Lew Tolstoj – der ungekrönte Zar: eine neue Biographie

Leo Tolstoj - Poträt - Friedenspädagogik
Leo Tolstoj - Poträt - Friedenspädagogik
Die neue Biographie von Leo Tolstoj bietet sowohl einen Einstieg für wissenschaftliche Leser als auch einen Überblick für den interessierten Laien.

Seine berühmtesten Werke sind Weltliteratur. Dem Namen nach kennt die Romane Krieg und Frieden und Anna Karenina jeder. Und wer sie nicht gelesen hat, kennt oft wenigstens eine der zahlreichen Verfilmungen. Im November jährt sich der Todestag des großen russischen Dichters Lew Tolstoj zum hundertsten Mal. Diesen Anlass hat der Rowohlt Verlag genutzt, um eine kompakte wissenschaftliche Biographie herauszubringen.

Das Leben eines durchschnittlichen russischen Adligen

Das Werk ist in acht vom Zeitumfang her sehr verschieden lange Sinnabschnitte aufgeteilt. Zunächst führt der früh verwaiste glühende Rousseauanhänger Tolstoj ein sehr unstetes Leben mit Glücksspiel und Frauengeschichten. Dem versucht er nach Abbruch seines Studiums durch den Militärdienst zu entkommen, was ihm nur teilweise gelingt. Hier beginnt er Anfang der 1850er Jahre mit dem Schreiben und macht die Bekanntschaft Turgenjews und anderer angesehener Literaten. Dann zieht er sich literarisch zurück und besinnt sich auf die Arbeit auf seinem Gut Jasnaja Poljana. Hierhin führt er im Herbst 1862 die 16 Jahre jüngere Sofja Andrejewna Behrs, eine Arzttochter mit deutschen Wurzeln, heim und es folgen 15 glückliche Ehejahre, die von der Arbeit an den zwei großen Romanen geprägt sind. Seine Frau geht ihm als Sekretärin begeistert zur Hand.

Wendejahr 1877

Ab 1877 begibt sich Tolstoj auf eine Sinnsuche, die sein Leben vollständig verändern soll. Er findet zu seiner eigenen, philantropischen und „wahrhaft christlichen“ Religion. Von nun an kämpft er gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit und eckt bei Kirche und Staat, auch beim Zaren, der auf Tolstojs „unerhörtes Treiben“ aufmerksam wird, immer wieder an. Sein Werk ist von nun an von Gesellschafts- und Religionskritik geprägt, was bis zur Exkommunikation führt. Durch Tolstojs Ideen vom einfachen Leben und seine Absage an jegliches Besitztum, die er von nun an umzusetzen versucht, häufen sich auch die ehelichen Konflikte. Bei Tolstoj ergibt sich daraus eine zunehmende Ehefeindlichkeit, die sich auch in seinem Werk, etwa in der Kreutzersonate, niederschlägt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Tolstoj dann endgültig zum Mythos geworden, zum „ungekrönten Zar“, der nicht nur gewöhnliche Anhänger um sich schart, sondern auch berühmte Kollegen, wie Anton Tschechow und Maxim Gorki empfängt. Sogar Rilke unternimmt eine Wallfahrt nach Jasnaja Poljana.

Eine konfliktreiche Ehe

Sehr anschaulich macht die Biographie den krassen Wendepunkt im Leben des Schriftstellers deutlich. Die ersten fünfzig Jahre seines Lebens verbringt Tolstoj als durchschnittlicher, wenn auch sehr liberaler adliger Landbesitzer und erfolgreicher Schriftsteller. Dann findet er zu seinem Glauben und wird für seine Umgebung wunderlich: Er verzichtet auf die Hilfe der Dienstboten, leert sein Nachtgeschirr selber aus und läuft in Lumpen umher, um jeglichen Luxus zu vermeiden. Mit seinem Besitz will er nichts mehr zu schaffen haben und wälzt diesen samt der Verantwortung für die Familie weitgehend auf seine Frau ab. Aus dieser Haltung ergibt sich ein unübersehbares Potential ehelicher Konflikte: Tolstoj würde seinen gesamten Besitz am liebsten den Bauern schenken, seine Frau hingegen muss daran denken, wie sie die Kinderschar – insgesamt dreizehn Kinder bekommt sie zwischen 1863 und 1888 – durchbringt. So fehlt das gegenseitige Verständnis der Ehepartner für einander und der Autor mutet seiner Ehehälfte viel zu, sowohl im häuslichen Bereich als auch auf literarischer Ebene. Sofja Tolstaja wehrt sich, indem sie selbst zur Schriftstellerin wird. Der Konflikt wird das Privatleben der letzten drei Jahrzehnte beherrschen und durch die Flucht aus dem gemeinsamen Heim zum vorzeitigen Tod des Autors führen.

Sozialkritische Schrullen

Deutlich hervorgehoben wird in der Biographie auch, dass Tolstojs Auffassung von der Umsetzung seiner sozialkritischen Ideen als schrullig bezeichnet werden muss. Er meint, seinen Bauernkommunismus dadurch umsetzen zu können, dass er sein Hab und Gut seiner Frau überschreibt, aber weiter ungeniert das Leben eines reichen Grundbesitzers führt. So wie vielleicht ein kleines Kind sich versteckt, indem es die Hände vors Gesicht hält und ruft: „Ich bin nicht da.“ Diese herausgearbeitete Schizophrenie bestimmt den unterhaltsamen Aspekt des Buches. Dennoch kommt der humoristische Anteil insgesamt etwas kurz. Nicht einmal eine Handvoll Anekdoten zählt man im ganzen Buch, und diese bleiben teilweise im Ansatz stecken. Hier hätte man sich als Leser etwas mehr „Futter“ gewünscht. Insgesamt eignet sich die Biographie vor allem für wissenschaftliche Leser, die einen Einstieg in das Thema Tolstoj bekommen möchten oder Laien, die an einem kompakten Überblick über das Leben des Schriftstellers interessiert sind.

Ursula Keller, Natalja Sharandak: Lew Tolstoj, Rowohlt, 8,95 Euro.

Norman Riebesel, Norman Riebesel

Norman Riebesel - Hallo, ich bin Norman Riebesel. Ich bin seit Mai 2010 bei Suite101. Seit 2007 bin ich als freier Journalist tätig. Vorher habe ich ...

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