
- "Coma"-Cover - Franz Riesberg
Gary Irvine kann einem schon leid tun. Sein Job im Büro einer Gabelstapler-Fabrik ödet ihn einfach nur an, seine bildschöne Frau betrügt ihn mit einem prolligen Teppichmogul. Was für Gary aber das Schlimmste ist: Er spielt für sein Leben gern Golf, ist aber leider eine völlige Niete. Nie fliegt der Ball wie er soll – falls Gary ihn überhaupt trifft. Und mit Handycap 18 ist er die große Lachnummer im Golfclub von Ardgirvan, einem verschlafenen Kaff an der schottischen Küste.
Doch als Gary eines Tages von einem verirrten Ball an der Schläfe getroffen wird, ändert sich schlagartig alles: Er erwacht aus dem Koma und spielt plötzlich Golf wie ein Gott. Sein Schwung funktioniert wie geschmiert, jeder Ball landet dort, wo er hin soll. Bald knackt Gary den Platzrekord und qualifiziert sich sogar für die legendären „Open Championships“, wo er gegen die weltbesten Profis antreten darf.
Für Fans schwarzen Humors ist John Nivens "Coma" ein Volltreffer
Es könnte alles perfekt sein – wenn die plötzliche Wandlung nur nicht diese dummen Nebeneffekte hätte: Denn leider hat der Golfball-Volltreffer in Garys Kopf einiges durcheinander gebracht. So leidet er seither einerseits unter dem Tourette Syndrom, das ihn in den unmöglichsten Situationen unkontrolliert schimpfen und fluchen lässt. Andererseits plagen den armen Kerl peinliche Dauer-Erektionen und ein noch peinlicherer Drang zur Masturbation.
Zugegeben: Die Kurz-Synposis von John Nivens Roman „Coma“ klingt gewöhnungsbedürftig. Und tatsächlich dürfte es angesichts mancher ordinärer Tirade, die der Autor seiner Hauptfigur in den Mund legt, nicht nur Knigge-Jüngern kurz die Sprache verschlagen. „Coma“ ist definitiv nichts für zarte Gemüter – für Freunde rabenschwarzen Humors ist der einfallsreiche Golf- und Provinzkrimi dagegen ein Volltreffer.
Parallelen zu Quentin Tarantino und Irvine Welsh
So skurril wie Garys Schicksal sind auch die Figuren, die seinen Weg im Verlauf der 400 Seiten immer wieder kreuzen: Da ist zum Beispiel sein Bruder Lee – ein tumber Möchtegern-Gangster, der seine Kinder stur nach irgendwelchen Flüssen benennt. Oder Kleinstadt-Brutalo Ranta, der seinen Widersachern schon mal mit schwerem Gerät die Weichteile malträtiert. Und natürlich Garys Nebenbuhler Masterson, der seine aus dem Leim gegangene Gattin schleunigst beseitigen will.
Manche Szene aus diesem Mosaik des schrägen Humors könnte direkt aus einem Drehbuch von Tarantino stammen. An anderer Stelle wiederum erinnern die schottischen Kleinstadt-Desperados ein wenig an Figuren des „Trainspotting“-Schöpfers Irvine Welsh: eine Gruppe nicht sonderlich schlauer Verlierer, die voller Ich-Bezogenheit durch die Welt stolpern und sich von einem Chaos ins nächste befördern. Nivens größte Stärke sind dabei die großartig getimten Dialoge, die jeder Figur Farbe verleihen und treffsicher wie ein gelungener Golfschlag in perfekten Pointen enden.
Schon John Nivens Debüt "Kill Your Friends" sorgte für Furore
So aberwitzig die Story sein mag, so authentisch wirken die Figuren und ihre Motive. Vermutlich liegt das daran, dass Niven das Milieu bestens kennt, über das er da schreibt. Auch wenn der Autor (Jahrgang 1968) inzwischen in der englischen Grafschaft Buckinghamshire lebt, wuchs er nämlich selbst im Südwesten Schottlands auf – und über Golf weiß er als früherer Mitarbeiter des Fachmagazins „GolfPunk“ ebenfalls sehr gut Bescheid. Selbst Garys kuriose Symptome, wiewohl sie vor allem dem comic relief dienen, hat Niven sorgfältig recherchiert.
Schon mit seinem Debütroman „Kill Your Darling“, ebenfalls ein rabenschwarzer Krimi, sorgte der Schotte für Furore. In dem Buch, das oft mit dem Popkultur-Klassiker „American Psycho“ verglichen wird, beleuchtet Niven das rücksichtslose Hauen und Stechen hinter den Kulissen der Musik-Industrie, in der er einst als Polygram-Manager selbst gearbeitet hat. Mit „Coma“ beweist er nun, dass der Erstling kein Zufallstreffer war. Und das lässt hoffen, dass Niven noch mehr originelle Stoffe in petto hat.
John Niven: "Coma". Heyne Verlag, München: 2009. Kartoniert, 397 Seiten. 12,00 €. ISBN 978-3-453-675773.
John Niven: "Kill Your Friends". Heyne Verlag, München: 2008. Kartoniert, 379 Seiten. 12,00 €. ISBN 978-3-453-67544-5.
