
- Lilian Harvey posiert - Ross-Verlag
Die Karriere von Lilian Harvey war steil bergauf gegangen. Spätestens mit ihrem Erfolg in dem Ufa-Film "Der Kongress tanzt" von 1931 ist ihr Name auch international ein Begriff. Schließlich hat sie es sich nicht nehmen lassen, auch in "Le congrès s'amuse" und "Congress Dances" die Hauptrolle zu spielen, der französischen und der englischen Version des Kassenschlagers.
Ausflug nach Hollywood
So ist es nur natürlich, dass sie, die als gebürtige Engländerin die Weltsprache perfekt beherrscht, nach Hollywood schaut. Den Traum vom großen internationalen Ruhm im internationalen Geschäft träumt auch Paul Martin. Er lernt Lilian bei den Dreharbeiten zu "Der Kongreß tanzt" kennen, bei dem er Regieassistent ist.
Im darauf folgenden Jahr 1932 wird Martin die Regie in einem weiteren Film des Traumpaars Fritsch/Harvey anvertraut: "Ein blonder Traum". In die amerikanischen Kinos kommt der Streifen unter dem Titel "Happy Ever After". Während Willy Fritsch seinen Part an einen englischen Kollegen abtritt, übernimmt Lilian Harvey wiederum die Hauptrolle auch in der englischen (und französischen) Version des Films.
Ein Mann tritt in das Leben des Filmstars
Paul Martin und Lilian Harvey sind inzwischen auch privat liiert, obwohl Paul Martin verheiratet ist. "Ein blonder Traum" weckt das Interesse der Traumfabrik Hollywood. Beide bekommen bei der 20th Century-Fox einen Vertrag und gehen 1933 in die USA.
Doch der Ausflug in die größte Filmfabrik der Welt erweist sich als wenig erfolgreich. Paul Martin setzt mit "Orient Express" einen Film völlig in den Sand und wird von den Studio-Bossen danach nicht mehr berücksichtigt. Lilian Harvey bekommt ein paar Chancen mehr, doch auch ihre vier Hollywood-Filme werden keine Publikumsmagneten.
Lilian im NS-Film
Das Paar kehrt 1935 desillusioniert nach Deutschland zurück. Doch die Verhältnisse haben sich seit ihrer Abreise erheblich verändert. Die deutsche Filmindustrie ist von den Nazis inzwischen gleichgeschaltet, die jüdischen Filmschaffenden sind aus ihren Funktionen entfernt. Ein Opfer der "Arisierung" ist auch Erich Pommer, der große Ufa-Produzent und stetige Mentor von Lilian Harveys Karriere.
Trotzdem wird der heimgekehrte Star mit offenen Armen empfangen. Aus Hollywood ins Reich zurückkehrende Publikumslieblinge sind gut fürs Renommee. Der oberste "Filmherr" Joseph Goebbels hatte sich, wenn auch vergeblich, persönlich bemüht Marlene Dietrich zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen.
Immer wieder Willy Fritsch
So kommt man Lilian Harvey gern entgegen, als sie sich ihren Lebenspartner Paul Martin als Regisseur wünscht. Auch ihre Bedingung, einen Teil ihrer Gage in Devisen ausgezahlt zu bekommen, wird akzeptiert.
Sonst knüpft man nahtlos an die alten Muster an. Willy Fritsch wird im Film "Schwarze Rosen" wieder Lilians deutscher Partner, für die englische und die französische Version spielt sie mit anderen Kollegen.
Dem Publikum gefällt es. Der Film wird ebenso wie die beiden Nachfolger "Glückskinder" und "Sieben Ohrfeigen" ein Erfolg. Beide Filme werden von Martin inszeniert, der Partner der Harvey heißt, wenig überraschend, Willy Fritsch.
Das sollen die letzten Filme sein, welche das "Traumpaar" des deutschen Films gemeinsam dreht. Mit Paul Martin realisiert sie noch einen letzten Film, dann sind Beziehung und Zusammenarbeit am Ende.
Lilian Harvey verlässt Deutschland
Nicht nur privat hat der Filmstar Probleme, auch politisch bekommt sie Schwierigkeiten. Sie pflegt weiter Umgang mit jüdischen Freunden, was ihr die Beobachtung durch die Gestapo einbringt. Als sie dem Choreographen Jens Keith zur Flucht in die Schweiz verhilft, wird sie sogar zum Verhör vorgeladen. An die Zusage, einen Teil ihres Honorars in ausländischer Währung auszuzahlen, hält sich die Ufa nicht mehr.
So beschließt Lilian Harvey im Frühjahr 1939, Deutschland zu verlassen. Der Großteil ihres Vermögens bleibt dort. Sie geht nach Südfrankreich, wo sie seit 1931 ein Haus in Juan-les-Pins besitzt. Zwei Filme dreht sie in Frankreich. Beide werden Pleiten, wobei sie beim ersten, einem Film über das Leben Schuberts, als Koproduzentin auftritt und Geld verliert.
Wieder in den USA
Im Juni 1941 weicht sie vor den deutschen Truppen, die Südfrankreich zu besetzen drohen, in die USA aus. Die Voraussetzungen sind jetzt andere als bei ihrem letzten Auftritt in Hollywood. Zwar bekommt sie einige Angebote für Nebenrollen, unter anderem für "Casablanca", lehnt sie aber sämtlich ab.
Stattdessen arbeitet sie zwei Jahre lang als Schwesternhelferin für das Rote Kreuz. Das Deutsche Reich hat ihr inzwischen, im Jahr 1943, die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.
Die alten Zeiten sind vorbei
Erst 1944 kehrt sie zu ihrem Beruf zurück. Sie spielt zwar nicht im Film, dafür aber recht erfolgreich auf der Bühne. Trotzdem zieht es sie nach Kriegsende nach Europa zurück. Sie tourt ab 1946 teils in Revuen, teils als Sängerin durch mehrere Länder.
Auf einer Tour lernt sie den dänischen Theateragenten Hartvig Valeur-Larsen kennen und heiratet ihn 1953, doch hält die Ehe nur vier Jahre. An die Erfolge der Vergangenheit anzuschließen gelingen nicht, mehrere Versuche eines Comeback scheitern. Das deutsche Publikum hat Lilian Harvey noch als "das süßeste Mädel der Welt" in Erinnerung und verzeiht ihr nicht, dass sie älter geworden ist.
Mit ihrer Sekretärin und neuen Lebensgefährtin Else-Pitty Wirth zieht sich der einstige Weltstar nach Juan-les-Pins zurück. Dort stirbt Lilian Harvey am 27. Juli 1968.
