
- Niemand muss ins Heim - Foto: Bruno Seigel
Nachdem Markus Breitscheidel undercover ein Jahr lang in Pflegeheimen recherchierte, deckte er 2005 mit seinem Buch "Abgezockt und totgepflegt“ skandalöse Zustände in den Einrichtungen auf. Er schaffte damit die Grundlagen für eine öffentliche Diskussion, die bis heute andauert.
Denn die Ursachen für die Pflegemisere sind bis heute die gleichen geblieben. Und so lange Heimbetreiber, Investoren und Baufirmen Geld verdienen wollen, würden wir auch noch länger über menschenunwürdige Zustände in Pflegeheimen diskutieren, schreibt drei Jahre später Christoph Lixenfeld in "Niemand muss ins Heim“. Das Vorwort dazu stammt übrigens von Markus Breitscheidel.
Gegen die Macht der Heimlobby
Bevor der Journalist Lixenfeld aufzeigt, warum eigentlich niemand ins Heim muss - er selbst versteht sein Buch als "Plädoyer für die häusliche Pflege“ - versucht er in den ersten zwei Dritteln seines Werks jedoch, die komplizierte Gemengelage zu entwirren, die bislang dafür sorgt, das alles immer so bleibt, wie es ist.
Er zeigt, wie Pflege im Minutentakt in der ambulanten Pflege sowohl Pflegekräfte als auch Patienten unter enormen Druck setzt. Anschließend erklärt er die komplizierten Sachverhalte der Pflegeversicherung und macht dabei die Trennung zwischen Kranken- und Pflegeversicherung verantwortlich für die menschenverachtende Pflege.
Nach einer Skizzierung der Zukunftsbranche "Pflegemarkt" mit ihren Verdienstmöglichkeiten für Immobiliernfonds und Einrichtungsbetreiber, nimmt er dann die Pflegereform ins Visier. Er prangert dabei die erfolgreiche Lobbyarbeit derer an, die weiter mit der stationären Pflege Geld verdienen wollen, dabei schießt sich Lixenfeld – etwas einseitig - vor allem auf den bpa ein, den Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienst e.V.
Pflegekräfte aus Osteuropa und Familienpflege
Besonders ausführlich und eindringlich behandelt er die Thematik rund um die Pflegekräfte aus Osteuropa und Deutschlands größten Pflegedienst, die Familie – beides in den jetzt bestehenden Formen keine befriedigenden Lösungen: Jedoch wäre ohne die überwiegend illegalen und ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse mit Frauen aus osteuropäischen Ländern und ohne die - ebenfalls ausbeuterische – Pflegearbeit von Familienangehörigen Pflege in Deutschland inzwischen gar nicht mehr zu schaffen.
Projekte, die zeigen, dass Altwerden zu Hause möglich ist
Endlich dann kommt das, worauf man 186 Seiten gewartet hat: Niemand muss in den nun sechs vorgestellten Projekten ins Heim. Beispielsweise im Bielefelder Modell, einem Vorzeigemodell für "selbstbestimmtes Wohnen mit Versorgungssicherheit". Dieses Kapitel wünschte man gerne sich etwas ausführlicher als nur 50 Seiten.
Im anschließenden Resümee warnt Lixenfeld vor der Umsetzung der „lückenlosen Versorgungskette im Pflegemarkt“, die beim Angebot von betreutem Wohnen bereits beginne. Wer die eigene Wohnung aufgäbe und sich an die Betreiber solcher Anlagen binde, dessen Lebensweg führe zwangsläufig in das möglicherweise vom gleichen Träger betriebene Pflegeheim nebenan.
Es folgen noch einmal in einer Zuammenfassung alle zuvor bearbeiteten Themen und die Forderung, stationäre Pflege in kommunale Hände zugeben, damit in den Heimen nicht Gewinnförderung, sondern allein die Qualität der Pflege an erster Stelle stehe.
Die Dänen können es besser: Pflegewohnungen statt Heime
Zum Schluss gönnt Lixenfeld uns noch einen neidvollen Blick über die Grenzen nach Dänemark. Einem Land, in dem seit 1987 kein konventionelles Heim mehr gebaut wurde, sondern ausschließlich Pflegewohnungen, die von Wohnungsbaugesellschaften betrieben werden – kontrolliert durch die Kommunen.
Es bleibt nach der Lektüre die Frage: Ist eine 284 Seiten starke Kampfansage gegen Heime denn automatisch ein Plädoyer für die häusliche Pflege?
"Niemand muss ins Heim“, Christoph Lixenfeld, Econ/Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2008, ISBN: 978-3-430-30034-8, Preis: 9,95 Euro
