Leseförderung in der Region Rheingau-Taunus und Wiesbaden

Sabine Stemmler - Christa Kaddar
Sabine Stemmler - Christa Kaddar
Das Lesefestival für Kinder- und Jugendliteratur des Netzwerks Leseförderung Rheingau-Taunus gilt bundesweit als vorbildlich.

2002 begann im Rheingau eine kreative Form der Leseförderung, die zunächst als „Lesefest Eltville“ bekannt wurde. Eine einzelne Frau, Sabine Stemmler, hatte sich in den Kopf gesetzt, mit frischem und spannendem Lesestoff Kinder für das Lesen zu begeistern. Alle sollten sich angesprochen fühlen, Leseratten wie Lesemuffel, Kinder, die zu Hause mit Büchern aufwachsen genauso wie Kinder aus bildungsfernen Familien. Weil sie viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter in Schulen, Kindertagesstätten, Bibliotheken, Unternehmen, Familien und politischen Gremien fand, konnte das Projekt gelingen.

Schulen und Kindertagesstätten in weiteren Rheingauer Städten und Gemeinden schlossen sich im Lauf der Jahre den Aktivitäten des Lesefests an. Inzwischen beteiligen sich zehn von 17 Städten und Gemeinden im Rheingau-Taunus-Kreis. Aus dem Lesefest ist der Verein Netzwerk Leseförderung Rheingau-Taunus e.V. geworden, der auch zu einzelnen Veranstaltungen in Wiesbaden und anderen Orten der Region einlädt.

Lesen ist Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben

„Wer liest, lernt zu denken, lernt sich in andere Menschen hineinzufühlen, sich in andere Welten hineinzuversetzen; er lernt aber auch die Freiheit kennen, diese Welten beliebig zu betreten und zu verlassen“, ist Sabine Stemmlers Überzeugung. Diese Überzeugung treibt sie seit Jahren, sich ohne jegliches kommerzielles Interesse für die Leseförderung stark zu machen. „Dass es am Leseverständnis vieler Schüler hapert, ist nicht erst seit ‚PISA’ bekannt. Ich denke, dass es für solche Kinder in ihrem späteren Schul- und Berufsleben schwierig wird, wenn nicht rechtzeitig ihre Lesekompetenz durch Freude am Lesen und durch passende Angebote entwickelt wird.“

PISA versteht unter Lesekompetenz die Fähigkeit, geschriebene Texte in ihren Aussagen, ihren Absichten und ihrer formalen Struktur zu verstehen und sie in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können, Kinder ans Selberlesen heranzuführen und Texte für verschiedene Zwecke sachgerecht zu nutzen. Lesekompetenz ist nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, sie ist sogar eine Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens. Und darüber hinaus – so ist es in der PISA-Studie detailliert erläutert – auch die Bedingung für die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten und für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Das Netzwerk Leseförderung Rheingau-Taunus erhielt den Hessischen Leseförderpreis 2010

Auf ihrem Weg hatte Sabine Stemmler manche Widerstände zu überwinden und sie brauchte Phantasie, Kreativität, Energie und einen langen Atem, um das jährlich stattfindende Lesefest mit einem attraktiven Programm bei äußerst knappen finanziellen Mitteln zu organisieren. „Das ist die eigentliche Aufgabe“, sagt sie, „das Geld für die vielen Veranstaltungen aufzutreiben, Anträge zu schreiben, Sponsoren, ehrenamtliche Helfer, Verlage und Vermieter von besonderen Räumen zu finden.“ Anerkennung wurde ihr durch verschiedene kleinere regionale und bundesweite Auszeichnungen zuteil. 2010 wurde der Verein Netzwerk Leseförderung Rheingau-Taunus für das Gesamtkonzept mit dem Hessischen Leseförderpreis ausgezeichnet.

Das Konzept des früheren Lesefests und heutigen Lesefestivals gilt inzwischen bundesweit als vorbildlich und Sabine Stemmler wird von anderen Initiativen, die sich im Aufbau befinden, häufig als Referentin angefragt.

