Bereits zu Beginn dieser Woche haben die Regierungsgegner in Libyen die zweit größte Stadt des Landes, Bengasi, unter ihre Kontrolle gebracht. Seit dem ist dort viel passiert: Die Menschen organisierten Bürgerwehren, welche die Sicherheit wiederherstellen sollen. Auch Wasser- und Elektrizitätsbetriebe wurden unter Bewachung gestellt. Eine erste Ausgabe einer postrevolutionären Zeitung erschien, und Führungspersönlichkeiten trafen sich, um über die Gründung einer provisorischen Regierung zu beraten. Doch der Diktator Gaddafi klammert sich weiter an den Schein einer Macht, die er offenbar längst nicht mehr besitzt. Denn am heutigen 25.02 wurde gemeldet, ein Gegenangriff der Anhänger Gaddafis auf Bengasi würde unmittelbar bevorstehen.

Angst vor Bürgerkrieg

Nicht nur im Westen und unter Beobachtern hatte man schon vor Tagen die Sorge vernommen, der Konflikt in Libyen könne sich von einem revolutionären Aufstand zu einem Bürgerkrieg ausweiten. Auch Libyer selbst haben davon gesprochen, eine Teilung Libyens in Ost- und Westlibyen sei unter den aktuellen Umständen denkbar, wobei Ostlibyen mit der Stadt Bengasi unter der Kontrolle der Reformer stehen würde. Die Protestbewegung hat inzwischen verkündet, die wichtigen Raffinerien und Ölhäfen im Osten des Landes würden den Verpflichtungen gegenüber den Verträgen mit den Handelspartnern nachkommen. Dies ist ein Zeichen von Zuversicht, welches auch Europa und den Rest der Welt an eine demokratische und friedliche Perspektive Libyens glauben lässt. Daher ist die Nachricht eines Gegenangriffes auf Bangasi doppelt brisant – eine Rückeroberung der Stadt durch Gaddafis Anhänger würde die Protestbewegung an einem sehr empfindlichen Punkt treffen. Die Verteidiger der Stadt sagen zudem, sie seien nur unzureichend ausgerüstet. Lediglich zwei Hubschrauber, zwei Flugzeuge sowie wenige Feuerwaffen befänden sich in ihrem Arsenal.

Schüsse in Tripolis

Aus den schwer zugänglichen Gebieten des Landes, vornehmlich aus den zentralen Regionen und der Hauptstadt Tripolis, werden weiter Gefechte gemeldet. Dabei seien wieder zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Anhänger des Regimes sollen nach Informationen von Bewohnern der Stadt auf alle das Feuer eröffnen, welche die Häuser verlassen. Genaue Zahlen und Vorkommnisse lassen sich dabei kaum eruieren, zu spärlich kommen die Augenzeugenberichte aus dem Gebiet. Die Informationen können zudem nicht als verlässlich eingestuft werden. Aus Tripolis wird berichtet, die Regierung Gaddafi habe SMS-Nachrichten an die Bürger verschickt, in denen dazu aufgefordert wird, wieder dem normalen Leben nachzugehen und sich keinen Protesten anzuschließen. Dies muss als Hohn erscheinen, wenn die Menschen auf der Straße sofort beschossen werden. Afrikanische Söldner, die von Gaddafi gegen Demonstranten eingesetzt wurden, und von den Regierungsgegnern gefangen genommen worden sind, haben ausgesagt, für jeden toten Regierungsgegner habe Gaddafi ihnen ein Kopfgeld von 9.000 Euro versprochen. Unter Kreisen von Regimegegnern geht das Gerücht um, am heutigen Freitag sein ein "Marsch der Millionen" nach Tripolis geplant, um Gaddafi endlich zu stürzen.

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