Gotthold Ephraim Lessing schreibt in seinen "Freimaurergesprächen": "Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden." Und: "Ich habe gegen die christliche Religion nichts: Ich bin ihr Freund, .... Ich glaube sie und halte sie für wahr, so gut und so sehr man nur irgendetwas Historisches glauben und für wahr halten kann. Denn ich kann sie in ihren historischen Beweisen schlechterdings nicht widerlegen."
Vernunft- und Geschichtswahrheiten
Diese Worte spiegeln Lessings religionsphilosophischen Standpunkt deutlich wider. Hatte Leibniz noch einfach zwischen Vernunft- und Tatsachenwahrheiten unterschieden, geht Lessing noch einen Schritt weiter. Er trennt zwei Klassen von Wahrheiten voneinander. Die Klasse der Geschichtswahrheiten, der historischen Wahrheiten, und die Klasse der moralischen, metaphysischen Wahrheiten. Deutlich unterscheidet er diese Wahrheitsklassen auch innerhalb der Religion. Die verbreiteten Inhalte der Religion, ihre Aussagen, sind für ihn abzugrenzen vom Phänomen der Religion als historische Tatsache. Das heißt, die transportierten Aussagen der religiösen Schriften unterscheiden sich von den Inhalten der Geschichtsbücher. Geschichtsbücher beinhalten historische Fakten, die, manchmal mehr oder minder, belegt sind. Die religiösen Schriften dagegen zeigen Inhalte auf, die nur die Vernunft als wahr erkennen kann, weil es keine vergleichbaren Beweise dafür gibt. Davon zu unterscheiden ist die Religion als Teil der menschlichen Geschichte.
Religion als Geschichte
Das Problem stellt sich wie folgt dar: Will man zum Beispiel die verbreiteten Inhalte des Christentums durch den Hinweis auf seine historische Glaubwürdigkeit stützen, läuft man ins Leere. Ebenso verhält es sich, wenn man versucht die historische Bedingtheit der Religion mithilfe ihrer transportierten Vernunftwahrheiten zu stützen. Eines hat mit dem anderen nichts zu tun. Man kann Vernunftwahrheiten nicht durch historische Wahrheiten stützen und anders herum. So kann die Tatsache, dass es Religion gibt, nicht die Wahrheit ihrer Inhalten aufzeigen. Und der Fakt, dass es Wahrheiten gibt, deren Richtigkeit nur die menschliche Vernunft erkennen kann, reicht nicht aus, um zu zeigen, dass es deshalb Religion gibt. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist der Rückgang auf die Erfahrung. Und die macht nur deutlich, dass es Religion gibt. Sie kann nicht die Richtigkeit der transportierten Inhalte beweisen. Man kann sie glauben oder auch nicht. Man muss deshalb nicht leugnen, dass Jesus Wunder getan hat, zum Beispiel. Man kann aber glauben, dass es so war, indem man diese Wunderberichte für wahr hält, weil sie einst beobachtet worden sind.
Das Zeitübergreifende der Religion
Die Religion ist also nicht nur ein historisches Phänomen. Sie beinhaltet etwas, das die Zeit übergreift. Die sogenannte innere Wahrheit der Religion ist zeitunabhängig. Die transportierten Inhalte haben deshalb mit geschichtlichen Wahrheiten nichts zu tun. Es sind Vernunftwahrheiten, über deren Glaubwürdigkeit nur der menschliche Geist urteilen kann. Wie Lessing schreibt, glaubt er die, in diesem Fall, christliche Religion. Er hält sie für wahr, weil sie historisch nicht zu widerlegen ist. Eben deswegen gibt es aber Raum für die innere Wahrheit, für die zeitübergreifenden Inhalte der Religion. Diese unterliegen nicht derselben Kritik wie die Religion als historisches Phänomen. Diese kann die Inhalte nicht angreifen, weil sie keine historischen Wahrheiten transportieren, sondern Vernunftwahrheiten, die der menschliche Verstand auch als das erkennen kann. Es sind Wahrheiten im Geiste. Wahrheiten, die das Miteinander und somit auch die moralische Erziehung des Menschen betreffen.
Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Freimaurergespräche und anderes. Ausgewählte Schriften, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1981, 408 Seiten, eventuell gebraucht erhältlich
