
- Der Kongress tanzt - Illustruerter Filmkurier
Ihren ersten größeren Kinoerfolg hat Lilian Harvey in ihrem achten (Stumm-)Film. Es ist die Operettenverfilmung "Die keusche Susanne", die sie erstmals mit Willy Fritsch zusammenbringt. Mit diesem Partner wird sie zehnmal vor der Kamera stehen. Sie sollen das "Traumpaar" des deutschen Films werden, an dem sich das Publikum kaum satt sehen kann.
Lilian Harvey – eine englische Deutsche oder deutsche Engländerin?
Damals ist Lilian Harvey 20 Jahre alt, hat aber schon Einiges hinter sich. Geboren wird sie am 19. Januar 1906 in London als Lilian Helen Muriel Pape. Ihre Mutter ist Engländerin, ihr Vater Deutscher. Ob Walter Bruno Pape auch ihr leiblicher Vater ist, bezweifeln die Biografen allerdings.
Jedenfalls ist er als Kaufmann international tätig. Die Familie, zu der noch zwei ältere Geschwister gehören, pendelt zwischen London, wo Lilian zur Schule geht, Berlin und Magdeburg. Dort, in der Heimatstadt von Walter Pape, überrascht sie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Die Familie übersiedelt nach Berlin, die jüngst Tochter kommt jedoch zu einer Tante in die Schweiz. Man ist besorgt um die Gesundheit des dürren Mädchens, das immer wieder Probleme mit ihrem (Unter-)Gewicht haben wird.
Beginn der Karriere beim Ballett
In der Schweiz, in Solothurn, beginnt sie auch mit Ballettunterricht. Das Tanzen wird ihre große Leidenschaft. Lilian Pape ist zwar klein und zierlich, aber von enormer Energie und eiserner Disziplin. So setzt sie nach ihrem Abitur, das sie 1923 in Berlin macht, ihre tänzerische Ausbildung an der Ballettschule der dortigen Staatsoper fort.
Mit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn, die sie Ende des gleichen Jahrs auf eine Tournee durch die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich führt, nimmt sie den Mädchennamen ihrer Großmutter an und nennt sich Lilian Harvey.
Richard Eichberg entdeckt Lilian Harvey für den Film
In Wien wird der Filmproduzent und Regisseur Richard Eichberg auf die junge Tänzerin aufmerksam. Er bringt sie zum (Stumm-)Film, lässt sie erstmals an der Seite von Willy Fritsch spielen und schließt mit ihr einen langfristigen Vertrag.
Das Publikum liebt den Typus, den Lilian Harvey verkörpert
Die junge Darstellerin kommt beim Publikum an. Sie unterscheidet sich deutlich von den großen Stummfilm-Diven. Ihre Ausstrahlung ist eher mädchenhaft als erotisch, sie verkörpert den Typus des frischen Girls mit leicht androgynem Einschlag
Sie ist alles andere als ein Vamp: Man kann mit ihr Pferde stehlen, auch flirten – an viel mehr ist nicht zu denken, auch wenn sie regelmäßig ihren Willy Fritsch bekommt. Ein wenig bleibt sie immer "die keusche Susanne".
Lilian Harvey wird zum Ufa-Star
Mit dem Erfolg wird auch die Ufa auf Lilian Harvey aufmerksam. Die Schauspielerin klagt sich aus dem ungünstigen Vertrag mit Eichberg, muss Abfindung zahlen und unterzeichnet einen 3-Jahres-Vertrag mit dem deutschen Filmgiganten.
Die Zusammenarbeit entwickelt sich für beide Teile vorteilhaft. Der Übergang zum Tonfilm gelingt reibungslos: ihren ersten Tonfilm dreht sie mit "Liebeswalzer" wiederum mit Willy Fritsch. Lilian Harvey ist bereit, eine Menge für ihre Karriere zu tun. Als ihre Stimme bei ersten Proben als nicht tonfilmtauglich befunden wird, ist sie sofort bereit, sich einer Operation der Stimmbänder zu unterziehen. Das erweist sich dann doch als überflüssig und der aufstrebende Star bekommt in der Folgezeit eine Menge zu sprechen.
Harvey in allen Sprachen: Dreharbeiten auch in Englisch und Französisch
Die Halb-Engländerin ist nämlich sehr sprachbegabt. In der Zeit des frühen Tonfilms werden Filme für den ausländischen Markt nicht synchronisiert, sondern parallel in gleicher Kulisse in mehrsprachigen Versionen abgedreht. Die Darsteller werden in der Regel ausgetauscht – nicht jedoch Lilian Harvey.
Sie besteht darauf, auch in den Parallel-Produktionen die Hauptrolle zu spielen. Englisch spricht sie natürlich perfekt, lernt aber auch hinreichend gut Französisch. So spielt sie etwa in ihrem größten internationalen Erfolg "Der Kongress tanzt" von 1931 in der deutschen, englischen und der französischen Version die kleine Handschuhmacherin, die dem russischen Zaren den Kopf verdreht. Ihr deutscher Traumpartner Willy Fritsch ist nicht so polyglott, er wird in den fremdsprachigen Versionen von Henri Garat vertreten.
Zwischen 1930 und 1933 macht sie einen Film nach dem anderen
Die Energie von Lilian Harvey scheint unbegrenzt. Sie dreht in den Jahren zwischen 1930 und 1933 einen Film nach dem anderen, darunter den Kassenschlager "Die Drei von der Tankstelle" mit Fritsch und Heinz Rühmann. Weitere Erfolge aus dieser Zeit sind "Hokuspokus" nach einem Stück von Curt Goetz und "Einbrecher". Beide Filme aus dem Jahr 1930 spielt Harvey wieder an der Seite von Willy Fritsch, beide finden Zustimmung bei Kinobesuchern und Filmkritik.
Der Ufa-Star steht mit "Der Kongreß tanzt" im Zenit seines Filmruhmes. Das Publikum schätzt Lilian Harvey ebenso wie der Ufa-Produktionschef Erich Pommer. Sie kann spielen, singen und tanzen, bringt sich sogar selbst das Seiltanzen bei. Ihr Arbeitsstil ist höchst professionell, das Pensum enorm. Es scheint fast so, als ahne sie, dass ihre Karriere bald enden soll.
