Lichtjahre entfernt - Eine Rezension

Ein psychologischer Wettlauf mit verlorenen Erinnerungen und Zeit

Rainer Merkels  - http://www.fischerverlage.de/buch/3100484428
Rainer Merkels - http://www.fischerverlage.de/buch/3100484428
Rainer Merkels neuer Roman schickt den Leser durch die klaustrophobischen Erinnerungen eines Mannes, auf der Suche nach dem entscheidenden Knacks seiner großen Liebe.

Psychoanalysen sind immer unbequem. Besonders in der Literatur. Man kann sich nicht einfach mal berieseln lassen. Innere Monologe, erlebte Rede - innere Vorgänge einer Figur, das ist zuweilen verdammt harte Lesearbeit. Desto beachtlicher, dass Rainer Merkel dies trotzdem umsetzte. Sein neuer Roman "Lichtjahre entfernt" ist genau das: unbequem. Vielleicht auch beklemmend. Ein klaustrophobisches Kammerspiel. Allerdings weil die Geschichte nur im Kopf des Protagonisten berichtet wird.

Die Handlung

Die Geschichte ist einfach erzählt. Ein Mann befindet sich nach einem Wochenende in New York auf dem Weg zum John F. Kennedy Airport. Er ist eine Stunde in Verzug. Er muss den Flieger erreichen - oder etwa doch nicht? Sein geplantes Leibeswochenende mit seiner langjährigen Freundin Judith schlug fehl. Und trotz großer Eile durchschneidet somit immer wieder eine quälende Frage die Gedanken des Hauptdarstellers Thomas Kaszinski: Wann ging seine große Liebe eigentlich zu Bruch?

Der Aufhänger ist das Ende einer Liebesbeziehung als Anfang eines Romans. Von nun an erzählt sich die Geschichte rückwärts. Denn Kaszinski, ausgerechnet Familientherapeut, versucht sich selber zu therapieren. Er geht knallhart analytisch mit all seinen Erinnerungen der letzten acht Monate um, auf der Suche nach der Erklärung für die Gescheiterte Liebe. Der Leser ist Zuschauer. Wie ein voyeuristischer Detektiv steht man vor der Frage, wo der Anfang einer nicht enden wollenden Fehlerkette aus mal mehr, mal weniger schwerwiegenden Beziehungsfehltritten des Protagonisten ist.

Gedankenvoyeurismus

Das ist das Geheimrezept. Man wühlt unfreiwillig in den Gedanken eines Beziehungswaisen. Ein beziehungsarmer Besserwisser, der trotzdem das Ende seiner Partnerschaft zu seiner großen Liebe Judith nicht versteht. Schön ist das nicht. Aber aufhören kann man auch nicht. Man buddelt sich immer tiefer durch die psychischen Altlasten der Figur. Die sucht immer neue Ansätze. Man nähert sich stetig einem Zentrum der Beziehungskatastrophe, erreicht es aber doch nie. Man wandert durch acht Monate Erinnerungen von Thomas mit Judith. Man begleitet ihn auf Promotiontouren zu Schwulenpornos. Man ist da, wenn er Judith eiskalt mit Prostituierten oder Liebesabenteuern betrügt. Man sieht durch seine Augen, wie er Judith nicht berühren kann und sie dennoch aus tiefstem Herzen liebt.

Kopfdrama der Gefühlsarmut

Ein Drama im Kopf. Alle auftauchenden Charaktere gibt es nur in Erinnerungen. Nur duch Kaszinskis Augen. Stets gefiltert und für den Leser eiskalt seziert und häppchenweise serviert. Handlungsstränge, die aus verschiedenen Erinnerungen der Vergangenheit und dem gegenwärtigen Hasten zum Flughafen durch ein erstickend heißes New York komponiert sind, werfen stetig alles durcheinander. Man verabscheut ihn irgendwann. Er ist geizig und herablassend anderen gegenüber. Eiskalt was Gefühle angeht. Und wenn man dann glaubt, die Callgirls sind der wahre Grund für den Bruch, dann passiert etwas mit dem Herzen.

Unfähig zu lieben

Auf dem Schlafsack hat seine langjährige Freundin ein Herz aus Münzen gebaut. Über einen Meter groß. Und gerade als sich Kaszinski mit einem iranischen Callgirl vergnügen möchte, entdeckt er das Herz. Er treibt es trotzdem mit der Iranerin. Da haben wir dann die Lösung - oder doch nicht? Die Suche geht weiter, immer weiter. Als Leser wird man trotz der gedanklichen Nähe immer auf Distanz gehalten. Es bleibt unbefriedigend. Es gibt nicht den einen Fehler. Der Fehler liegt in allem, was diese gefühlsarme Seele tut. Wie sein schwuler Freund Mads Chritiansen richtig feststellt: "Ich glaube, du kannst gar nicht lieben". Dieser Satz geht fast unter und stellt doch das Resumee dar.

Einzig allein Merkels rastlose Suche nach immer verquirlteren Wortspielen mit Adjektiven, die nicht zu Nomen und Adverben, die nicht zu Verben passen, stößt sauer und gezwungen auf. Und doch charakterisiert diese maßlose sprachliche Rücksichtslosigkeit treffend Kaszinski - den Mann, der nicht lieben kann.

Rainer Merkel: Lichtjahre Entfernt. Fischer, 2009. Hardcover, Euro 18,95.