
- Friedrich Hölderlin, Sämtliche Gedichte - Suhrkamp Verlag
Am 20. März 1770 wurde Johann Christian Friedrich Hölderlin geboren. Klosterschule, Theologiestudium, Hauslehrer, Hofmeister – berufliche Stationen, die er der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, anlief, denn was Hölderlin mit vielen seiner heutigen Schriftstellerkollegen teilte, war das Schicksal, trotz inneren Feuers, trotz großer Begabung, trotz enormen Fleißes von der Dichtkunst nicht leben zu können.
Bild und Klischee
Das Bild des blassen Dichterjünglings stimmt nur bedingt. Hölderlins Gemüt war in der Tat angreifbar, die Nerven fein, dünn die Haut, und glaubt man einem seiner Mitschüler im Tübinger Stift, dann lag in Hölderlins ganzem Wesen der "unverkennbare Ausdruck des Höheren". Was allerdings Hölderlins Äußeres betraf und die körperliche Verfassung, standen die Zeitgenossen eher einem Apoll, denn einem Luftwesen gegenüber. Meist auf Wanderschaft, legte er im Schnitt 50 Kilometer pro Tag zurück und auch seine Größe von 1,80 Metern widerspricht dem Klischee des kränklichen, schwächlichen Mannes. Dichter, Revolutionär und Liebender war er, immer unterwegs im wörtlichen wie übertragenen Sinne, und dass ihn dieses Wandern in eine Krankheit führte, begründet am besten Achim von Arnim: "Weder Lavater noch Klopstock, noch irgendein Zeitgenosse Hölderlins kann als Funke seiner Flamme betrachtet werden. Was ihn erleuchtet, kommt aus weiter Ferne."
An die Parzen
Nur einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, / Daß williger mein Herz, vom süßen / Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht / Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht; / Doch ist mir einst das Heilge, das am / Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! / Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel / Mich nicht hinab geleitet; einmal / Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Ehmals und jetzt
In jüngern Tagen war ich des Morgens froh, / Des Abends weint ich; jetzt, da ich älter bin, / Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch / Heilig und heiter ist mir sein Ende.
Lebenslauf
Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See, / Ihr holden Schwäne, / Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.
Leben, lieben, scheitern, dichten
Am 11. September 1805 wurde Hölderlin ins Klinikum Authenrieht eingeliefert. Spätestens ab diesem Zeitpunkt galt er als wahnsinnig. Sieben Monate dauerte der Aufenthalt, danach wohnte der große Dichter zwischen Klassik und Romantik, dem die Ärzte längstens drei Jahre Leben voraussagten, in einem Turm. 35 lange Jahre. Zwischen Stille und Gedicht.
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte. Text und Kommentar. Herausgegeben von Jochen Schmidt. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 2005. Broschur, 1152 Seiten. Euro 18,00 [D] / Euro 18,50 [A] / sFr 32.70
