
- Cover Jordan, Lexikon Geschichtswissenschaft - Reclam
Das von Stefan Jordan herausgegebene Lexikon Geschichtswissenschaft erklärt auf 370 Seiten die 100 (angeblich) wichtigsten Grundbegriffe des Faches. Die aufgenommenen Begriffe stammen aus zwei verschiedenen Feldern: Erstens Forschungsrichtungen bzw. Schulen der Geschichtsschreibung mit einem bestimmten theoretisch- methodischen Anspruch (Alltags-, Begriffsgeschichte, Annales usw.), zweitens Kategorien historischen Denkens und Arbeitens (Erklären, Quellenkritik, Zeit usw.). Eine Unterteilung in diese beiden Felder oder eine thematische Gruppierung der Artikel wurde nicht vorgenommen. Stattdessen wird dem Leser eine übersichtliche und benutzerfreundliche alphabetische Auflistung von Alltagsgeschichte bis Zyklentheorie geboten.
Art und Auswahl der Begriffe
Die Geschichtswissenschaft selbst verfügt über keine eigene Fachsprache, so dass fast alle Begriffe ursprünglich anderen Disziplinen entstammen wie der Philosophie, Theologie, Soziologie, Psychologie und Literaturwissenschaft. Somit bildet Jordans Lexikon den zunehmenden interdisziplinären Charakter des Faches ab. Bei der Auswahl der Begriffe haben sich thematische und methodische Trends der Geschichtswissenschaft deutlich abgezeichnet. Begriffe wie Diskurs, Fiktion, Mentalitäten, Metaphern, Mythos, Topik oder Trope sind erst durch die kulturalistische Wende seit den 1980er Jahren in die Geschichtswissenschaft gespült worden. Ihnen bietet das Lexikon relativ viel Raum, während soziologische und vor allem wirtschaftswissenschaftliche Begriffe schwächer vertreten sind.
Im Unterschied zu dem von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck herausgegebenen Lexikon zu den Geschichtlichen Grundbegriffen (8 Bde., 1972-97) bewegt sich Jordans Lexikon ganz überwiegend auf der Metaebene. Es geht um die Reflexion des Historikers über die Grundlagen seiner eigenen Arbeitsweise und nicht um historische Themen im engeren Sinne. Einen Artikel zur Französischen Revolution wird man vergebens suchen. Dass der allgemeine Revolutionsbegriff fehlt, ist allerdings schon ein Mangel, zumal es unter den Stichworten „Krise“ und „Evolution“ Einträge gibt.
Themen, Methoden und Epochen der Historiographie
Umso mehr wird der Leser über Themenbereiche, Methoden und Epochen der Historiographie informiert. So kann man erfahren, was Sozial- und Kulturgeschichte, Positivismus und Konstruktivismus, Aufklärungshistorie und Historismus unterscheidet. Das ermöglicht vor allem Studenten und interessierten Laien, ihr eigenes historisches Denken (und eventuell Schreiben) in größere Zusammenhänge und Traditionen einzuordnen. Aber auch erfahrene Historiker finden in vielen Artikeln Denkanstöße, um ihr eigenes Arbeiten auf eine solide theoretische und methodische Grundlage zu stellen. Ohne Zweifel ist Jordans Lexikon theorielastig, doch es finden sich auch Artikel zu ganz praktischen Themen, die zum „täglichen Brot“ des Historikers gehören: Quellen und Quellenkritik, Erklärung und Erzählung, Periodisierung, Tatsache und Ereignis, Kontinuität und Wandel.
Fazit
Die Artikel sind knapp gehalten, aber inhaltlich dicht und präzise geschrieben. Wer sich vertiefend informieren will, findet am Ende jedes Artikels Verweise auf weiterführende Literatur. Manchmal ist die Darstellung allerdings zu definitorisch gehalten und berücksichtigt zu wenig die Möglichkeit eines Bedeutungswandels. Die Beiträge stammen von ausgewiesenen Experten ihres Fachgebiets, die aufgrund ihrer weit auseinander laufenden thematischen, methodischen und politischen Orientierung wohl eher selten an einem gemeinsamen Publikationsprojekt arbeiten würden. Diese erstaunliche Bandbreite zeigt, dass trotz anhaltender Theorie- und Methodendebatten zumindest eine intersubjektive Verständigung über Fachbegriffe möglich ist. Ein Faktum, dass Naturwissenschaftler den Geisteswissenschaften häufig nicht zutrauen.
