Symbolisch könnte man das nennen, denn Tolstois Leben war eine einzige Reise. Auch diese letzte hatte er ganz allein beschlossen und begonnen, als ihm die Verhältnisse zu Hause nicht mehr tragbar erschienen. Er war um diese Zeit 82 Jahre alt und längst weltberühmt.
Adliger, Bauer und Reformpädagoge
1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana in der Nähe von Moskau geboren, entstammte er einem alten Adelsgeschlecht und wurde entsprechend von Hauslehrern erzogen. Sein Studium, welches anfänglich als Vorbereitung auf die Diplomatenlaufbahn geplant war, brach er aber schon 1847 ab und beschäftigte sich mit Philosophie, besonders mit den Schriften von Jean Jaques Rousseau. Sein Ziel war damals, auf dem Gut die Lage der Leibeigenen zu verbessern. Er ging nach Petersburg und Moskau, wo er sich zunächst dem üblichen standesgemäßen Zeitvertreib hingab und mit Spielschulden zurückkam. Im Krimkrieg wurde er zum überzeugten Kriegsgegner, aus dieser Zeit stammen bereits realistische Erzählungen und Berichte. Nach dem Krieg besuchte er westeuropäische Länder, wobei er sich besonders für die Schulsysteme interessierte. In Russland zurück, richtete er Dorfschulen nach dem Vorbild Rousseaus ein, um die armen Dorfkinder, wie er sagte, vor dem Ertrinken zu retten. Für die Bildung dieser Kinder schrieb er selbst die Schulbücher.
Die großen Romane Tolstois: Anna Karenina sowie Krieg und Friedem
Nach seiner Eheschließung 1862 mit der deutschstämmigen Sofia Andrejewna folgten fast zwanzig Jahre der relativen Stabilität. Man führte das gesellschaftliche Leben der Adligen, die Familie hatte 13 Kinder. Aus dieser Zeit stammen die grossen Romane "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina". Der Erste ist ein ungeheures historisches Panorama des Landes, aber auch der Zeit und des gesamten menschlichen Lebens und hat seine Aktualität deshalb bis heute nicht verloren. "Anna Karenina" steht in der Reihe der realistischen Weltliteratur mit dem gleichen Thema Ehe und Ehebruch (Madame Bovary von Gustave Flaubert und Effie Briest von Theodor Fontane). Berühmt geworden und vielzitiert ist der erste Satz des Buches: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich". Der Weltruhm Tolstois war mit diesen Romanen schon begründet.
Vom erfolgreichen Schriftsteller zum einsamen Ethiker
In den 8oer Jahren sah Tolstoi in Moskau das Elend der Arbeiter und dehnte seine Reformbemühungen aus. Vor allem aber richteten sich seine Gedanken immer mehr auf ethische und religiöse Themen. Er wurde Vegetarier, da Ernährung mit Fleisch Mord an Kreaturen voraussetze und übersetzte Teile der Bibel, immer auf der Suche nach Sinn. Er vertrat schließlich einen radikalen Pazifismus und eine auf Nächstenliebe fußende Moral, während er den Dogmen der Kirche kritisch gegenüberstand. Diese exkommunizierte ihn dann 1901. Er selbst wollte nichts mehr besitzen, vermachte sein Gut und wohnte zunächst wie ein Gast dort. Am Ende des Dauerkonflikts mit seiner Frau, der vor allem auch die Rechte an seinem Werk betraf, trat er die letzte Reise an. Nach seinem Tode folgten Jahre von Erbstreitigkeiten, bis endlich auf dem Gut doch eine Tolstoi- Gedenkstätte eingerichtet wurde.
Tolstoi lesen, heute? Gerade heute!
In diesem Jahr gibt es Ausstellungen, die Leben und Werk Tolstois einem größeren Publikum nahebringen sollen. Für Verfilmungen hatten sich die Stoffe der großen Romane schon mehrfach angeboten. Darüber hinaus wurden Zitatensammlungen herausgegeben, die sich einer ähnlichen Beliebtheit erfreuen wie die von Nietzsche oder Seneca - für jede Lebenslage etwas Passendes dabei, scheint man zu denken. Das ist nicht falsch, aber schade, wenn es nur bei der Lektüre solcher aus dem Zusammenhang herausgerissenen Weisheiten bleibt. Lange Winterabende sind vielleicht doch einmal eine Gelegenheit, einen Roman von Tolstoi in die Hand zu nehmen und diese ungeheuer kraftvolle Prosa mit ihrer nie vergangenen allgemeinmenschlichen Thematik zu lesen. Wer Angst vor "Krieg und Frieden" wegen des schieren Umfangs hat, kann ja mit der "Kreutzersonate " beginnen. Auch wenn ihn vielleicht stört, dass der Protagonist hier dezidiert frauenverächtliche Meinungen vertritt, wird ihn die Sprache Tolstois gefangennehmen und ebenso seine Fähigkeit, Figuren und gesellschaftliche Bedingungen, eine ganze Zeit mit wenigen Strichen lebendig zu zeichnen. Und vielleicht möchte er danach ja doch auch die längeren Romane lesen.
