Leseherbst in Münchner Buchhandlung – Wackernagel macht Auftakt

Christof Wackernagel (mittig) in der Buchhandlung  - K. Mieth
Christof Wackernagel (mittig) in der Buchhandlung - K. Mieth
Buchautor und Schauspieler Christof Wackernagel macht mit seinem Epos "es-Traumtriologie" den Auftakt zu den Herbstlesungen in der Buchhandlung Lehmkuhl.

Zur Münchner Herbstlesung seines Epos „es“-Traumtriologie“ wird der Autor und Schauspieler Christof Wackernagel von seiner Familie begleitet. Er stammt aus einer Baseler Gelehrten- und Künstlerfamilie, ist gerade 60 Jahre alt geworden. Sein Leben wie auch das vorgestellte Buch sind gewichtig. 4,2 Kilogramm schwer, im Format 31 mal 42 Zentimeter und 603 Seiten stark. Er erinnert sich: "Ende der 1960er Jahre habe ich hier in dieser Münchner Buchhandlung meine ersten Bücher gekauft." Den Schlenker, andere hätten hier auch seinerzeit Bücher geklaut, streut er nur ein. Geboren im Jahr 1951, arbeitete Wackernagel lange Jahre als Schauspieler, bis er wegen seiner Mitgliedschaft in der Roten Armee Fraktion (RAF) von 1977 bis 1978 in Haft genommen wurde.

In der Gefängniszelle gestaltete sich der schmerzhafte Prozess der Distanzierung vom bewaffneten Kampf, und auch dort wurde ihm das Schreiben zur Rettung. Wackernagel fand in der dreispaltigen, drehbuchartigen Form einen Weg, innere Widersprüche, die ihn zu zerreißen drohten, literarisch in Szene zu setzen. In der „es-Traumtriologie“ ziehen die Geschehnisse erneut an ihm vorüber, die ihn seinerzeit zur Waffe hatten greifen lassen, die gleichen Strukturen, die weiterhin existierten und die ihn in dieses Vakuum des Gefängnisses gestoßen hatten. So zeigt das Buch die persönliche Geschichte im Rahmen seiner Generation. Struktur für die Aufzeichnungen bieten drei Spalten. Spalte eins bildet aus Träumen des Autors der Gefängnisjahre 1979 bis 1994 die Basis des Buches. Die Spalten zwei und drei sind nach den Gesetzen des Traums geschaffen, dessen Bilder weiterwirken bis hinein in Tagträume und Halluzinationen.

In der Form ist „es-Traumtriologie“ ein avantgardistisches Experiment

Sabine Wackernagel eröffnet die ungewöhnliche Lesung zu diesem ungewöhnlichen Buch dieses ungewöhnlichen Autors im fast familiären Ambiente der bekannten Schwabinger Buchhandlung Lehmkuhl: "Was dem einen das Paradies, ist dem anderen die Hölle." Dieses Buch ist das erste und wahrscheinlich auch das einzige Werk in einer dramaturgischen Darstellung wie dieser. Buchhändler Michael Lemling sagt: "Das Buch ist ja Wahnsinn, ist ein ganz besonderes Objekt in seiner Dreispaltigkeit." Es ist ein schweres Buch, aber man kann es auch leicht machen, "indem wir lesen, darüber reden um dann wieder zu lesen", sagt Sabine Wackernagel. In dieser leidenschaftlichen und engagierten Präsentation wird die Theater- und Filmschauspielerin im Wechsel Fragen an Christof Wackernagel stellen und beide werden Parts aus dem Epos vortragen.

"es-Traumtriologie" ist ein Dreiklang aus Träumen und Inszenierung – entstand im Gefängnis

In der Abgeschlossenheit des Gefängnisses entstand das gewichtige Buch mit seinen drei Themenwelten, einem Drehbuch ähnlich in drei Spalten ausgearbeitet. Die Lesung selbst ist eine Inszenierung, das Buch eine persönlich-gesellschaftliche Abhandlung dieser persönlich geprägten Blickrichtung. Das Fundament bildet die Auseinandersetzung mit Träumen. Wie in einer dramaturgischen Inszenierung übernehmen Köpfe verschieden Rollen. Der erste besprochene Kopf ist der Fidel Castros. "Da ich aus der Welt des Theaters und des Films komme, ist mein Anliegen, den Traum in die Wirklichkeit zu holen und mit Besetzungen zu arbeiten. Sich immer wieder auf Träume zu beziehen und darauf, was Träume darstellen, darin liegt die Essenz. Dazu entwickelte ich Techniken einer Aufteilung in Spalten", sagt der Autor. Im Knast gab es sozusagen bessere Bedingungen. Und trotz alledem: "Was man aufschreibt, ist nicht viel mehr als ein dürres Gerüst, als das, was den Traum ausmachte. Schreibe ich es auf, kann ich es zwar in den Tag hinein verlängern, aber Träume haben die Tendenz, nicht festgehalten zu werden."

