In dem Roman "Schlafes Bruder“, der 1992 erschienen ist, erzählt Robert Schneider die Geschichte eines unglücklich verliebten Genies. Johannes Elias Alder wird um 1800 in einem inzestuösen, voralbergischen Dorf geboren. Durch seine gelbe Augenfarbe ist er schon durch sein Erscheinungsbild ein Außenseiter.
Früh entdeckt er seine Gabe: Als Naturtalent spielt er die Orgel wie kein anderer. Die Musik ist die Kraft, die ihn retten könnte. Doch er entscheidet am Ende, sich für die Liebe aufzuopfern, nachdem seine Angebetete Elsbeth einen anderen heiratet. "Wer schläft, liebt nicht“, sind die einprägsamen Worte eines Wanderpredigers. Schließlich begeht Elias Selbstmord durch Schlafentzug.
Die Liebe des Johannes Elias Alder
Der Pluralismus der postmodernen Gesellschaft drückt sich in Schlafes Bruder in einem Pluralismus der Liebeskonzeptionen aus. Elias gehört zu den "ungeborenen“ Figuren der Postmoderne. Figuren also, die keine Innerlichkeit aufweisen und auf der Suche nach Identität sind. Die eigentliche identitätsstiftende Konstituente, die Musik, vernachlässigt der Protagonist für die nur scheinbar identitätsstiftende Liebe.
Schneider macht hier auf die Illusion der romantischen Liebe aufmerksam, auf ihre Unmöglichkeit, da sie die Verleugnung der inneren Kräfte bedingt. Die Liebe als Schicksalsmacht, wie sie in der Romantik entworfen wird, erfährt durch die Aufhebung des Gottesbegriffes im Roman zusätzlich ihre Auflösung. Elias überführt seine Gefühle nach seiner Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Lebens in eine Form der leidenschaftlichen Liebe. Bezeichnend für diese sind hier Elias` Subjektivität, seine Selbtreferenz und Elsbeths vermeintliche Eigenschaften als seine selbstgeschaffene Projektion.
Elsbeth und Elias`Eltern
Elsbeth träumt zuerst von einer romantischen Liebe. Ein Fremder soll kommen, ihr Identität geben und sie heiraten. In ihrer Fremdbestimmtheit lässt sie sich allerdings auf tradierte pragmatisch-ökonomische Muster ein, indem sie den ihr empfohlenen Lukas Alder heiratet, für den sie keine Gefühle hegt. In Eschberg heiratet man halt nicht aus Liebe.
Die Eschberger Gesellschaft ist unbeeinflusst von Empfindsamkeit. So wissen die Frauen nichts von Zärtlichkeit, und selbst im Nahbereich der Familie treten keine emotionalisierte, freundschaftliche Strukturen auf. Da erstaunt es, dass Seff, Elias Vater, selbständig väterliche Gefühle für seinen Sohn entwickelt, als er diesen in einer Krankheitsphase pflegt. Kurzzeitig überwindet der Vater sogar die Kommunikationsunfähigkeit, die in Eschberg verbreitet ist, und schüttet dem Elias sein Herz aus.
Die Mutter denkt nur an die Verwirklichung ihrer egoistischen, opportunistischen Ideen. Ihr kommt es vor allem auf die Anerkennung in der Gesellschaft an. Ihre vermeintlichen Mutterinstinkte treten nur einmal zum Vorschein, als sie durch den Schnee stolpernd den Elias an sich drückt. Doch hier kann man eher die Absicht vermuten, dass sie ihre nackten Sohn vor neugierigen Blicken verbergen will. Denn kurz zuvor pubertierte dieser wie durch ein Wunder innerhalb weniger Minuten.
Die Figur des Peters in Schlafes Bruder
Die Figur des Peters ist bezüglich der Liebeskonzeption wohl die interessanteste. Sein wichtigstes charakterliches Merkmal ist die Fähigkeit, das Wesen der Menschen zu erkennen. Er erkennt auch als einziger Elias`Genie.
Die sadistischen Züge Peters sind psychologisch als Kompensation seines eigenen Schmerzes zu erklären. Er wird von seinem Vater bis zur Deformation seines Armes geprügelt und fragt sich daraufhin, warum er das Leid allein tragen solle.
Doch seine Fähigkeit lässt ihn sich in den wahren Elias verlieben. Seine Liebe bleibt jedoch nicht ohne egoistische Motivation und Eifersucht. Sein Besitzanspruch äußert sich in der Verheiratung seiner Schwester Elsbeth mit Lukas, da er um Elias Liebe zu ihr weiß.
Peter oder die Frage von Gut und Böse
Peter weiß auch um die Unmöglichkeit seiner Liebe und macht sich keine Illusionen. Der Selbstmord von Elias hat eine kathartische Kraft auf ihn. Er löst seinen Sadismus auf und er kann auf einmal Mitleid empfinden. Er hat den Tod Elias` empathisch mitvollzogen und somit ein größeres Leid als sein eigenes erfahren, das nun kompensiert ist.
Anhand der Figur des Peters wird ein allgemeines Problem der postmodernen Zeit deutlich: das der Wertebestimmung. Die Dichotomie Gut-Böse ist in ihm nicht mehr zu vollziehen. Die Psychologisierung seines Sadismus macht sein Verhalten erklärbar, so dass man eher Mitleid für ihn empfindet.
Seine Empathiefähigkeit wird zum Wert an sich. Dass er am Ende seinen Sadismus ablegt, lässt erkennen, dass man in ihm nicht nur das Prinzip des Bösen ablesen kann. Auch er ist nur ein Produkt seiner Umgebung. So egoistisch sein Handeln sein mag, er liebt den Elias wirklich.
Die wahre Liebe der Dorfhure Burga
Die einzige Liebe, die Erfüllung findet, ist die der Dorfhure Burga. Sie liebt das Leben und die Menschen, die sie in ihrer Unvollkommenheit annimmt. So auch ihren Geliebten, der bei einen Unfall einen Hoden verloren hat. Sie liebt ihn aber dennoch und es kümmert sie nicht, was die Leute sagen. In ihrer Funktion als Dorfhure, die aber ein reines Herz und Lebensfreude bewahrt hat, steht sie der scheinheiligen Moral der Gesellschaft gegenüber.
So kommt mit Burga und ihrer Liebe die Frage der Moralität im Roman auf. Selbsttreue wird bei ihr zum Wert erhoben. Sie kümmert sich nicht um die Meinung anderer, isoliert sich jedoch nicht und zeigt so wahre Größe. Am Ende ist sie die einzige, die Glück aus der Liebe zieht.
Durch den Pluralismus der Liebeskonzeptionen muss die Schlussfrage des Romans, was Liebe bedeutet, unbeantwortet bleiben, denn die Antwort darauf "ahnt nur der Liebende,“ wie es am Ende auch so schön heißt.
