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Fragen dienen in der Regel der Suche nach Hilfe. Doch betrachtet man die Entstehung und Auswirkungen von Fragen hinsichtlich eines Lernprozess, lässt sich das Fragenstellen als Lernstrategie nicht mehr wegdenken. Beim Lehren und Lernen hat das Fragenstellen eine große Bedeutung.
Wie Lernen durch Fragen funktioniert
Durch Hinterfragen zu lernen ist eine andere Art der Verarbeitung als der bloße Versuch des Einprägens bei einem Lernprozess. Fragestellen ist zugleich Übung der Wissensanwendung, aber auch Überprüfung des Wissens. Fragen dienen der Leistungskontrolle, aber auch der Prüfung von Konzepten. Die Stufen dieses Prozesses sind Antwortgenerierung, die Leistungsdarbietung und Überprüfung von Konzepten. Es gibt zudem Unterschiede zwischen Lehrerfragen und Schülerfragen.
Der Lerneffekt bei Lehrerfragen
Wenn Lehrer Fragen stellen, erwarten sie nicht nur Antworten von den Schülern. Der Prozess ist das Ziel, nicht unbedingt die Antwort auf die Frage selbst. Dabei kann es sich um einen Versuch der Aufmerksamkeitskontrolle oder der Gesprächskontrolle handeln. Gleichzeitig lehrt der Lehrer durch das Formulieren seiner Fragen den Schülern, was sinnvolle und zielbringende Fragen sind. Er unterrichtet also, wie selbst zu fragen ist.
Die Aufmerksamkeit der Lernenden wird auf den Lernstoff gelenkt und gleichzeitig werden durch das Suchen nach einer Antwort Erwartungen bei ihnen geweckt. Durch das Beschäftigen mit den Fragen und dem Suchen nach Lösungen findet die Informationsverarbeitung statt. Die Informationen gelangen beim Schüler in das Kurzzeitgedächtnis. Im Langzeitgedächtnis sind bereits Informationen gespeichert, mit denen sie die erhaltenen Informationen sinnvoll verbinden können. So findet eine unbewusste Gliederung und Strukturierung statt, wodurch es den Schülern leichter fällt, die neuen Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern. So werden neue Wissenselemente in vorhandene Strukturen integriert, aber auch neue Strukturen aufgebaut.
Schülerfragen und ihre Voraussetzungen
Lehrerfragen ziehen eine andere Art der Aufmerksamkeit und des Interesses auf einen Lerngegenstand, als von Schülern eigene und selbst entwickelte Fragen. So besteht auch der Nachteil, dass Lehrerfragen meist nur von einem Schüler beantwortet werden. Der Lerneffekt ist größer, wenn die Schüler von sich aus den Lernstoff hinterfragen. Dazu ist sich bewusst zu machen, wie Fragen bei Lernenden entstehen. Es gibt verschiedene Voraussetzungen dafür, dass ein Schüler eine Frage stellt.
Der Fragende hat zunächst eine Intention. Ein Ziel, das er mit seiner Frage erreichen will. Ziele sind meist das Ausgleichen von Wissensdefiziten, die Klärung widersprüchlicher Informationen oder die Suche nach Bestätigung bei mangelndem Vertrauen in das eigene Wissen. So stellt die Person zweitens jedoch nur Fragen, wenn die fragwürdige Information ausreichende Wichtigkeit für sie besitzt. So ist auch ein Interesse an dem Lernstoff notwendig für eine mehr als nur oberflächliche Wahrnehmung. Der Fragende benötigt als dritte Voraussetzung fachgebundenes und allgemeines Wissen. Je spezifischer und tiefgreifender seine Frage ist, desto mehr Wissen ist bereits vorhanden. So schränken spezifische Fragen die Antwortmöglichkeiten zudem mehr ein als allgemeine Fragen. Es wird also zwischen groben Fragen und komplexen Detailfragen unterschieden. Vierte und letzte Voraussetzung sind vorhandene Fertigkeiten im Bereich der Kommunikation. Um die Leerstellen in ihrem Wissen schließen zu können, müssen sich die Schüler bemühen, durch richtiges Formulieren einer Frage auch die erwünschten Informationen in einer Antwort zu gewinnen. Der Lernende wird an dieser Stelle wie ein komplexes Informationsverarbeitungssystem betrachtet.
Fragen zu Texten
Textbegleitende Fragen vor, während und nach dem Lesen von Texten unterstützen das Speichern der Information. Das Wissen wird so während der Behandlung des Textes verarbeitet. Wie hoch die Lernqualität hierbei ist, hängt in großem Maße von dem Niveau der Fragen ab. Das Wissen wird durch selbstständiges Beantworten vertieft. Dabei sollten sich die Fragen nicht unbedingt auf Definitionen oder Fakten beziehen, sondern vielmehr sollte es sich um Anwendungsfragen oder Wissensfragen handeln. Der Schüler soll zum Weiterdenken angeregt werden, um die Informationen mit seinem bereits gespeicherten Wissen in Verbindung bringen zu können. Durch kognitiv anspruchsvollere Fragen werden letzten Endes auch mehr Informationen gespeichert.
Quelle: Levin, Anne: Lernen durch Fragen. 1. Aufl.. Münster: Waxmann Verlag 2005
