Es sind demenzbedingte Fähigkeitsstörungen, geistige Behinderungen oder psychische Erkrankungen, die dafür sorgen, dass die betroffenen Menschen ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können.

Und doch kann es sein, dass Menschen mit solchen Beeinträchtigungen trotzdem keinen Anspruch auf eine Zuordnung in eine Pflegestufe haben. Um etwa die Leistungen für Pflegestufe I in Anspruch nehmen zu können, müssen sie nachweisen, dass sie einen „verrichtungsbezogenen Hilfebedarf“ pro Tag von mindestens 90 Minuten haben. Das heißt im Klartext: Am Ende eines Tages werden die Minuten zusammengezählt, die eine andere Person ihnen beim Aufstehen, Waschen, Anziehen, Essen, Trinken, beim Toilettengang usw. geholfen hat.

Betreuung ist ein neuer Bereich des Hilfebedarfs

Die Gesetzgeber haben schließlich erkannt, dass die Minutenzählerei für einzelne Verrichtungen, auch Zeitkorridore genannt, nicht dem Zeitaufwand gerecht wird, den Angehörige aufbringen, wenn sie beispielsweise ein von Demenz betroffenes Familienmitglied betreuen und versorgen. Denn Menschen mit solchen Beeinträchtigungen müssen meist rund um die Uhr beaufsichtigt werden – was ja laut Definition keine Hilfe ist, die sich auf definierte Tätigkeiten (Verrichtungen) bezieht.

Damit Menschen, die sich Tag und Nacht um ihre altersverwirrten oder geistig behinderten oder psychisch erkrankten Angehörigen kümmern, Auszeiten nehmen können, wurde ein neuer Bereich des Hilfebedarfs geschaffen. Er wird umgangssprachlich häufig „Pflegestufe 0“ genannt. Tatsächlich aber geht es um Betreuungsleistungen bei erheblich eingeschränkter oder in hohem Maße eingeschränkter Alltagskompetenz.

So erhält man die Betreuungsleistungen

Um die Leistungen zu erhalten, muss ein Antrag bei der Pflegekasse gestellt werden. Bei einem Besuch prüft ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Kassen (MDK) den Pflegebedarf. Damit er bewerten kann, wie sehr die Alltagskompetenz eingeschränkt ist, haben die Pflegekassen 13 Kriterien festgelegt. Sie beschreiben jeweils Einschränkungen im allgemeinen Verhalten, Defizite im Verhalten bei alltagstypischen Situationen sowie bestimmte Alltagsfähigkeiten, die der Betroffene nicht mehr beherrscht.

Aufgrund der Empfehlung des MDK-Mitarbeiters legt die Pflegekasse die Höhe der Betreuungsleistungen fest. Die Beträge sind gestaffelt: Der Grundbetrag liegt bei 100 Euro monatlich, der erhöhte Betrag bei 200 Euro pro Monat. Damit sollen „aktivierende und qualitätsgesicherte Betreuungsleistungen nach § 45 SGB XI“ von ambulanten Pflegediensten oder von Tagespflege-Einrichtungen bezahlt werden.

Dazu kommen ab 2013 Leistungen der Verhinderungspflege in Höhe von 1.550 Euro pro Jahr und ein monatliches Pflegegeld in Höhe von 120 Euro, wenn ein Angehöriger betreut oder 225 Euro, wenn dies ein Pflegedienst übernimmt. Auch gibt es Geld für Maßnahmen zur Wohnungsanpassung bis zu 2.557 Euro. Und schließlich haben Betroffene Anspruch auf Pflegehilfsmittel, also zum Beispiel Pflegbett oder Lifter.

