Lesen 2.0: Eine Zukunft ohne gedrucktes Buch?

Erst vor Kurzem unterschritt der Amazon "Kindle"-Reader die magische 100 Euro-Preisgrenze. Damit rückt die Vision von einer neuen Lesergeneration näher.

Es scheint vor allem für die junge Generation attraktiv zu sein, das papierlose Buch. In England gibt es bereits Fernsehwerbung, die die Vorteile des Readers aufzeigen. Sie sind klein und handlich und können überall hin mitgenommen werden. Gleichzeitig bieten sie Platz für eine ganze Bibliothek. Das klingt nicht nur nach dem "Ausdehnungszauber" aus Harry Potter, das fühlt sich auch so an. Nie wieder muss man sich entscheiden, welches Buch nun für die U-Bahn mitgenommen werden soll. Mit dem Reader können gleich alle dabei sein. Eine Steigerung dieses praktischen Effekts bieten nur noch Touchpads und einige Smartphones, die nicht nur die Bibliothek sondern auch noch das ganze Büro digitalisieren können. Die Entwickler der Hard- und Software haben sich wirklich große Mühe gegeben, die Vorteile "richtiger" Bücher mit denen elektronischer Daten zu verbinden. Der Bildschirm ist matt, die Helligkeit kann jeder selber einstellen und das Umblättern kann bei einigen Geräten sogar ein ähnliches Geräusch machen wie Papier. Unzweifelhaft ist die Imitation eines Buches nur begrenzt möglich, doch der Erfindungsgeist der Entwickler ist faszinierend.

Der Onlinemarkt boomt, der stationäre Handel ist im Zugzwang

Die neuen Reader sprechen wahrscheinlich eher eine junge, computeraffine Generation an. So beruhigte man sich lange in dem Wissen, dass sich diese Gesellschafftsgruppe die teuren Geräte nur selten leisten konnte. Da konnten auch die 10% Ersparnis von E-Books gegenüber der Druckversion, welche die Macher versprachen nicht viel ausrichten. Die Grundinvestition war trotzdem zu hoch. Doch nun stellt Amazon, einer der größten Online-Händler für Bücher und großer Konkurrent des stationären Buchhandels, seinen neuen Kindle für nur 99 Euro vor. Dazu bietet der Händler zahlreiche kostenlose Klassiker und fremdsprachige Bücher, von denen viele nicht einmal 5 Euro kosten.

Damit steigert sich nicht nur die Konkurrenzfähigkeit zum gedruckten Buch, sondern auch der Druck auf die klassischen Sortimentsbuchhandlungen. Der Filialist Thalia wird wohl lange Zeit der einzige bleiben, der sich ob seiner Finanzmacht die Entwicklung seines eigenen Readers "Oyo" leisten konnte. Andere Buchhandlungen können zwar Geräte von Elektronikherstellern wie den "Sony Reader" vertreiben und ihren Kunden auch bei der Aufladung von fremdproduzierten E-Books helfen, doch wie bei jedem Produkt, welches über Zwischenhandelsstufen bezogen wird, büßt der Händler den Preisvorteil ein und muss den erwirtschafteten Umsatz am Ende mit allen beteiligten Zulieferern teilen.

Ein Buch hat immer noch mehr Charme als ein Computer

In sozialen Netzwerken kursiert derzeit ein Video, welches spanische Buchfans auf der Plattform "Youtube" hochgeladen haben. Sie präsentieren darin die Errungenschaft der Erfindung von "Book" als wäre sie neu. Fünf Minuten lang wird in dem Film aufgezählt was "Book" alles kann. Dabei stellt sich der Eindruck ein, diese Vorteile seien eine Nachahmung dessen, was Reader leisten können. Dabei überrage "Book" in seiner Beschaffenheit herkömmliche technische Geräte zum Beispiel dadurch, dass es nicht aufgeladen werden müsse. Quintessenz ist, dass das Buch einmalig und unersetzbar bleibt. Dies wird jedoch durch die Entwickler der Reader nicht bestritten. Hinter dem Versuch, ihre Geräte möglichst ähnlich zu gestalten wie das gedruckte Buch, steckt das Bewusstsein darüber, dass viele Menschen das Buch immernoch als wesentlich charmanter betrachten als die technischen Reader. Ob es Gutenberg wohl so ähnlich ergangen ist als seine gedruckten Bücher die Handschriften ablösten?

Natürlich sind Bücher charmanter als Computer aber aufrichtig betrachtet entwächst dieser Charme eher ihrer Tradition als der Fähigkeit mit neuen Errungenschaften mitzuhalten. Handschriften waren auch persönlicher als Druckbuchstaben und trotzdem machte es weniger Mühe diese zu produzieren als jene, sie ließen sich besser verbreiten und waren leichter zu lesen. Ein Reader spart vor allem zwei Dinge: Platz und Ressourcen. Denn Papier wächst leider nicht auf Bäumen und erneuert sich somit nicht ohne diesen zu schaden. Der Platz, den Bücherregale bisher einnehmen, könnte zum Beispiel für mehr Wälder genutzt werden. So entstünde Raum für traditionelle Entspannungsriten wie Spaziergänge und trotzdem könnte mit dem Reader noch gelesen werden.

Frappierender als die Befürchtung, dass "das Kulturgut Buch" in seiner gedruckten Form ausstirbt, ist, dass immer weniger gelesen wird. Wenn die junge Generation durch Reader wieder an Inhalte heran geführt werden kann, so ist dies auch eine Chance für das in Büchern enthaltene Kulturgut.

Die Zukunft von Buch und Buchhandel

Der Druck, der auf traditionellen kleinen Buchläden lastet, ist nicht erst durch Reader entstanden, sondern setzte schon mit der Ausweitung des Online-Handels ein. Schon jetzt wird es immer wichtiger, dass sich Buchhandlungen als Orte der Begegnung begreifen. Diese können ruhig auch mal intermedial und vielleicht sogar virtuell sein. Hier ist nicht nur Raum für Innovationen, hier ist bereits eine Entwicklung in vollem Gange. Buchhändler haben spätestens seit Harry Potter bewiesen, dass sie es hervorragend verstehen, Literatur zum Event zu machen. Der weitere Weg wird für sie vielleicht nicht einfach aber sehr spannend. Bis dahin dürfen Bücher sowohl gedruckt als auch im Dateiformat genossen werden, denn wie bei allen großen technischen Entwicklungen wird es wohl noch eine Weile dauern bis sich der Leser ganz vom über die Jahrhunderte hinweg liebgewonnenen gedruckten Buch lösen kann.

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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