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Lernen, Vergessen und Wiedererlernen

Kontakte auf Vorrat – von der Arbeit der Erinnerung

Synapsen  - Johannes Höntsch/pixelio
Synapsen - Johannes Höntsch/pixelio
Um etwas zu lernen, gehen Nervenzellen neue Verbindungen miteinander ein. Vergessen inaktiviert diese Verbindungen. Sie werden aber nicht abgebaut.

Vergessen ist nicht verloren - Verbindungen zwischen Nervenzellen bleiben bestehen, auch wenn sie gerade nicht gebraucht werden. Wissenschaftler beginnen langsam zu verstehen, was im Gehirn passiert, wenn es lernt oder vergisst. Sicher ist, dass Veränderungen der Kontakte zwischen Nervenzellen dabei eine große Rolle spielen. Doch können solche Strukturänderungen auch das bekannte Phänomen erklären, dass es deutlich leichter ist, etwas Vergessenes wieder zu erlernen als etwas ganz neu zu lernen? Ja, denn es hat sich gezeigt, dass viele der bei einem Lernvorgang gewachsenen Zellkontakte wohl nur inaktiviert, aber nicht abgebaut werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Kontakte auf Vorrat

Anders als bei einem Insekt, das selbst beim zehnten Versuch wieder mit Schwung gegen die Fensterscheibe prallt, ist unser Gehirn in der Lage sehr komplexe Zusammenhänge und motorische Abläufe zu lernen. Dies ermöglicht uns nicht nur das unfallfreie Vermeiden von Glastüren, sondern auch das Erlernen so verschiedener Dinge wie Fahrrad- oder Skifahren, das Sprechen unterschiedlicher Sprachen, oder das Spielen eines Musikinstruments. Dabei lernt das jugendliche Gehirn leichter, doch die Fähigkeit zu lernen bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Schon lange versuchen Wissenschaftler zu verstehen, was beim Lernen oder Vergessen im Gehirn vorgeht.

Flexible Informationsverbindungen

Um etwas zu lernen, also neue Informationen verarbeiten zu können, gehen Nervenzellen neue Verbindungen miteinander ein. Steht eine Information an, für die es noch keinen Verarbeitungsweg gibt, wachsen von der entsprechenden Nervenzelle feine Fortsätze auf ihre Nachbarzellen zu. Bildet sich am Ende eines Fortsatzes eine spezielle Kontaktstelle, eine Synapse, ist der Austausch von Informationen zwischen den Zellen möglich - die neue Information wird gelernt. Löst sich der Kontakt wieder auf, wird das Gelernte vergessen.

Lernen und Wiedererlernen - ein feiner Unterschied

Die Beobachtung, dass Lernen und Gedächtnis mit solchen Strukturveränderungen im Gehirn einhergehen ist relativ neu, und viele Fragen sind noch offen. Was passiert zum Beispiel, wenn das Gehirn etwas lernt, es wieder vergisst und später noch einmal lernen muss? Die Erfahrung zeigt, dass einmal gelerntes Radfahren schnell wiederkommt, egal wie lange es nicht geübt wurde. Auch bei anderen Dingen fällt ein „Wiederlernen“ meist leichter als ein „Neulernen“. Hat dieser feine Unterschied ebenfalls seinen Ursprung in der Struktur der Nervenzellen?

Zellfortsätze: „Was man hat, hat man“

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie wollen wissen, ob es tatsächlich deutliche Unterschiede im Auswachsen von Zellkontakten gibt - je nachdem, ob eine Information neu oder erneut gelernt wird. So zeigen Nervenzellen, die für die Verarbeitung von visuellen Informationen zuständig sind, ein deutlich erhöhtes Auswachsen neuer Zellkontakte, wenn sie zeitweise keine Information mehr von „ihrem“ Auge bekommen. Nach circa fünf Tagen haben sich die Nervenzellen soweit neu verbunden, dass sie nun auf Informationen aus dem anderen Auge reagieren können - das Gehirn lernt sich mit nur einem Auge zurechtzufinden. Kommen nun wieder Informationen von dem zwischenzeitlich inaktiven Auge, nehmen die Nervenzellen schnell ihre ursprüngliche Arbeit wieder auf und reagieren kaum mehr auf Signale aus dem anderen Auge.

„Völlig unerwartet war jedoch, dass ein Großteil der neu entstandenen Fortsätze bestehen blieb“, erklärt Mark Hübener, der Leiter der Studie. Alle Beobachtungen deuten darauf hin, dass häufig nur die Synapsen inaktiviert und somit die Informationsübertragungen unterbrochen werden. „Da eine einmal gemachte Erfahrung vielleicht später noch einmal gebraucht wird, scheint das Gehirn ein paar Fortsätze sozusagen ‚auf Vorrat’ zu behalten“, so Hübener. Und tatsächlich: Wird das gleiche Auge zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal inaktiviert, verläuft die Neuorganisation der Nervenzellen deutlich schneller - und das, obwohl keine neuen Fortsätze entstanden.

Nützliche Reaktivierung

Viele der einmal gebildeten Fortsätze zwischen Nervenzellen bleiben somit bestehen und erleichtern ein späteres Wiedererlernen. Eine bedeutende Erkenntnis zum Verständnis der grundlegenden Vorgänge beim Lernen und Erinnern. So stehen wir - wenn wir es einmal gelernt haben - auch nach vielen Jahren ohne Skifahren bereits nach kurzer Übungszeit wieder sicher auf den Brettern.

Swen Gummich im Studio, Swen Gummich

Swen Gummich - Name: Swen Gummich Beruf(ung): Wissenschaftsjournalist, Regisseur, Filmemacher Studium: Mathematik, Physik, Ethnologie, ...

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