Beliebte Autoren lesen in Schulen, Burgen, Klöstern, Gewölbekellern oder auf Schiffen

Meilensteine auf dem Weg des Erfolgs waren die Buchpatenaktionen, die den Eltviller Schulbüchereien und den Kindertagesstätten Tausende neue Bücher bescherten, Schülerprojekte, Aufführungen und Bühnen-Shows von Schulen und Kindertagesstätten, Schreibwerkstätten und Literaturbegegnungen fast jeder Art, die zeigten, wie sich Kinder mit Literatur auseinandersetzen. Bekannte Autorinnen und Autoren wie Dietrich Grönemeyer oder Joachim Massanek lasen in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und an besonderen Orten wie der Kurfürstlichen Burg in Eltville, im Kloster Eberbach, im Kino, auf einem Schiff und in Gewölbekellern von Weingütern.

Im Herbst 2010 haben „Vampire“ die Brömserburg in Rüdesheim erobert, über 100 Kinder haben in einer Rüdesheimer Backstube gebacken und gefrühstückt und dabei dem Autorenpaar Sibylle und Jürgen Rieckhoff zugehört, die aus ihrem Buch „Der Bäcker, das Brot und ich“ lasen. Beliebte Kinderbuchautoren wie Michael Borlik, Nina Blazon, Bernhard Hennen, Maja Nielsen, Beate Dölling und Monika Thamm lasen 2010 für Kinder und Jugendliche in der Region. Auch akkreditierte Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer gehören zum Programm. Über die Lesungen und Aktionen an gewöhnlichen und ungewöhnlichen Orten informierte das umfangreiche Lesefest-Programm, das 13.000 Mal verteilt wurde. Die Planung für das Lesefest im Herbst 2011 läuft gerade auf Hochtouren.

Der Verein baut eine Beratungsstelle zur Leseförderung auf

Der im November 2009 gegründete Verein soll dem Lesefest und anderen Projekten zur Lese- und Sprachförderung im Rheingau-Taunus-Kreis ein Fundament schaffen. „Wir wollten kreisweit alle gesellschaftlichen Kräfte in angemessener Form beteiligen und für das Thema sensibilisieren“, erklärt Sabine Stemmler. „Das ist ein großer Schritt, um die Zukunft des Lesefestes zu sichern.“ Zur ersten Vorsitzenden wurde Brigitte Harder, Geschäftsführerin der Volkshochschule Rheingau-Taunus, gewählt, zur stellvertretenden Vorsitzenden Petra Müller-Klepper, Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit. „Unter diesem Dach wollen wir unsere Projekte, aber auch alle anderen Initiativen zur Lese- und Sprachförderung vereinen. Unserer Überzeugung nach kann Leseförderung so – regional und vernetzt – tatsächlich gelingen“, betont Sabine Stemmler. „Unser Ziel ist es, aus unserem Verein eine Beratungsstelle Leseförderung für die gesamte Region zu machen.“

Als Erfolg auf diesem Weg werten Sabine Stemmler und die Aktiven des Vereins Netzwerk Leseförderung Rheingau-Taunus die Veranstaltungen, die Beratung der Schulbibliotheken und die Einrichtung einer Schülerbibliothek in Oestrich-Winkel. „Wir wollten eine Schule mit außergewöhnlichem Handlungsbedarf unterstützen und haben die letzte verbleibende Hauptschule im Kreis, die Reformschule in Oestrich-Winkel, gefunden, die keine nennenswerte Schülerbibliothek hat. Der Round Table Rheingau hat zugesagt, mit dem Lesefest gemeinsam eine Bibliothek einzurichten, Veranstaltungen zu unterstützen und gemeinsam ‚Mentor Leselernhelfer’ zu suchen.“

Für das Projekt „Mentor Leselernhelfer“ gibt es ebenfalls erste Ansätze. Das Netzwerk Leseförderung engagiert sich deshalb für „Mentor Hessen“ und versucht, einen Sponsor aus der Wirtschaft zu finden, der die monatlichen Vermittlungsstunden für die Betreuung und Leseförderung an den Schulen im Kreis ermöglicht. Otto Stender, Gründer und Initiator von „Mentor – die Leselernhelfer e. V.“ sprach im September 2010 bei einer Lesefestveranstaltung in Rüdesheim.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

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