
- Der Schmetterling als Symbol für die Seele - Maja Dumat / pixeliio.de
Gotthold Ephraim Lessing gehört in seiner geistigen Haltung zu den wichtigsten Vertretern der Aufklärung. Inmitten dieser Periode der Zeitgeschichte fällt seine Lebenszeit (1729-1781). Die Aufklärer suchten an die Stelle der Tradition und historischen Autorität die Erfahrung (Empirismus) und Vernunft (Rationalismus) des Einzelnen zu setzen. Dass derartige Forderungen das Todesurteil des mittelalterlichen Weltbilds vom Jenseits, von Himmel und Hölle bedeuteten, versteht sich von selbst. Lessing kämpfte für die Geistesfreiheit und war überzeugt, dass Erfahrung und Vernunft die allein gültigen Quellen neuzeitlicher Erkenntnisfindung sind. In dieser Überzeugung gipfelte sein Hauptwerk "Die Erziehung des Menschengeschlechts“, das er ein Jahr vor seinem Tod vollendete.
Gotthold Ephraim Lessings Gedanke zur Reinkarnationslehre
Ein Vorspiel für sein Hauptwerk "Die Erziehung des Menschengeschlechts“gab Lessing mit seinen "Beiträgen zur Geschichte und Literatur“. Darin ging es ihm um die widersprüchlichen Berichte von der Auferstehung Christi. Die anschließende Veröffentlichung seines Hauptwerkes, das er in hundert Paragraphen gegliedert hat, ist ein wohl durchdachtes Bekenntnis. Der zentrale Gedanke ist, dass der Mensch nicht nur einmal auf Erden lebt, sondern von Leben zu Leben seinen Weg über die Erde nimmt und so allmählich zu einer gewissen Vollkommenheit heranreift. Es ist das klassische Dokument für die Reinkarnationslehre, geschaffen aus neuzeitlichem Bewusstsein, das nur eigene Erfahrung und Vernunft als Grundlage für die Erfassung von Welt, Erde und Mensch anerkennt. So ist für Lessing die Geschichte, wie sie sich entwickelt hat, nicht eine Folge von Zufälligkeiten, sondern Ausdruck geplanter göttlicher Führung, wie sie im Alten und Neuen Testament deutlich wird.
Vorchristliche Entwicklung verlangte nach Weiterführung
Lessing hat die Entwicklung des Menschengeschlechts in drei Stadien gegliedert. Zu Anfang fragt er, warum das Alte Testament kaum Hinweise auf die Unsterblichkeit der Seele und eine nachtodliche Vergeltung enthält. Er gibt die Antwort selbst: Das Alte Testament war ein Elementarbuch "für das rohe und im Denken ungeübte jüdische Volk“ (Paragraph 29 seines Werkes). Zu den Entdeckungen, die das jüdische Volk in der Fremde und Knechtschaft machte, gehört nach Lessing die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Perser, Babylonier, Chaldäer, Ägypter und Griechen waren in der Kenntnis der übersinnlichen Welt den Juden weit überlegen. Das jüdische Volk war bis zu einer gewissen Schwelle geführt worden. Nur war es "zu dem zweiten großen Schritt der Erziehung reif“ (Paragraph 54). "Und so ward Christus der erste zuverlässige, praktische Lehrer der Unsterblichkeit der Seele“, heißt es weiter in Paragraph 58. Lessing betont, dass es bei der Verkündigung der Unsterblichkeit der Seele durch Christus nicht um philosophische Spekulationen gehe, sondern um eine praktische Lehre, die verlangt, dass der Mensch "seine inneren und äußeren Handlungen danach ausrichtet“ (Paragraph 60).
Das Neue Testament als zweites Elementarbuch
Lessing, der Repräsentant der Aufklärung, ringt um Verständnis der vergangenen Offenbarung und lässt nur gelten, was vor der eigenen Vernunft Bestand hat. Das Christentum hatte zu Lessings Zeiten immerhin schon 1.700 Jahre gewirkt, enthält aber in seinen Augen noch nicht die letzte Wahrheit. Die Lehre von der Unsterblickeit wurde zwar verbreitet, aber zunächst nur in der Form der Offenbarung eben. Ein zweites Stadium der Menschheit hat damit begonnen. Lessing erhoffte nun den Anbruch eines dritten Zeitalters der Menschheit. In ihm wird der einzelne Mensch soweit heranreifen, um die kirchliche Offenbarung entbehren zu können und durch die eigene Vernunft die Wahrheiten selber finden und ableiten. Die Verwandlung der geoffenbarten Glaubenswahrheiten in Vernunftswahrheiten ist für Lessing Aufgabe und Ziel dieser dritten Stufe. In den letzten zehn Paragraphen entwickelt er den Gedanken vom wiederholten Erdenleben. Dabei sind es dieselben Seelen, die durch die verschiedenen Stufen der Menschheitsgeschichte geführt und erzogen werden. So haben sie im Judentum ihr Kindheitsstadium absolviert, später im Mittelalter die zweite Stufe erreicht und mit der dritten eben begonnen oder stehen noch davor.
Lessing lüftet den Schleier des Lebensgeheimnisses
Lessing geht zum Schluss seiner Abhandlung "Die Erziehung des Menschengeschlechts“, indem er den Schleier des Lebensgeheimnisses – und damit des Todes – lüftet, behutsam vor. Bei aller Vorsicht, mit der Lessing bei der Formulierung seiner Grundgedanken vorging, im 94. Paragraphen hat er seine Abhandlung auf den Punkt gebracht: "Der Mensch lebt nicht nur einmal auf dieser Erde“. Das Leben nach dem Tod ist nicht nur, wie es die Kirche lehrt und von Lessing anerkannt wurde, die Folge des Erdenlebens, sondern darüberhinaus auch die Vorbereitung auf eine nächste Inkarnation.
Lessing fragt: "Warum könnte auch ich nicht hier bereits einmal all die Schritte zu meiner Vervollkommnung getan haben, welche lediglich zeitliche Strafen und Belohnungen den Menschen bringen können“ (Paragraph 96). "Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse und neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin?“ (Paragraph 98). Und schließlich: "Was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?“ (Paragraph 100). Man schrieb das Jahr 1780, als Gotthold Ephraim Lessing seine Abhandlung zur "Erziehung des Menschengeschlechts“ zu Ende brachte. Ein Jahr später starb er. In diesem Sinne ist sein Werk ein Testament für die denkende Menschheit.
Quelle:
Die Erziehung des Menschengeschlechts: Berlin 1780 (Josef Kiermeier-Debre, Herausgeber) dtv
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