Lesung im Literaturhaus – Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

Wilhelm Genazino im Literaturhaus München - K. Mieth
Wilhelm Genazino im Literaturhaus München - K. Mieth
Genazino liest im ausverkauften Literaturhaus München aus seinem neuen Roman "Wenn wir Tiere wären". Nach Frankfurt die zweite Stadt im Genazino-Fieber

"Es war ein zu warmer, fast schon zu heißer Nachmittag. Ich war auf dem Weg nach Hause in meine stille Zweizimmerwohnung." Dieses Zitat auf einem Plakat liegt neben Wilhelm Genazino auf dem Tisch des Münchner Literaturhauses. Es stammt aus seinem neuen Werk, "Wenn wir Tiere wären", das der gefeierte Autor an diesem Abend vorstellt. Er erzählt in seinem neuen Roman von einem Mann, der den Alltag nur ertragen kann, wenn er das ordentliche Regelwerk durchbricht, denn das Leben verlangt uns viel zu viel ab: am Arbeitsplatz, persönliches Engagement, ein freundliches Gesicht oder eine routinierte Benutzung von Verkehrsmitteln. Unausweichlich kommt der Moment, in dem ein Mann sich wünscht, die täglichen Zumutungen einfach übersehen zu können. "Der Titel 'Wenn wir Tiere wären' beinhaltet einen Grundneid gegenüber den Tieren, dass Tiere nicht denken müssen, dass sie sich nicht erinnern müssen", sagt Genazino. Und: "Die Stadttiere sind in gewisser Weise fast die wichtigsten Personen in diesem Buch."

Ganz Frankfurt ist zur Zeit im Genazino-Fieber. Das färbt auf München ab

In diesem Oratorium kathartischer Komik existiert bei all der Melancholie auch das Lachen. Der Filmemacher und Redakteur der Programmschiene BR-Alpha, Jochen Kölsch, führt das Gespräch mit dem Schriftsteller und eröffnet mit einem Dankeschön an den Hanser Verlag. "In einer zweiten Einführung berichte ich Ihnen von meiner Zusammenarbeit mit dem Autor, denn ohne diese zweite Einführung können sie sich Genazino nicht nähern." Und: "Dieses Buch sollte man gelesen haben." Da das Thema 'Tiere' schon im Titel liegt, sind die ersten brennenden Fragen nach den Motiven und dem Titel des Buches.

Wilhelm Genazino: "Die Taube ist das erste Tier, dann gibt es Elstern, Schwäne, eine Krähe, die einen Schnuller zerhackt, eine Wespe, die sich wie ein Minihubschrauber auf dem Tisch niederlässt." Tiere sind das erste, das zweite Thema, die Komponisten Brahms, Mahler oder Bach. Der Held ist diesmal ein Architekt, Ort seiner Katharsis das Gefängnis. Es kommt auch zu Beischlafszenen, wobei "der Mensch bestenfalls ein höher entwickeltes Tier ist", streut der Schriftsteller ein. Und wir haben es mit einem Ich-Erzähler zu tun, wobei niemals Langeweile auftaucht. Diese kleine Inhaltsangabe von Jochen Kölsch wird von Wilhelm Genazino folgendermaßen beantwortet: "Ich hätte Ihnen auch noch sehr gerne weiter zu gehört, aber jetzt werde ich ungefähr 55 Minuten lesen."

Der Held des Romans "Wenn wir Tiere wären" ist Architekt

Es beginnt mit dem Architekten am Zeichentisch und einer Blutspur Marias auf deren Bett, die vom Beischlaf übrig geblieben ist. "Als ich das Bett reinigte, machten sich Gedanken breit, wie: in meinem Bett pulsiert das Leben." Dann wollte Maria in den Urlaub fahren und rief aus, "alle fahren in Urlaub". Eine Diskussion entflammte über neue Kleider für den Urlaub, es ging um dunkle Kleider, die nicht gehen in einem hellen Land.

