
- Kühe sind selten Fabeltiere - B.Grimmler
Der wohl bedeutendste Dichter der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), hatte schon seit den 1740er Jahren Interesse an Fabeln, so schrieb er unter anderem verschiedene Rezensionen und war Herausgeber der Texte von Samuel Richardson, immer wieder auch äußerte er sich theoretisch zu dieser kurzen Literaturform. 1759 schließlich kam es zur Veröffentlichung von drei Büchern mit eigenen Fabeln und fünf Abhandlungen zur Fabeltheorie: I. Wesen der Fabel, II. Gebrauch der Tiere in der Fabel, III. Einteilung, IV. Vortrag, V. Nutzen in der Schule
Lessings eigene Fabeltheorie
Lessing wünscht sich, dass seine Fabeln und die Theorie gemeinsam gelesen werden; er räumt allerdings auch ein, seine Fabeln nicht unbedingt streng an seiner Theorie zu messen. In "Vom Wesen der Fabel" nimmt er zu Beginn eine Abgrenzung des Begriffs äsopische Fabel vor, die er von dem allgemeinere Ausdruck "Fabel" für "Erzählung" unterscheidet: die äsopische Fabel ist „eine Erdichtung, die auf einen Zweck abzielet“, also nach seiner Vorstellung eine reine Zweckdichtung (als Erinnerung an die Herkunft von der rhetorischen Fabel).
Lessing unterteilt die äsopische Fabel wie folgt:
- einfache Fabel: allgemeine Wahrheit als Grundlage
- zusammengesetzte Fabel: Rückführung auf einen konkreten Fall, konkrete Anwendung (‘zusammengesetzt’, da die einfache Fabel vorausgeht und mit dem konkreten Fall kombiniert wird)
Lessings Forderungen für die Fabel
Nach Lessing soll eine Fabel stets eine Handlung besitzen. Sie muss eine Erzählung, das heißt eine Abfolge von Ereignissen auf den Zweck hin sein; es muß eine Veränderung stattfinden. die Fabel dient nicht dazu allgemeinen Lehrsätze zu verbreiten ("Die Sonne geht im Osten auf""), sondern dient moralischer Aufklärung. Sowohl Prosa oder Vers sind erlaubt, nach den antiken Vorbildern Äsop und Phaedrus. Die "Moral" sind überwiegend Erfahrungssätze, die somit für den Leser nachvollziehbar sind, keine komplexen philosophischen Weisheiten. Allerdings soll nur ein einziger Lehrsatz als Grundlage dienen. Ansonsten entsteht Verwirrung, Verlust der Transparenz, der „anschauenden Erkenntnis“: das Erkennen des Satzes darf keine Mühe kosten, folglich kein Verstecken des Satzes, allenfalls „Einkleiden“.
Zu vermeiden ist auch eine Psychologisierung, das Erwecken von Leidenschaften, da diese ablenken (etwa Mitleid). Rückführung des EINEN moralischen Satzes auf einen einzelnen Fall, der als Handlung dargestellt wird; als Handeln einzelner vernünftiger Wesen. Die Wirklichkeit dieses besonderen Falles muss betont werden - nicht nur einfach dessen Möglichkeit; deshalb Präteritum und Individualität des Dargestellten (nicht alle Biber, sondern EIN Biber).
Lessing fasst dies in einem einzigen abschließenden Satz zusammen: „Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz Satz anschauend erkennt; so heißt diese Erdichtung eine Fabel“.
Lessing über den Gebrauch der Tiere in der Fabel
Lessing wendet sich gegen die Behauptung des „Wunderbaren“ in der Fabel: Auftreten der Tiere ist nicht wunderbar (wie dies der Literaturtheoretiker Breitinger behauptet hatte), da längst durch die Konvention gewohnt (überraschend allenfalls für den ersten Leser). Der Vorteil der Tiere liegt in ihrer „Bestandheit der Charaktere“ und der Festlegung auf einen einzigen festen Charakterzug, so lassen sich umständliche Beschreibungen vermeiden. Dabei handelt es sich um allgemeines, nicht-elitäres Wissen (anders als etwa bei historischen Anekdoten). Tiere vermeiden auch Einfühlung, keine Leidenschaften, die Lessing ja vermeiden möchte (siehe oben).
Lessings Einteilung der Fabeln
Lessing differenziert seine vorherige Unterteilung in einfache und zusammengesetzte Fabeln noch weiter in:
- direkte: Verweisen (direkt) auf den moralischen Satz
- indirekte: Verweisen auf den moralischen Satz durch das Aufzeigen des Gegenteils
- vernünftige: Fabeln, den realen Möglichkeiten entsprechend
- sittliche: Fabeln, für die erst Veränderungen vorgenommen werden müssen (das Subjekt handelt nicht gemäß seinen Prädikaten, also nach den bekannten Festlegungen, etwa ein "guter" Wolf);
Lessing lässt allerdings eine Vermischung der Formen zu.
Vortrag und Nutzen an der Schule
Lessing fordert für den Vortrag Präzision und Kürze (dies richtet sich insbesondere gegen La Fontaine und dessen Nachfolger) „ohne Zieraten und Figuren“. Direkte und klare Lenkung auf den moralischen Satz (Gerichtetheit). Für die Schule hält er die Fabel für besonders geeignet als Förderung des Witzes (heute würde man sagen der "Kreativität") durch eigene Versuche, zum Beispiel durch Verschiebung des Ansatzes von Vorbildern als intertextuelles Spiel mit den Vorläufern.
Kritik an der Fabeltheorie Lessings
Lessing, der große Kämpfer gegen die Normpoetiker unter seinen Zeitgenossen, schuf mit seiner Fabeltheorie letztlich auch nur eine weitere Normpoetik, so ein oft geäußerter Vorwurf. Unentschieden bis in die heutige Literaturwissenschaft ist der "Allegoriestreit" (die Fabel ist eine Allegorie, so Lessing, kein Beispiel). Kaum von der Hand zu weisen ist auch, dass Lessings Forderung nach einer Reduktion auf Eindeutigkeit der Fabel viel von ihrer satirischen (oder auch politischen) Sprengkraft nimmt. Eher eine Geschmacksfrage dagegen ist die Kritik an der „Trockenheit“ seiner eigenen Fabeln - dies muss jeder Leser selbst für sich entscheiden.
Preiswerte Ausgabe:
Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln. Abhandlungen üer die Fabel. Stuttgart: Reclam.
