Lesetipp: Wie wollen wir sterben?

Lesetipp: Wie wollen wir sterben? - Foto: Bruno Seigel
Lesetipp: Wie wollen wir sterben? - Foto: Bruno Seigel
In Zeiten der Hochleistungsmedizin fordert Intensivmediziner Michael de Ridder für Patienten mehr Selbstbestimmung, Fürsorge und Würde am Lebensende.

„Neben allen ihren Errungenschaften und Leistungen hat die moderne Medizin beängstigende und grausame Existenzweisen hervorgebracht, in die Menschen ohne sie nie geraten wären, weil sie zuvor eines natürlichen Todes gestorben wären.“ Zu diesem Schluss kommt nach 30 Berufsjahren ein Arzt, der als Internist, Rettungs- und Intensivmediziner vor allem Menschen begleitet hat, die sich oft in ihrer letzten Lebensphase, im Sterben befanden.

Dabei lässt Michael de Ridder, der Autor dieses längst überfälligen Buchs, keinen Zweifel daran, für wie unerlässlich er die moderne Medizintechnologie im Rahmen der Behandlung von Akutkrankheiten hält. Er kritisiert nur „deren uferlose Ausweitung“ mit der Folge, dass selbst betagte Patienten mit schwersten chronischen Erkrankungen „Wiederbelebungsmaßnahmen unterworfen werden, die praktisch nie erfolgreich enden“. Oder dass „Patienten mit Herzkreislaufstillstand, dessen Dauer die Wiederbelebungszeit des Gehirns von maximal acht Minuten überschritten hat, wiederbelebt werden“ – tragisches Resultat ist oft eine dauerhafte Bewusstlosigkeit (das sogenannte Wachkoma).

Überleben um jeden Preis oder selbstbestimmtes Sterben?

Weil die seit Jahren andauernde Debatte um das Sterben und die Not und Verzweiflung der Patienten und ihrer Angehörigen, um Beatmung, künstliche Ernährung, um Palliativmedizin und Sterbehilfe keinen kalt lässt und oft auch sehr emotional geführt wird, trägt de Ridder umfassend die Fakten zusammen und

  • erklärt die wissenschaftlichen Kriterien für Herztod und Hirntod
  • räumt mit den Vorurteilen rund um das Thema Schmerzmittel (z.B. Morphin) auf und fordert bessere Ausbildung und Fortbildung im Bereich Palliativmedizin
  • zeigt am Thema der künstlichen Ernährung über PEG-Sonden, wie aus einer intensivmedizinischen Maßnahme im Laufe der Zeit eine therapeutische Ersatzhandlung bei pflegebedürftigen Demenzkranken ohne jeden nachgewiesenen Nutzen wurde
  • informiert ausführlich über den „vegetativen Status“, der umgangssprachlich als Wachkoma bezeichnet wird und sich unterscheidet vom Koma oder vom Zustand minimalen Bewusstseins, dem sogenannten Locked-in-Syndrom.

Die Helferzunft muss lernen, das Sterben „anzunehmen“

Mit Fallbeispielen aus seiner Praxis kann der für sein gesundheitspolitisches Engagement 2009 ausgezeichnete Mediziner eindringlich belegen, warum nicht wenige Ärzte den Tod eines Patienten noch immer als persönliche Niederlage wahrnehmen, statt in „aussichtlosen Situationen ein friedliches Sterben zu ermöglichen“. Vielmehr sei ihm dabei oft aufgefallen, dass die Angehörigen von Schwerstkranken und Sterbenden das, was sinnvollerweise getan und was unterlassen werden sollte, sehr häufig viel sicherer und entschiedener zu beurteilen vermochten, als die Vetreter der Helferzunft, Ärzte, Krankenschwestern oder Altenpfleger.

Patientenverfügungsgesetz: eine gesellschaftliche Chance

Sein Appell richtet sich sicher in erster Linie an diese, aber nicht ausschließlich, denn de Ridder möchte, dass jeder einzelne von uns sich mit der Aufgabe auseinandersetzt, über sein Lebensende zu entscheiden, also sein Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. Die Grundlage dafür sieht er in dem im September 2009 in Kraft getretenen Patientenverfügungsgesetz.

Dieses fundiert geschriebene Buch soll und kann den Anstoß dazu geben, sich dem dringend notwendigen Dialog mit sich und seinen Angehörigen zu stellen und eine eigene Patientenverfügung zu verfassen.

Wer mehr über Michael Ridder erfahren möchte, liest das Spiegel-Interview "Was ist so schlimm am Sterben? (Ausgabe 12/10)

Wer diskutieren möchte - über das Buch und/oder das Thema - kann dies im Blog der Autorin.

„Wie wollen wir sterben?“, Michael de Ridder,Deutsch Verlags-Anstalt, München, 2010, ISBN: 978-3-421-04419-8, Preis: 19,95 Euro

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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