
- Shriver: Liebespaarungen - Piper Verlag
Es ist nicht unbedingt notwendig, aber schon hilfreich, wenn dem Leser von Lionel Shrivers Liebespaarungen der Snookersport nicht völlig unbekannt ist. Denn Ramsey Acton ist Snookerspieler, und zwar einer der Besten. Mit fast 50 Jahren ist er immer noch aktiv und hat sechs Mal das WM Finale erreicht, dann allerdings immer verloren.
Snooker – very british
An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum Snooker für die Leser, denen dieser hochgradig britische Sport bisher noch nicht über den Weg gelaufen ist. Äußerlich betrachtet ähnelt Snooker dem wesentlich bekannteren Poolbillard. Auch der Snookertisch hat vier Taschen in den Ecken und zwei in der Mitte der Seitenbande, in denen die Bälle nach einem ebenso komplizierten wie raffinierten System versenkt werden müssen. Der Snookertisch ist fast doppelt so groß wie ein üblicher Poolbillardtisch, was dem Spiel eine große Eleganz verleiht und den Spielern äußerste Präzision abverlangt.
Obwohl Snooker als Arbeitersport groß geworden ist, hat er eine sehr steife britische Etikette entwickelt mit Spielern in gestärktem Hemd, Weste und Fliege und weißbehandschuhten Schiedsrichtern, die zusammen mit den Spielern ein rituelles Ballett rings um den grünen Altar des Snookertisches aufführen.
Irina und die Welt des Snookerstars Ramsey Acton
Zurück zu "Liebespaarungen". Ramsey Acton ist nur einer der beiden Männer, die im Leben der Kinderbuchillustratorin Irina Mc Govern eine Rolle spielen. Der andere ist Lawrence, ein Terrorismusexperte, der in einem Londoner Think Tank arbeitet, weshalb die beiden Amerikaner in der britischen Hauptstadt leben. Obwohl nicht verheiratet, leben sie ein sehr geregeltes Eheleben, geprägt von Gewohnheiten, Sparsamkeit, Zuwendung, einem ritualisierten aber, auf den ersten Blick, nicht unerfüllten Sexualleben. Ein ruhiges, ein sicheres, kein spektakuläres aber ein gutes Leben, so empfindet es Irina. Die Verbindung zum Snookerstar Ramsey ist über dessen Exfrau Jude entstanden, einer Kinderbuchautori,n für die Irina ein Buch illustriert hatte. Nach Ende von Ramseys Ehe und Irinas Zusammenarbeit mit seiner Frau bleibt der Kontakt nur erhalten, weil Lawrence Snookerfan ist und deshalb das jährliche Essen zu Ramseys Geburtstag nicht ausfallen lassen will.
Shrivers Liebespaarungen als Spielplatz der Möglichkeiten
Der schicksalhafte Wendepunkt in Irinas Leben kommt, als Lawrence an Ramseys Geburtstagstermin beruflich in Sarajewo weilt und seine Frau – obwohl nicht verheiratet, nennt er Irina so – nötigt, die jährliche Verabredung mit Ramsey einzuhalten. Wenig begeistert lässt sich Irina von dem berühmten Snookerspieler zum Essen ausführen, und es kommt, wie es kommen muss, sie erliegt den Verführungskünsten des gut aussehenden Stars und küsst ihn in seinem Heiligtum, seinem privaten Snookermuseum im Kellergeschoß seines Hauses. Oder küsst sie ihn nicht, widersteht sie? Diese Frage wird zur treibenden Kraft der restlichen Story. Von dem Augenblick im Snookerkeller an, geht das Buch zweigeteilt weiter. Ein Kapitel entwickelt die Geschichte der Irina Mc Govern, die den Absprung aus ihrem bürgerlichen Leben schafft und eintaucht in die Glitzerwelt der Snookerszene. Mit dem vollendeten Gentleman Ramsey erlebt sie stürmische Liebesnächte, aber auch stürmische Szenen einer Ehe, denn der Gentleman entpuppt sich im Zusammenleben als egozentrischer, wehleidiger Macho.
Irina Mc Govern am Scheideweg
Im nächsten Kapitel hat Irina Ramsey nicht geküsst. Ihr Leben verläuft weiter in ruhigen Bahnen, wenn auch der Gedanke an die Möglichkeit dieses Moments sie immer begleitet. Die Snookerstars Ronnie O'Sullivan, Stephen Hendry oder Ken Doherty bleiben ferne Gestalten aus der unwirklichen Showwelt hinter der Mattscheibe. So geht es weiter abwechselnd von Kapitel zu Kapitel. Eines schildert Irinas Ausbruch und ihr neues Leben, das Nächste die Konsequenzen der Entscheidung für Sicherheit und Kontinuität in einem weiteren Zusammenleben mit Lawrence.
Liebespaarungen eine hellsichtige Analyse moderner Partnerschaft
In einer Mischung aus "Wahlverwandtschaften“ und "Lola rennt“ gelingt es Shriver in erstaunlicher Weise, die Relativität dessen, was wir denken, fühlen und sagen darzustellen. Viele Dialoge wiederholen sich im nächsten Kapitel fast wortgleich, werden aber unter den geänderten Voraussetzungen genau der anderen Person in den Mund gelegt. In vielen Variationen thematisiert Shriver auch die Tatsache, dass wir im Allgemeinen das nicht zu schätzen wissen, was wir haben und das wollen, was wir mutmaßlich nicht haben.
Shriver verfolgt in "Liebespaarungen" eine hochinteressante, wenn auch nicht mehr völlig neue Kompositionsidee. Geschickt baut sie Zeitgeschichtliches ein, wie den Tod von Lady Di oder den 11. September 2001, und lässt Letzteres in beiden von Irina gelebten Leben zu einem Wendepunkt werden.
Was Shriver nicht ganz schafft, ist die kompositorische Konsequenz durchzuhalten, die man braucht, wenn man ein so hochkomplexes Romanwerk schaffen möchte. Manche Wendung des einen Erzählstrangs erscheint mehr der angestrebten Parallelität geschuldet, als der inneren Konsequenz der erzählten Story. So zum Beispiel, wenn Ramsey bei den Feierlichkeiten zur Verleihung des Lewis-Carroll-Preises den Streit aus dem vorigen Kapitel mit Irina hier mit seiner flugs wieder eingeführten Partnerin Jude führt.
Shrivers wissender Blick in die Psyche ihrer Protagonisten, ihre unbarmherzige Analyse der alltäglichen Katastrophe partnerschaftlichen Zusammenlebens, auch von Menschen, die besten Willens sind, lassen den Leser aber gerne über solche kleineren Unebenheiten hinwegsehen. "Liebespaarungen" ist ein spannendes Lehrbuch über modernes Beziehungsleben. Shriver macht uns keine großen Hoffnungen: Egal wie wir uns entscheiden, nur wenige Beziehungen überleben die Freiheit, die unsere Zeit prägt.
Lionel Shriver: Liebespaarungen. Piper Verlag 2009. Gebunden, 529 Seiten. Euro 19,95.
