Arno Geiger und Peter Stamm in der Lesergunst vor Clemens J. Setz
Die Erzählungen von Setz standen nicht an zweiter und auch nicht an dritter Stelle des Publikumsgeschmacks, der Arno Geigers "Der alte König im Exil" (Carl Hanser Verlag) und Peter Stamms "Seerücken" (S. Fischer) favorisierte. Dies ist insofern bemerkenswert, weil von den mitstimmenden 1.315 Bücherfans wahrscheinlich auch viele aus Verlags-, Buchhandels- und Literaturfachkreisen kommen, denn das Votum wurde vor allem auf den Buchbranchenseiten des Internets beworben. Man könnte also vorsichtig von einer professionellen Großjury sprechen.
Wer ist der Schriftsteller Clemens J. Setz?
Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte dort Mathematik und Germanistik. Für seinen ersten Roman "Söhne und Planeten" (Residenz, 2007) bekam er mehrere Auszeichnungen, etwa den Ernst-Willner-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2008. Sein Roman "Die Frequenzen" (Residenz, 2009) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen 2010 ausgezeichnet.
Leipziger Sachbuchpreis für Henning Ritter: "Notizhefte"
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik entschied sich die Jury für die "Notizhefte" von Henning Ritter (Berlin Verlag), eine ungeordnete Sammlung von Aphorismen, kurzen Essays, Gedanken. Henning Ritter, Jahrgang 1943, verantwortete in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1985 bis 2008 das Ressort "Geisteswissenschaften". Ritter kann man mit Fug und Recht und ganz im positiven Sinne einen modernen Literaten nennen, eine Berufsbezeichnung, die nicht mehr gebräuchlich ist, seit Intellektuelle im 20. Jahrhundert auch journalistische Stilformen zu verwenden begannen. Der Begriff Literat wurde zum Schimpfwort degradiert und verschwand leider fast ganz aus dem Sprachgebrauch. Henning Ritter ist der Herausgeber der Schriften von Jean-Jacques Rousseau und Montesquieu. Im Jahr 2008 erschien sein Buch "Die Eroberer. Denker des 20. Jahrhunderts" (C. H. Beck). Henning Ritter wurde die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen, 2005 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis.
Moralisches oder intellektuelles Versagen?
Die Leipziger Jury-Begründung zur Essayistik liest sich lange nicht so ausführlich und virtuos formuliert wie die über Clemens J. Setz, dafür wurde sie bodenständiger, verständlicher und für Leser nachvollziehbarer abgefasst. Es ist die Rede von einem ungewöhnlichen Buch, das „Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig“. In der Begründung wird die Eingangsfrage des Buches zitiert: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Eine anspruchsvolle Frage. Ein Flash auf aktuelle deutsche Politik? Schwermütiger Kommentar zur weltweiten, zur deutschen, zur europäischen Atompolitik, zu aktuellen Krisendebatten im Bundestag, an Arbeitsplätzen und Stammtischen, in Fitnessstudios und Familien? Nein, es war schlichter gemeint: „Gut, dass es dieses Buch gibt – es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.“
Leipziger Buchpreis für Neuübersetzung von Tolstois "Krieg und Frieden"In der Kategorie Übersetzung wurde Barbara Conrad für ihre Neuübertragung des Romans „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi aus dem Russischen (Carl Hanser Verlag) ausgezeichnet. Gewürdigt wird ihre „enorme Leistung an Energie und Ausdauer.“ Barbara Conrad (geboren 1937) studierte nach einer Bibliothekarsausbildung Slawistik, Anglistik und Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über "I. F. Annenskijs poetische Reflexionen". Bis 1982 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Heidelberg und erfüllte Lehraufträge in Kassel. Seitdem ist sie als freiberufliche Übersetzerin russischer Belletristik tätig und übertrug Werke von Tschechow, Tolstoi und Pasternak ins Deutsche. Auch als Herausgeberin profilierte sie sich.
Sollen Bücher keine Konsumgüter sein?
Diese Tolstoi-Übersetzung von Barbara Conrad sei ein Meisterwerk der Sprachkunst und übertreffe alle ihre Vorgänger, begründete die Leipziger Buchpreis-Jury ihre Entscheidung. Das Ergebnis sei ein Rohdiamant, „jenseits aller künstlichen Eleganz“. Barbara Conrads Tolstoi sei „kein Konsumgut geworden, er bleibt eine Herausforderung, die Lektüre eine Ozeanüberquerung, Flauten und Stürme inbegriffen, keine schnelle, lustige Talfahrt.“ Diese Bemerkung mag vom Verlag und vom Buchhandel als kontraproduktiv aufgefasst werden, hatte man sich nicht gerade über die Auszeichnung gefreut und auf flotten Abverkauf an passionierte Leser gehofft? Wer möchte aber ein Buch erwerben und lesen, das dafür geadelt wird, dass es kein Konsumgut geworden ist? Man schlussfolgert: schwierig, kompliziert, nur für Intellektuelle und Literaten. Dem Verlag sei zu wünschen, dass die Leser die Preisbegründung nicht lesen.
Baut der Leipziger Buchpreis Brücken?
Die Leipziger Buchmesse im Frühjahr unterscheidet sich vom Frankfurter Großereignis im Herbst dadurch, dass sie sich mit Hunderten von Lesungen und Buchveranstaltungen an "User" des Mediums Buch wendet. Leser sind Geschichtensucher. Buchpreise sollten, jedenfalls wäre das eine schöne Hoffnung, Brücken bauen, Schneisen schlagen zwischen Literatur und Lesern. Hat der Leipziger Buchpreis dies in diesem Jahr getan? Die Leser haben das letzte Wort.
