
- Popliterat Rainald Goetz im edition suhrkamp laden - Caroline Stern
"Einfach hingehen, seinen Worten lauschen, genießen und berichten", lautete die Empfehlung eines Goetz-Freundes für den 15.5.2010. Aber im Programmheft stand: "Wer mitmacht, kriegt was geschenkt: CD, Buch, Zigarette etc". Mitmachen oder nicht - erst einmal hin. Und los.
Es ist brechend voll und heiß im edition suhrkamp laden. Draußen stehen asiatische Touristen im Regen und fotografieren durch die Fensterscheibe. Rainald Goetz taucht auf, es ist 16 Uhr. Alle Viertelstunde soll es eine kurze Lesung geben, alle 60 Minuten einen Aktionsteil. Die Veranstaltung heißt "Loslabern mit Rainald Goetz". Eintritt frei.
"praxis dr. r. kaputt"
Er will sich an diesem Samstagnachmittag heimisch einrichten im Laden, sagt Goetz. "Vor der Tür steht mein Wissen" – sein Auto. In der ersten Stunde rennt er alle Viertelstunde raus und holt nach und nach Kartons, Bücher, Klamotten, Platten. Seine "stärksten Funkstellen" arrangiert er um sich herum, darunter Zeitungsartikel, Magazine, Notizbücher.
Diese Ticks, diese Unruhe: schreiben, reden, pinseln, lesen, hektisch sein. Was wird gelesen und warum, fragt Rainald Goetz plötzlich in die Runde? Dann liest der Popliterat aus einem Buch von Niklas Luhmann vor, wie man lesen lernen kann. Er steht auf einem Stuhl, gestikuliert ergriffen die Worte mit. "Um wirklich lesen zu können, muss man geschwächt, krank, kaputt sein", sagt Goetz. Darum heißt sein erster Veranstaltungsteil auch "praxis dr. r. kaputt", worin er die Position stark machen will, "in der größtmöglichen Schwäche zu sein".
Über die Ordnung im edition suhrkamp laden
Im ersten Teil seiner dreieinhalbstündigen Veranstaltung geht es Goetz auch um die Ordnung im edition suhrkamp laden in der Berliner Linienstraße 127. Der Store, der sich dort offiziell bis zum 24. Juli 2010 eingemietet hat, handele zum Beispiel von der Ordnung der Farben.
Kurze Klammer: Die edition suhrkamp ist ein Design-Klassiker. Sie ist eine der berühmtesten deutschen Buchreihen, in der "ausschließlich Erstausgaben aus Literatur und Theorie" veröffentlicht werden, die sich "durch Offenheit für neue Formen und die Beobachtung des Aktuellen" auszeichnet. Ihre Umschläge in den 48 Farben des Sonnenspektrums ergeben jährlich einen Regenbogen. Trotz aller Suhrkamp-Schelte ist es kein Geheimnis, dass nahezu jeder Autor danach strebt, in dieser Reihe veröffentlicht zu werden. Klammer zu.
Welche Erfahrungen man mit edition suhrkamp Büchern gemacht hätte, fragt Goetz. Es geht offen zu bei der Lesung, die mehr eine Performance ist. Man darf wohl über alles reden, jede Erfahrung einbringen, Kritik üben. Das Publikum ist jederzeit herzlich eingeladen zum "Mitlabern". Doch der Literat ist sehr schnell. Bevor man sich dazu hätte durchringen können, zum Beispiel über Durs Grünbeins akademisches Kauderwelsch in dessen Poetikvorlesungsschrift "Vom Stellenwert der Worte" zu reden, ist er schon wieder im Jahr 1998 bei seiner eigenen Frankfurter Poetikvorlesung "Praxis". Zum Glück erfährt man da, dass es "das Schlimmste" war, was er "je gemacht" hat. "Mitzulabern" wäre also gut gewesen. Beim nächsten Thema.
Goetz, Musik, Geistigkeit, Theorie, Texte
Kurz vor fünf setzt eine volle Dröhnung Musik ein: MGMT, La Roux, The Gossip, Lady Gaga, Pet Shop Boys, 90er Jahre. Alle sollen "mal rausgehen, Luft schnappen", um den Geist wachzuhalten.
Davor und danach liest Goetz Fragmente aus seinen Büchern, unter anderem aus "Klage" ("Mir fiel auf, dass ich zu freundlich war"), "Loslabern" und "Abfall für alle". Er liest aus Prousts Werk ("Das ist reine Geistigkeit, Argument, Theorie - alles in einem Roman zusammengefasst"), aus Peter Handkes "Nachmittag eines Schriftstellers" und aus der Süddeutschen Zeitung (über Joseph Ratzinger). Er kritisiert Frank Schirrmacher von der FAZ ("bei dem immer alles XX-Large und ultrafett und riesengroß sein muss"), die Bild-Zeitung und "ihr Machtgehabe", die "Nullerjahre" und "deren traurige gesellschaftliche Entwicklung".
Über "Blattkritik" und "Tolle Literatur"
Im zweiten Teil der Lesung geht es um den "Niedlichkeitsterror" verschiedener Schriftstellerinnen, über den sich Goetz maßlos aufregen kann. Im dritten und letzten Kapitel der Veranstaltung, "Blattkritik", erfährt man, dass er seit drei Wochen an einem Artikel schreibt. "Tolle Literatur" heiße der Text, von dem er vermutet, dass er nie veröffentlicht werden wird. Und da wird es interessant, denn "wir befinden uns im Raum des Publizierens". Angeregt von Thomas Hettches FAZ-Artikel-Aussage "Tolle Literatur bestehe aus Werken" und vom ZEIT-Text der "unsympathischen" Helene Hegemann ("An meine Kritiker"), behauptet Goetz in seinem unveröffentlichten Aufsatz: "Tolle Literatur besteht aus Menschen. Wenn der Mensch, der darin vorkommt, mir ein Unsympath ist, lese ich es nicht" . Er verabscheut "das Presse-Wir" und referiert über das "literarische Ich".
Wo war Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz?
Um vier vor sieben liest der Schriftsteller noch ein kleines Gedicht von sich. Dann kann er nicht mehr und verliert den Faden, weil das Publikum zu sehr mitmischt. Er solle noch einmal die Schirrmacher-Kritik aus "Loslabern" lesen "über den wunderbaren Herbstempfang der FAZ". Will er nicht, macht er dann doch. "Haben Sie das, Fränk?", endet Goetz völlig verschwitzt weit nach sieben Uhr. "Hey Fränk, das war ne geile Show!" ruft einer aus dem Publikum. Und dann ist Schluss. Die Veranstaltung "Loslabern mit Rainald Goetz" war das Beste, was man an diesem verregneten Samstagnachmittag in Berlin erleben konnte. Daher sei die Frage berechtigt: Wo war die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz?
Lesen Sie auf Suite101 auch einen Artikel zur Buchpräsentation "elfter september 2010" von Rainald Goetz.