13 Kriterien zur Bewertung der eingeschränkten Alltagskompetenz:

Nach diesen hier aufgeführten Kriterien stellt der MDK-Prüfer Schädigungen und Fähigkeitsstörungen fest: Wenn die Person

  1. die Wohnung unkontrolliert verläßt (Weglauftendenz).
  2. gefährdende Situationen verkennt oder verursacht.
  3. unsachgemäß mit gefährlichen Gegenständen oder potenziell gefährdenden Substanzen umgeht.
  4. sich tätlich oder verbal aggressiv in Verkennung der Situation verhält.
  5. sich im situativen Kontext inadäquat verhält.
  6. unfähig ist, eigene körperliche und seelische Gefühle oder Bedürfnisse wahrzunehmen.
  7. nicht kooperiert bei therapeutischen oder schützenden Maßnahmen als Folge einer therapieresistenten Depression oder Angststörung.
  8. in ihren höheren Hirnfunktionen so gestört ist (Beeinträchtigung des Gedächtnisses, herabgesetztes Urteilsvermögen), dass diese zu Problemen bei der Bewältigung von sozialen Alltagsleistungen geführt haben.
  9. einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus hat.
  10. nicht eigenständig ihren Tagesablauf planen und strukturieren kann.
  11. Alltagssituationen missdeutet und inadäquat reagiert.
  12. sich emotional ausgeprägt labil oder unkontrolliert verhält.
  13. sich überwiegend niedergeschlagen, verzagt, hilflos oder hoffnungslos zeigt aufgrund einer therapieresistenten Depression.
Treffen zwei dieser Kriterien zu, davon mindestens einmal bei Punkt 1 bis 9, dann kann man von erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz sprechen. Eine in erhöhtem Maße eingeschränkte Alltagskompetenz liegt dann vor, wenn noch ein weiteres Kriterium aus einem der Punkte 1 bis 5 sowie 9, 11 zutrifft.

So erkennt der Laie „erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz“

Damit man als Laie das Verhalten eines Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz besser den jeweiligen Kriterien zuordnen kann, sind hier nun für jeden der 13 Punkte passende Beispiele aufgeführt.

  1. Person sucht verstorbenen Ehepartner und verlässt deshalb den Wohnbereich.
  2. Person läuft ohne aufzupassen einfach auf die Straße oder geht im Bademantel draußen spazieren.
  3. Person macht den Herd an, dreht den Wasserhahn auf und lässt das Wasser stundenlang laufen oder den Kühlschrank offen stehen ohne erkennbaren Grund.
  4. Person schlägt, beißt, kratzt und bespuckt den Helfer bei der Körperpflege oder beschimpft und beschuldigt Anwesende grundlos.
  5. Person hat starken Betätigung- und Bewegungsdrang, nestelt permanent an seiner Kleidung, beschmiert sich mit Kot.
  6. Person trinkt und isst nicht oder unkontrolliert, spürt keinen körperlichen Schmerz.
  7. Person ist antriebslos, apathisch, verweigert Nahrung.
  8. Person erkennt vertraute Menschen nicht wieder, kann sich schon nach kurzer Zeit nicht erinnern, was zuvor gesagt wurde oder passiert ist.
  9. Person ist nachts unruhig und verwirrt, weckt alle, will eine Mahlzeit haben.
  10. Person wäscht sich nicht mehr, isst nicht von allein, räumt nicht auf usw.
  11. Person hat Angst vor Fernsehbildern, vor dem eigenen Spiegelbild und fühlt sich verfolgt, bestohlen, bedroht.
  12. Person weint viel ohne ersichtlichen Grund, ist wechselweise euphorisch, reizbar oder misstrauisch.
  13. Person jammert und klagt ständig, ist mutlos und teilnahmslos.

Betreuungsgeld für Tagespflege und Betreuungsgruppen

Wer für seinen Angehörigen zusätzliche Betreuungsleistungen beantragen möchte, sollte sich beim Hausarzt informieren und/oder mit einem Pflegeberater sprechen. Von dem Betreuungsgeld können pflegende Angehörige z.B. die stundenweise Betreuung (auch niederschwellige Betreuungsangebote genannt) in einer Tagespflege-Einrichtung finanzieren. Pflegeberater und Pflegebegleiter arbeiten in Pflegestützpunkten, Pflegediensten oder Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände.

Zur Info: Dieser Beitrag wird bei gesetzlichen Änderungen, z.B. Höhe der Leistungen, aktualisiert - zuletzt im Dezember 2012.