Zuerst waren Träume Kunstwerke, dann Selbstschutz. So konnte sich Wackernagel einen Kokon für die Welt im Gefängnis schaffen, "denn auch da drin im Knast spielt sich das Leben ab". Im Eingesperrtsein hat er wie ein Drehbuchautor die Rollen in seinem Buch nach dem Prinzip Ernst Blochs besetzt. "Ich möchte vorführen, dass diese Personen wie Schauspieler funktionieren und keiner von uns könnte nicht auch ein ganz anderer sein." Und: "1.712 solcher Personen habe ich in diesen 12 Jahren zusammentragen können." Die Frage an Christof Wackernagel, warum er nicht einen ganz normalen Roman geschrieben habe, warum sein Werk diese drei Spalten aufweise, beantwortet er so: "Ich hatte die Idee, dass ich in drei verschiedenen Versionen schreibe, die in sich stimmen, aber gegeneinander widersprüchlich sind. Es gibt ja nicht die eine Wahrheit." So ist das Buch in seinen drei Spalten entstanden.

Schreiben war "Materialgeben"

"Gewonnen", ruft Christof Wackernagel. Und: "Was will ich mehr als Autor, als dass die Menschen, die meine Texte lesen, träumen. Gelingt mir das, ist viel erreicht." Er führt weiter aus: "In der RAF war ich ja nur ein kleiner Praktikant, aber weil ich aus einer intellektuellen Familie komme, sollte ich nun dies, sollte ich nun jenes schreiben. Mir ging es aber darum, etwas zu schreiben, was nicht die übliche Erklärung ist, sondern ich wollte Material geben, das zum Denken anregt. Nun gebe ich dieses Buch an die Leser, entweder man lässt es sein oder man nimmt es an." Auf eine Zuhörerfrage, "dass während des Lesens oft vieles nicht fassbar wäre", erläutert der Autor: "Was Sie über das Fassen sagen und das, was dann plötzlich schnell wieder weg ist, erfreut mich. Wenn man denkt, man hat es und dann ist es auch schon wieder weg, da behaupte ich: Ja, so ist es! Ob das Schreiben für mich selbstbefreiend war, dazu folgendes: Im mittleren Teil, Halluzination, der nicht rational ist und wo Wut spürbar wird, tat Schreiben gut. Mein Anspruch war und ist, das Besondere ins Allgemeine zu übertragen."

Auf die Frage, wie er den literarischen Anteil seines Werks bearbeitet hat, antwortet Wackernagel: "Daran habe ich stark gemeisselt." Und zur Konzeption befragt, sagt er, dass alle Texte den Bezug zu Freud aufzeigen. "Als Grundlage der Konzeption habe ich so wenig Bewusstes der Träume wie möglich genommen, habe mit den Mitteln Freuds verschoben und verdichtet." Bei den Tagträumen ist es anders, denn hier ist das Bewusste so groß wie möglich. "Ob es gelungen ist, mit dem mittleren Teil ein Gleichgewicht für das Gesamtwerk zu finden, kann ich noch nicht sagen, das müssen die Rezipienten herausfinden." Mit der dritten Spalte findet der Leser den normalen Roman mit seiner Geschichte.

Der gesamte Entstehungsprozess von "es-Traumtriologie" nahm ein Vierteljahrhundert in Anspruch, allein in Spalte drei stecken eineinhalb Jahre Konzeption. Christof Wackernagel nutzte die Gefängnisjahre und die daran anschließende Zeit: "Ich sagte, es hat wenig Sinn, dass ich da für RTL den Bullen spiele. Nein, schreiben muss ich." Nun werden die Zuhörer der Schwabinger Lesung lesen und das Gehörte wird ihn ihnen arbeiten.

Quellen: ARD, Eigenrecherche

Fotostudio München, All eyes on you

Katti Mieth - Nach dem Studium Wirtschafts-und Gesellschaftskommunikation in Berlin lernte ich die Agenturarbeit kennen, wurde in den 80er Jahren ...

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