Lesen, nein danke? Warum deutsche Väter nicht vorlesen

Ein Vater liest seinen Kindern vor  - crimfants
Ein Vater liest seinen Kindern vor - crimfants
"Keine Lust", "keine Zeit" und Unterschätzung der eigenen Vorlesefähigkeiten sind nur einige Gründe, die deutsche Väter zu Vorlesemuffeln machen.

Die von der Deutschen Bahn, der ZEIT und der Stiftung Lesen durchgeführten Vorlese-Studie 2009 „Warum Väter nicht vorlesen“ befragte im August und September 2009 500 Väter zwischen 20 und 59 Jahren mit mindestens einem Kind im Alter von zwei bis acht Jahren.

Hintergrund der Vorlese-Studie 2009

Die Studie "Warum Väter nicht vorlesen" knüpft an die Vorjahresstudien an, die im Jahr 2007 die Eltern befragten und im Jahr 2008 die Kinder. Darin gaben 42 Prozent aller befragten Eltern mit Kindern bis 10 Jahren an, diesen gar nicht oder nur unregelmäßig vorzulesen. Die Kinderumfrage bestätigte dies: 37 Prozent der Kinder gaben an, ihnen werde nie vorgelesen; 22 Prozent von ihnen fordern aber ausdrücklich das Vorlesen.

Alle Kinder, denen "ab und zu" etwas vorgelesen wird, bestätigten, dass sie diese Aktivität mögen, weil sie gemütlich und spannend sei und sie sich in die Geschichten hineinversetzen könnten. Hauptvorleserin ist dabei die Mutter – fast zwei Drittel (64 Prozent) der befragten Kinder gaben an, von der Mutter vorgelesen zu bekommen; nur 8 Prozent vom Vater. Grund genug, diesen Mangel an männlichen Vorlese-Vorbildern und seine Auswirkungen auf die Lesesozialisation (gerade bei Jungen) genauer zu untersuchen.

Kernfragen der Studie "Warum Väter nicht vorlesen"

Im Vordergrund steht natürlich die Frage nach den Gründen der Vorlese-Unwilligkeit von Vätern. Haben Väter einfach keine Lust zum Vorlesen oder haben sie triftige Gründe, sich dem Vorlesen zu entziehen? Hier ergibt sich auch die nächste Frage: Wenn sie nicht vorlesen, wie verbringen Väter dann die Zeit mit ihren Kindern?

Die Studie fasst auch die Vorteile des Vorlesens zusammen: Es fördert nämlich die auditive und visuelle Wahrnehmung und die Sprachentwicklung. Außerdem stärkt es die Konzentration, Problemelösefähigkeiten und hilft bei der Empathiebildung. Vorlesen regt auch Fantasie und Lesefreude beim Kind an. Mütter und Väter sind bei dieser Lesesozialisation gleichermaßen gefragt.

Finden Väter Vorlesen wichtig?

Einig waren sich die befragten Väter beim Stellenwert des Vorlesens: 92 Prozent stimmten der Aussage, dass Vorlesen wichtig für die Entwicklung eines Kindes sei, völlig (76 Prozent) oder teilweise (16 Prozent) zu. Fast zwei Drittel (63 Prozent) der Väter stimmten der Aussage zu, dass Väter genau so oft vorlesen sollten wie Mütter.

Wie oben gesehen sieht der Alltag aber anders aus und Väter entziehen sich ihrer Aufgabe. Wie sie dies tun, brachte ein Vater bei einem qualitativen Interview im Vorfeld zum Ausdruck. Er sagte: „Ich finde es [Vorlesen] ungeheuer wichtig – deswegen versuche ich immer wieder, meine Frau zu motivieren vorzulesen.” Vorlese-Outsourcing in der Familie sozusagen.

Warum lesen deutsche Väter ihren Kindern nicht vor?

Die Umfrage ergab drei zentrale Gründe für die Tatsache, dass Väter ihren Kindern selten oder gar nicht vorlesen: mangelnde Zuständigkeit, keine Zeit und keine Lust zum Vorlesen. An erster Stelle nannten Väter, dass sie sich beim Vorlesen nicht zuständig fühlen und dies der Mutter überlassen (55 beziehungsweise 38 Prozent).

Außer mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist "Ich kann das nicht" oder "Ich kann das nicht so gut wie ..." aber eine bequeme Ausrede, wenn man eigentlich keine Lust hat, etwas zu machen. Und die befragten Väter bestätigen dies, denn 35 Prozent fanden Vorlesen ganz oder teilweise langweilig, und fast die Hälfte (47 Prozent) stimmte der Aussage, dass ihnen die Geduld zum Vorlesen fehle, völlig oder teilweise zu.

Keine Zeit oder keine Lust zum Vorlesen?

Als Grund für diese Unlust am Vorlesen wurden hier die Inhalte der Kinderbücher genannt, die sich 27 Prozent der Väter lustiger oder praktischer wünschen würden. Angesichts der Fülle von Kinderliteratur im Leseland Deutschland (97.000 Neuerscheinungen pro Jahr mit 24 Prozent Umsatzsteigerung bei Kinderbüchern) ist dies überraschend. Deutsche Buchhändler und Bibliothekare würden sich sicher über mehr Engagement der Väter bei der Buchauswahl freuen.

Als zweiten zentralen Grund gaben 55 Prozent der befragten Väter Zeitmangel an. Angesichts kürzerer Arbeitszeiten und der Tatsache, dass deutsche Arbeitnehmer so viel Freizeit haben wie sonst kaum jemand weltweit, kein wirklich stichhaltiges Argument. Da Vorlesen hauptsächlich abends vor dem Einschlafen passiert, wäre interessant zu wissen, wo deutsche Väter zur Schlafenszeit ihrer Kinder sind, wenn nicht bei der Arbeit? Leider gibt die Studie darüber keine Auskunft.

Welche Aktivitäten unternehmen Väter mit ihren Kindern?

Dritter zentraler Grund war für Väter, dass sie mit ihren Kindern lieber etwas anderes machen; oft aktivere Dinge wie draußen spielen (77 Prozent), Sport treiben (72 Prozent), mit Spielzeug spielen (48 Prozent), spazieren gehen (46 Prozent), Ausflüge machen (41 Prozent), ins Schwimmbad gehen (39 Prozent), Brettspiele spielen oder puzzlen (30 Prozent), basteln und malen (29 Prozent) oder kochen und backen (13 Prozent). Erfreulich ist hier der geringe Stellenwert des gemeinsamen Fernsehens (18 Prozent) und des Videospielens (5 Prozent).

39 Prozent der befragten Väter stimmten ganz oder teilweise überein, abends zu müde zu sein, um mit den Kindern eine (ihrer Einschätzung nach) ermüdende Aktivität wie Vorlesen zu unternehmen. Millionen von Müttern, die am Bett ihrer Kinder eingeschlafen sind, können dies mit Sicherheit bestätigen.

Die Wichtigkeit der Studie "Warum Väter nicht vorlesen" kann gar nicht genug betont werden, da sie gezeigt hat, dass deutsche Väter sich bei der Lesesozialisation als positive Vorlese-Vorbilder frühzeitig ausklinken und benachteiligen. Initiativen wie der Vorlesetag am 18. November helfen dabei, den Stellenwert des Vorlesens auf dem Weg zum Lesen in den Vordergrund zu rücken.

Simone Preuss, Steffen Löffler

Simone Preuss - Simone Preuss ist freiberufliche Autorin und Übersetzerin (Englisch–Deutsch, Deutsch–Englisch). Nach dem Studium der ...

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