"Zurück zum Bett, entdeckte ich einen Grashüpfer." In einer starken Schilderung wird der Kampf zwischen Grashüpfer und dem Architekten geschildert und Genazino leitet über zu dem großen Komponisten Brahms. Der Schriftsteller zieht mächtig über Brahms her und Zuhörer im ausverkauften Saal des Münchner Literaturhauses schwanken zwischen humoristischer Begeisterung und Erstaunen, dass einer es wagt, die Musik von Brahms als "Klarinettengefiepe" abzutun. Im Schlagabtausch gegen Brahms und den Grashüpfer, der immer noch im Bett sitzt, stülpt der Held des Romans ein Glas über den Grashüpfer, schiebt einen Bierdeckel darunter, bringt das Tier hinaus. Wilhelm Genazino führt weiter: "Ich sehnte mich nach Ruhe, wollte nicht mehr arbeiten" und kehrt wieder zurück zum Sex. "Die schlichte Maria wollte Sex, ich war schutzlos ausgeliefert, ich verstand nicht, dass auf meinem Leben so ein Druck lag. Es war alles da, Beruf, Einkommen, Frau, Urlaub – nein, Urlaub eben nicht. Woher aber kam der Druck?"

Das erste Mal, dass sich die Verrücktheit zeigte und die weitere Entwicklung im Roman

"Unter dem Balkon ging eine Frau entlang, die einen Riesenkoffer hinter sich her zerrte. Ich wollte vom Balkon herunterrufen, sie solle einen kleineren Koffer nehmen." In ausgedehnter Breite folgen Schilderungen der Banalitäten des Lebens, die in Kindheitserinnerungen münden. "Die 'Lurchi'-Hefte aus der Kindheit, die es beim Kauf von Salamander-Schuhen dazu gab, waren Alles gewesen. Dadurch konnte ich die Armseligkeit auflösen." Diese Episode nimmt das Publikum dankbar schmunzelnd auf. Die Frage, was im Alter sein würde, "wer meine Briefe lesen würde, die gesammelt da lagen, wenn ich gestorben wäre", verhallt unbeantwortet und der Schriftsteller schwenkt hinüber zu einer anderen Beschäftigung des Romanhelden. In der Schilderung, er würde gerne Bilder anschauen, kommt der schnelle Rhythmus zum Erliegen, um dann wieder schlagartig in die Jugend zurückzuführen: "Birgit, meine Jugendliebe, kam mir entgegen. Sie war hochschwanger." Birgit hatte mit dem Helden im Kino gesessen, er hatte ihre Hand immer wieder nehmen wollen, sie entzog sie ihm aber. "Birgit sagte: ist die Hand getrocknet, kannst du sie wieder haben." In einem weiteren abrupten Rhythmuswechsel berichtet Birgit über ihren Burkhard, der weglief und die Schwangere allein ließ. "Als könnte ich mich plötzlich als Retter für Birgit aufspielen und zu ihr ziehen, um mit ihr zu leben, leitet der Schriftsteller die Erklärung ein."

In psychologischer Gründlichkeit geht es weiter: "Es zog mich zu der hochschwangeren Frau, die auf ewig schwanger bleiben und niemals das Kind bekommen sollte." In der Lesung folgt dieser Episode eine akribisch genaue Beschreibung einer Restaurantszene. "Ein Mann rollte Besteck in weiße Tücher. Soll ich Ihre Rechnung auf Zimmernummer 134 schreiben? Ich zeichnete die Rechnung ab." Damit war die Tatsache geschaffen, "dass ich mich soeben des Betrugs schuldig gemacht hatte". Diese elementare Aussage des Romans steht einige Minuten im Raum des Literaturhauses.

Szenen einer gescheiterten Ehe - Thea wollte 10.000 Euro geliehen haben

„Sie bestellte einen Grappa, wollte, dass ich ihr 10.000 Euro borge. Aber ich wollte Thea kein Geld leihen. Sie sagte: ich will mir meine Zähne richten lassen, es kommt noch schlimmer, alles muss neu gemacht werden und ich brauche das Geld so schnell wie möglich. Mir war nicht wohl, aber ich würde ihr aushelfen. Ich überweise das Geld auf dein Konto, sagte ich und sie dankte mir. Thea war 42 Jahre alt, warum plötzlich neue Zähne, wollte sie wieder heiraten? Sie war doch schon zu alt zum heiraten! 10.000 Euro konnte ich überweisen, ich grübelte über Geld, konnte sie nicht schon immer schlecht mit Geld umgehen, dies war einer unserer Trennungsgründe gewesen.“ Eine Obdachlosenzeitung wird zur Überleitung zur Frage, die sich der Held des Romans stellt: „gab es auch eine Zeitung für Überdrüssige“? Die Klammer schließt sich, die Lesestunde ist beendet, die Fragen beginnen.

Quellen: Eigenrecherche, Literaturhaus München

Fotostudio München, All eyes on you

Katti Mieth - Nach dem Studium Wirtschafts-und Gesellschaftskommunikation in Berlin lernte ich die Agenturarbeit kennen, wurde in den 80er Jahren ...

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